25 Jahre Tiananmen-Massaker Verbotene Trauer

Panzer gegen Menschen - die Bilder gingen um die Welt. Jetzt will die chinesische Führung verhindern, dass es am 25. Jahrestag des Massakers auf dem Tiananmen-Platz wieder Proteste gibt. Doch die Unzufriedenen im Land wollen nicht schweigen.

Von Ulrike Putz, Neu-Delhi

AP/ dpa

Der Platz des Himmlischen Friedens im Stadtzentrum Pekings ist seit Wochen von einem fast mannshohen Sperrzaun umgeben, gestrichen in greller Goldfarbe. Das Bollwerk soll kaum zu durchbrechen sein - erst im Oktober hatten drei Attentäter einen Jeep auf den Platz in eine Menschenmenge gefahren. Ein Fahrzeug wie dieses werde - so berichten die staatlichen Medien begeistert - von dem Zaun regelrecht abprallen, der dann in seine Form "zurückspringt" ohne auch nur einen Kratzer davonzutragen. Ganz so, als sei nie etwas gewesen.

So tun, als sei nie etwas gewesen auf dem Tiananmen-Platz - das ist die Politik der kommunistischen Führung in diesem Frühjahr. Das Massaker vom 4. Juni 1989 hat es offiziell nie gegeben. Niemand darf daran erinnern, dass Panzer und Soldaten damals die friedlichen Demonstranten auseinandertrieben und dabei möglicherweise Tausende ums Leben kamen.

Der 4. Juni ist so etwas wie ein heimlicher Gedenktag der Unzufriedenen, nur einige trauen sich, ihren Protest offen zu äußern. So lange es nur wenige Menschen waren, ließ der Staat sie bisher häufig gewähren. 2012 sammelten sich Bürgerrechtler sogar mit Plakaten. "Nieder mit der Diktatur", forderten sie.

Repression statt Reformen

Dieses Jahr wird es so etwas nicht geben: Mit Verhaftungswellen und der Verhängung von Hausarresten hat die Staatsmacht klargemacht, dass sie an diesem 4. Juni keinen Mucks von Chinas Andersdenkenden hören will.

  • Ende April verschwand die auch regelmäßig für die "Deutsche Welle" schreibende Journalistin Gao Yu. Am 8. Mai führte das Fernsehen die 70-Jährige dann vor. Offenbar unter Zwang gestand sie, "Staatsgeheimnisse preisgegeben" zu haben.
  • In derselben Woche verurteilte ein Gericht den Verleger Yao Wentian wegen "Schmuggels" zu 10 Jahren Haft. Er hatte vor, ein kritisches Buch über den chinesischen Staatschef Xi Jinping zu veröffentlichten.
  • Anfang Mai wurden dann ein Dutzend Aktivisten festgenommen, die sich zu einer privaten Gedenkfeier getroffen hatten. Der Menschenrechtsanwalt Pu Zhiqiang sitzt seitdem wegen Unruhestiftung in Haft.
  • Ding Zilin, die Sprecherin für die "Mütter von Tiananmen", wurde von der Obrigkeit wie viele andere Aktivisten auch unter Hausarrest gestellt.

"Das Vorgehen der chinesischen Regierung ist rigoroser als in den Vorjahren", sagt Verena Harpe, Asien-Expertin von Amnesty International Deutschland. "Sie setzt alles daran, die Erinnerung an die Ereignisse vom 4. Juni 1989 aus dem kollektiven Gedächtnis zu löschen."

Hintergrund ist die wachsende Unruhe in China. Unter der Oberfläche brodelt es. Obwohl China soziale Medien wie Facebook, Twitter und Instagram im Internet blockiert, finden immer mehr Bürger Wege, die Zensur zu umgehen und ihrem Ärger online Luft zu machen, berichten China-Kenner wie Rose Tang, die das Tiananmen-Massaker überlebte und heute in New York lebt.

In entlegenen Ecken Chinas ist der Zorn schon in Gewalt umgeschlagen. In der Provinz Xinjiang wehrt sich die Minderheit der Uiguren gegen die Bevormundung aus Peking. Erst vergangene Woche kamen in der Provinzhauptstadt Ürümqi über 30 Menschen um, als Terroristen auf einem belebten Markt Sprengsätze und eine Autobombe zündeten.

Aus Angst vor Unruhen und Terror lässt die Regierung inzwischen - auch in Peking - täglich 150 Panzerfahrzeuge patrouillieren. Präsident Xi, der im März 2013 mit dem Ruf eines Reformers sein Amt antrat, setzt vor allem auf Repression.

Bürgerrechtler planen, den 4. Juni in diesem Jahr mit stillem Gedenken zu begehen. Hu Jia, der als prominenter Oppositioneller mehrfach im Gefängnis saß und immer wieder als Favorit für den Friedensnobelpreis gilt, hat dazu aufgerufen, wenigstens ein kleines bisschen zivilen Ungehorsam zu zeigen: Jeder Chinese solle am kommenden Mittwoch als sichtbares Zeichen der Trauer um die Toten Schwarz tragen.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 35 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
paulroberts 31.05.2014
1. tja
Zitat von sysopAP/ dpaPanzer gegen Menschen - die Bilder gingen um die Welt. Jetzt will die chinesische Führung verhindern, dass es am 25. Jahrestag des Massakers auf dem Tiananmen-Platz wieder Proteste gibt. Doch die Unzufriedenen im Land wollen nicht schweigen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/tiananmen-jahrestag-in-china-unterdrueckung-und-festnahmen-a-972104.html
Mit Hilfe des Militärs Lösungen zu suchen hat noch nirgends funktioniert: http://de.wikipedia.org/wiki/Blutsonntag_%28Nordirland_1972%29
rolandjulius 31.05.2014
2. Eine Demokratie in China?
Ohne einer starken Staatsgewalt, wäre China niemals zu meistern. Heute machen es die Chinesen wie die Römer,welche durch die Unterdrückung ihr Reich zusammen hielten.. Das Reich der Inker hatte ebenfalls viele Parallelen, welche die heutige Innenpolitik Chinas bestimmen.
Bernd.Brincken 31.05.2014
3. Panzer gegen friedliche Demonstranten
Zitat von sysopAP/ dpaPanzer gegen Menschen - die Bilder gingen um die Welt. Jetzt will die chinesische Führung verhindern, dass es am 25. Jahrestag des Massakers auf dem Tiananmen-Platz wieder Proteste gibt. Doch die Unzufriedenen im Land wollen nicht schweigen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/tiananmen-jahrestag-in-china-unterdrueckung-und-festnahmen-a-972104.html
Das Bild wurde viel verbreitet, repräsentierte aber nicht die Art der Zusammenstöße, die den Konflikt ausmachten. Einige Aspekte: - Es war ein regelrechter Volksaufstand, der über Wochen anhielt, beginnend mit einer Demonstration am 27. April 89 - Die bis zu 300.000 Aufständischen errichteten in der Innenstadt Pekings mehrere Ringe von Barrikaden - Bevor das Militär am 3.6. den Platz räumte, gab es von beiden Seiten Bestrebungen zu Verhandlungslösungen - Danach hielten die blutigen Unruhen noch über Tage an Ein umfangreiches und mit 260 Quellenangaben ganz gut fundiertes Bild liefert auch der WP-Artikel: http://en.wikipedia.org/wiki/Tiananmen_Square_protests_of_1989
Weltoffen 31.05.2014
4. Das Massaker von Juni 1989 wird nicht vergessen
Dafür ist die Erinnerung der Menschen in Beijing noch zu tief. Nach Aussagen des Chinesischen Roten Kreuz vom 4. Juni 89 wurden in der Nacht vom 3/4 Juni bis zu 2.400 Menschen von der sogenannten Volksbefreiungsarmee ermordet. Danach begann eine Hetzjagd auf die Anführer und Mitaktivisten dieser Massenbewegung, der erneut viele zum Opfer fielen. Daß die Diktatorenclique in Beijing nach 25 Jahren immer noch viele Menschen vor dem 4. Juni verhaften läßt und jetzt sogar noch einen riesigen Superzaun um den Tiananmen- Platz ziehen läßt, zeigt nur, daß das Massaker von den Chinesen nicht vergessen wird.
Cpt.Willard 31.05.2014
5. Die selbsternannte
KP Grossmacht... Die Führung macht sich bereits ins Seidenhöschen wegen eines Gedenktags, man muss sich mal vorstellen wie denen die Knie schlottern werden, bei einem richtigen Krieg.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.