Zum Tod der "Eisernen Lady" Thatchers heikles Vermächtnis

Die einen lieben, die anderen verachten sie: Seit Churchill hat kein Premier Großbritannien so geprägt wie Margaret Thatcher. Ihr Erbe bestimmt das Leben noch heute - denn sie hat das Land zerschlagen in Reiche und Habenichtse.

Von , London


Die Achtziger sind zurück, sie leben, und das ist vermutlich die bedeutendste und gleichzeitig heikelste Hinterlassenschaft dieser Kaufmannstochter, die nun zu Grabe getragen wird wie eine Königin.

Margaret Thatcher prägt ihr Land bis heute, einige sagen: Mit ihr ging es bergab. Sie kürzte öffentliche Ausgaben, propagierte Haushaltsdisziplin, streute immer eine Prise Patriotismus auf ihre Sätze, senkte gleichzeitig die Steuern für die Reichen und sprengte der Finanzindustrie die Fesseln. Sie übergab Großbritannien dem Kräftespiel des Kapitalismus, und wie es aussieht, ringt das Land bis jetzt damit.

Eines der berühmtesten Zitate Thatchers lautet: "There is no such thing as society." Mit der Idee einer Gesellschaft als politisches Konstrukt konnte sie nichts anfangen, weil sie an die ordnende Hand des Marktes glaubte. Man kann sie auch als Freiheitskämpferin beschreiben. Von den Linken wird sie bis heute für diesen Satz gehasst, weil sie den Staat zum Ungetüm erklärte, dessen Macht sie radikal zurückschnitt. Die Tories dagegen lieben Thatcher, weil sie Großbritannien beigebracht hat, konservativ zu fühlen, zu denken und zu handeln, unabhängig davon, welche Partei gerade zufällig an der Macht ist.

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Margaret Thatcher ist tot: Die Eiserne Lady
Briten, die Anfang der achtziger Jahre als Jugendliche und Heranwachsende vor dem Fernseher hockten und die spröden Auftritte dieser Frau verfolgten, definieren sich immer noch danach, ob sie für oder gegen Thatcher waren. Thatcher ist wie Helmut Kohl und Ronald Reagan ein Geschöpf aus der Spätphase des Kalten Kriegs, doch im Gegensatz zu vielen männlichen Kollegen aus dieser Zeit funktioniert sie noch immer wie ein Keil. Sie ragt in die Gegenwart hinein. Thatcher ist die Spalterin, die den britischen Konsens einer zusammenwachsenden Gesellschaft unwiderruflich zerschlagen und das Land in eine linke und rechte Hälfte geteilt hat, in Reiche und Habenichtse. In solche, die es können und solche, die es besser bleiben lassen, weil es keinen Platz für Unproduktive gibt.

Dieser Riss existiert bis heute. David Camerons Polemiken gegen angebliche Schnorrer und Faulenzer speisen sich aus einem kollektiven Misstrauen gegenüber denjenigen, die von Zuwendungen des Staates abhängig sind. Thatcher war es, die dieses Misstrauen gesät hat.

Trotzdem wäre es ungerecht, ihr die Schuld für all das zu geben, was ihre Nachfolger an Zumutungen verschärft oder überhaupt erst ermöglicht haben. Die drei wichtigsten Ereignisse in Thatchers Regierungszeit waren der Bergarbeiterstreik, der Krieg um die Falkland-Inseln und die Wirtschaftskrise von 1981. Ohne diese krisenhaften Erfahrungen ist Thatcher nicht zu verstehen. Sie reagierte darauf, indem sie die Macht der Gewerkschaften sprengte, die Armee stärkte und den Banken Luft verschaffte. Thatchers Entscheidungen waren von so großer Gewalt, dass seither niemand die Kraft besaß, ihr Erbe zurückzudrängen.

"Die Lady kehrt nicht um"

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"Die Art und Weise, wie wir heute leben, ist eine unmittelbare Folge der tumultartigen Ereignisse der achtziger Jahre", schreibt der britische Journalist Andy McSmith in seinem historischen Porträt des prägendsten Jahrzehnts der Nachkriegszeit. Die Achtziger waren das Thatcher-Jahrzehnt, sie wehen gerade durch Großbritannien wie ein Alptraum. Generationen von Bankern in der Londoner City verdanken ihre Porsches und Champagnerpartys der Dame, die ihnen die Freiheit schenkte, weitgehend unbehelligt vom Staat ihrem Geschäft nachzugehen. Manchester, Birmingham, Liverpool, all die alten Industriestädte im Norden, liegen dagegen wie Ruinen da. Das halbe Land ist ein Freilichtmuseum aus dem Industriezeitalter.

Seit etwa fünf Jahren steckt Großbritannien in einem seltsamen Zustand der Lähmung fest, als befände sich ein ganzes Königreich auf dem Weg zur Mumifizierung. Thatcher ist die Frau, mit der vieles angefangen hat. Man hätte sie gerne zur aktuellen Krise befragt - doch es hieß, sie könne sich an nichts erinnern.



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referee84 08.04.2013
1. Ottmar Schreiner...
war zwar kein Bundeskanzler, hat aber in meinen Augen viel mehr Achtung verdient, da er für die Schwachen einstand.
wildwasser 08.04.2013
2.
Zitat von sysopAFPDie einen bewundern sie, die anderen hassen sie: Margarets Thatcher Regierungsjahre prägten Großbritannien wie kaum eine Amtszeit nach dem Krieg. Ihr politisches Vermächtnis beeinflusst das Leben auf der Insel bis in die Gegenwart. Denn ein Riss geht durch das Königreich. http://www.spiegel.de/politik/ausland/thatchers-vermaechtnis-sie-teilte-das-land-in-reiche-und-habenichtse-a-893218.html
Unmenschlich, neoliberal, kalt. Aber solche Leute gelten in dieser Welt ja was.
obi wan 08.04.2013
3.
Zitat von sysopAFPDie einen bewundern sie, die anderen hassen sie: Margarets Thatcher Regierungsjahre prägten Großbritannien wie kaum eine Amtszeit nach dem Krieg. Ihr politisches Vermächtnis beeinflusst das Leben auf der Insel bis in die Gegenwart. Denn ein Riss geht durch das Königreich. http://www.spiegel.de/politik/ausland/thatchers-vermaechtnis-sie-teilte-das-land-in-reiche-und-habenichtse-a-893218.html
England hatte zweifellos große Probleme, als sie an die Macht kam. Sie hat sie aber nur dadruch gelöst, in dem sie einfach neue Probleme geschaffen hat. Ihre "Heilungs"-Methode für einen gebrochen Fuß war in etwa: Dem Patienten beide Beine amputieren und ihn dann auf einen Trolley zu setzen. Mit dem kommt man zwar auf den ersten Blick sehr viel schneller voran als zu Fuß, aber Wehe, der Weg wird auch nur ein wenig unwegsamer. Ganz zu schweigen davon, dass der Saft von dem Gefährt auch endlich ist.
Whitejack 08.04.2013
4.
Egal ob konservativ oder links, liberal oder dogmatisch, eine Gesellschaft, die auf die Antworten der Gegenwart ausschließlich einer vergangenen Zeit suchen kann, hat es schwer. Thatcher mag Großbritannien radikal verändert haben, aber für das 21. Jahrhundert wird sich Großbritannien erneut verändern müssen. Die aktuelle Schuldenkrise ist nicht zuletzt eine Konsequenz der Tatsache, dass das weltweite Vermögen zu einem immer größeren Teil einer kleinen Schicht gehört. Thatcherismus kann dieses Problem nicht lösen, er verschlimmert es.
Vermalia 08.04.2013
5. Wie soll man das verstehen?
Frau Thatcher war demnach der Ausgangspunkt für sämtliche negativen Entwicklungen in Großbritannien, die Spaltung in Arm und Reich, für die Befreiung der Finanzindustrie, für die Lähmung einer Gesellschaft, deren Existenz sie einfach leugnete... Und ..warum wird sie jetzt wie eine Königin zu Grabe getragen? Und von wem? Von den champagnertrinkenden Bankern?? Und warum steht gleich drunter im vorauseilenden Gehorsam ein Artikel darüber, wie sich Frau Merkel von Frau Thatcher unterscheidet???
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