Chinesische Militäraktion Jagd auf Tibets Yak-Nomaden

Freiwilliger Tod in den Flammen: Gegen den verzweifelten Protest der Tibeter fällt Peking nur ein Mittel ein - mehr Soldaten. Mit großer Härte reagiert die Regierung auf alles, was nach Unruhe oder Unabhängigkeit klingt. Das bekommen nun auch die frei umherziehenden Yak-Hirten zu spüren.

AFP / FreeTibet

Von Ruth Fend, Peking


Die Soldaten kommen wie aus dem Nichts. Am Morgen ist das verschlafene Städtchen Xiahe noch eine Idylle wie aus dem Reiseführer. Über dem imposanten Kloster Labrang auf 3000 Meter Höhe kreisen Krähen, in der Luft hängt der Geruch von brennenden Wacholderzweigen. Die Pilger, die zu der großen weißgetünchten Anlage strömen, fackeln sie ab. Alte Frauen mit langen Zöpfen, Yak-Hirten in Wickelgewändern aus schweren Stoffen. Meter für Meter robben sich manche durch den Staub, Runde um Runde drehen andere um Tempel und Gebetstrommeln. Aus den Hallen dringt das tiefe Röhren und Murmeln betender Mönche.

Am Mittag plötzlich wimmelt die Hauptstraße nur so von Militäreinheiten und olivgrünen Lastwagen. Gruppen von Soldaten mit Schutzschild postieren sich vor sämtlichen größeren Gebäuden. Keiner will sagen, was passiert ist, nur ein chinesischer Taxifahrer plaudert munter: "In einem Dorf haben Polizisten einen Nomaden halb totgeschlagen. Gestohlen soll er haben. Daraufhin sind um die hundert von ihnen hierher gestürmt und haben Krawall gemacht. "

An anderen Orten Chinas würde eine Horde aufgebrachter Yak-Hirten nicht gleich zur Großmobilmachung führen. Aber Xiahe in der Provinz Gansu ist kein normaler Ort, und es ist keine normale Zeit. Peking ist hoch nervös.

Seit über einem Jahr sieht die Regierung sich mit einer für die Region gänzlich neuen Protestform konfrontiert: Reihenweise zünden sich in den tibetisch dominierten Gebieten Menschen an, mindestens 36 Tibeter haben seit März vergangenen Jahres den Flammentod gesucht. Erstmals taten zwei von ihnen das am Sonntag im Mai auch in Lhasa - es war die erste Protestaktion in der Hauptstadt der Autonomen Region Tibet seit den blutigen Zusammenstößen 2008. Einer stammte aus Xiahe. Das Kloster Labrang, eine der bedeutendsten Pilgerstätten auf dem tibetischen Plateau, ist ein Gefahrenherd.

Peking will Yak-Nomaden domestizieren

Das Gleiche gilt für die Yak-Nomaden. "Viele kommen aus alten Kriegertraditionen. Die sind sehr, sehr stark und haben nie starke politische Kontrolle über sich gehabt", sagt Robert Barnett, Tibetologe an der New Yorker Columbia University. Doch Peking will sie domestizieren. Seit 2004 bietet die Regierung den Nomaden Häuser in einförmigen, neu gebauten Siedlungen an. Zur Motivationshilfe werden etliche kleine Schulen nahe den Weidegebieten geschlossen. "Sie haben uns gesagt, wir sollen in die Stadt ziehen, da könnten wir die Kinder in die Schule schicken und hätten es bequemer", sagt der 51-jährige Jutsen.

Er trägt Hemd und Hose, nur das gebräunte Gesicht mit den hohen Backenknochen lässt die Nomadenherkunft erahnen. Mit 160 anderen Familien hat er sich in einem zugewiesenen Wohnblock am Stadtrand niedergelassen. Doch weil viele keine Jobs finden, gingen sie wieder zurück zu ihren Yak-Herden, die sie erst teilweise verkauft hatten, sagt Jutsen. Auch mit dem städtischen Komfort ist es nicht weit her: "Gerade im Winter ist es dröge und kalt hier. Die Heizungen sind schlecht, zugefrorene Wasserrohre platzen." Den Alten ist es unangenehm, in der engen Wohnung auf die Toilette zu gehen, sie verrichten ihre Notdurft vor der Haustür.

Regierung befürchtet Dominoeffekt

Offiziell geht es Peking darum, das Grasland vor Überweidung zu schützen. Zugleich sind der Zentralregierung schwer überschaubare, umherziehenden Volksgruppen unheimlich. "Etwa eine halbe Million Leute wurde gezwungen, ihren Lebensstil aufzugeben", so Robert Barnett.

Seit der Eroberung 1950 fürchtet die chinesische Regierung Unabhängigkeitsbestrebungen der Tibeter - und einen Dominoeffekt auf andere Gebiete des Riesenreichs, das zu 60 Prozent von Minderheiten bewohnt ist. Und nachdem Tibeter 2008 in Lhasa gegen die chinesische Herrschaft gewaltsam aufbegehrt hatten, rüstete Peking im Himalaja gewaltig auf. Aus der internationalen Presse ist der Konflikt seitdem fast verschwunden, doch vor Ort hat er sich zugespitzt - und geografisch ausgeweitet.

Bis Ende Mai fanden die Selbstverbrennungen vor allem in den östlich gelegenen Provinzen der Autonomen Region statt, wo die Mehrheit der ethnischen Tibeter lebt. "In den Achtzigern und Neunzigern war die Lage dort eigentlich sehr entspannt, und die Leute fühlten sich nicht mehr als Teile einer tibetischen Volksgruppe", sagt Barnett. "Doch seit dem Crackdown sehen sie sich wieder als Teil von Großtibet."

Dass die neue Protestform jetzt auch in die schon lange streng kontrollierte Autonome Region eingezogen ist, nennt er "eine sehr ernste Entwicklung".

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gambio 06.06.2012
1. Falschinformation
Die Tibeter wollen nicht die Unabhängigkeit von China. Das Volk von Tibet will im Bestand Chinas bleiben, dabei aber seine kulturelle Identität bewahren, hat der Dalai Lama 2010 in Washington erklärt. "Wir sind bestrebt, im Bestand des Volkes der VR China zu bleiben, dies wäre in unserem Interesse", sagte das Oberhaupt der Tibet-Buddhisten.
Lagenorhynchus 06.06.2012
2. voraussehbar
Die internationale Kritik anlässlich der Olympischen Spiele hatte verheerende Auswirkungen. Zum einen ist Peking wie zu erwarten war, nur noch kompromissloser geworden, zum anderen ist bei den Tibetern der gefährliche Eindruck entstanden, man könne die internationale Aufmerksamkeit aufrecht erhalten und das würde helfen. Deswegen die Selbstverbrennungen. Der internationale Medienzirkus aber hat sich nach den Olymics erst mal einen Dreck um Tibet geschert, da waren andere Themen dran. So zynisch es ist, wird es mit den Selbstverbrennungen auch so laufen, ach ja, da verbrennen sich wieder ein paar Tibeter, das ist nur noch Randnotizen wert. Für China ist Tibet ein Gesichtsverlust - und das wird nur mit Härte quittiert werden. Und welche Regierung stellt sich da entgegen? Die USA sind in einem so schwierigen Verhältnis mit China, dass sie sich Tibet als Thema einfach nicht leisten können - und unter Obama auch wenig Interesse daran haben. Hier hat die tibetische Exilregierung auch den Fehler gemacht, auf die Republikaner zu setzen und hatte bei Obama et al. wenig Kontakte und Lobby. Dass die Tibeter keine Führung haben, ist nichts Neues, das wurde nur durch die Niederlegung der politischen Ämter des Dalai Lama offensichtlich. Dieser hat ein massives Nachfolgeproblem, weil die Ernennung des nächsten Dalai Lama mit Sicherheit durch die Chinesen über korrupte oder erpresste Würdenträger laufen wird. Ein Neuanfang würde eine geeinigte, handlungsfähige tibetische Exilregierung erfordern, einen Konsens über einen kompletten Neuanfang, eine Stunde Null - sowie ein Anerkennen der Rechte Chinas an Tibet. Diese Kröte wird von den Tibetern nicht geschluckt werden, obwohl sie weder völkerrechtlich, noch politisch wirklich eine Perspektive zur Autonomisierung Tibets haben. Das ganze ist fürchterlich verfahren und wird mit dem Ableben des Dalai Lama eines Tages wahrscheinlich nur in eine weitere Abwärtsspirale gehen. Leider.
Ingmar E. 06.06.2012
3.
Was ich bei dem Thema immer etwas schwierig finde ist die einseitige Darstellung hier im Westen. Man muss immer bedenken, dass das ein knallharter Feudalismus war, als die Mönche die Herrschaft hatten, und noch zu Lebzeiten des heutigen Buddhas wurden Menschen für relativ kleine Vergehen unverhältnismäßíg hart bestraft z.B. durch Abschlagen der Hände, oder Ausstechen der Augen. http://www.sozialismus.net/zeitung/mr17/dalai-lama.html Für mich verkauft sich dieser Mann sehr gut in der westlichen Welt, aber das sollte nicht darüber hinweg täuschen, dass die Mönche eine ganz üble Vergangenheit haben, und Tibet bis ins 20.te Jahrhundert hinein im dunkelsten Mittelalter hielten. Es mag sein dass ich beeinflusst bin. Als Theravada-Buddhist empfinde ich es als Zumutung, dass der tibetische Buddhismus hier das Bild vom Buddhismus bestimmt, dadurch dass der Lama so ein guter Verkäufer ist. Dabei ist der tibetische Buddhismus an Buddhas Lehre genauso "dicht" dran, wie der Katholizismus oder die russisch-orthodoxe Kirche an der Lehre Jesu. Naja, tolle Ratgeberbücher kann der Lama ja schreiben, aber als Staatsoberhaupt hat er Blut an den Finger, und religiös ist er weit von Buddhas Lehre entfernt. Ich mochte 7Jahre in Tibet auch, und hielt es eine Weile in meiner Jugend für ein gutes Abbild. Mittlerweile empfinde ich den Film als Propaganda. Ich finde die Chinesen verhalten sich größtenteils noch sehr gesittet, ich wäre schon längst auf 180 wenn so eine Kaste von ehemaligen Feudalherrschern mich so verzerrend darstellen würden. Der feudale Machtanspruch der Mönche ist auch nicht wesentlich besser begründet als der Anspruch Chinas.
Wololooo 06.06.2012
4.
Es ist sehr schade, dass die Bundesregierung nicht gegen die täglichen Menschenrechtsverletzungen in China handelt. China ist sehr abhängig von Europa und den USA und kann deshalb von diesen beiden auch zu Reformen gezwungen werden. Tibet wurde Völkerrechtswidrig von der Mao-Armee annektiert. Wie fast alle Randgebiete der Volksrepublik wird Tibet derzeit mit Han-Chinesen "kolonalisiert", und jede lokale Kultur wird weitesgehend unterdrückt. Wieso sind die Soldaten beispielsweise alle Han-Chinesen? Dass der Dalai Lama von einem "kulturellen Völkermord" spricht ist im Fall Tibet (und für Xinjiang gilt das auch) absolut berechtigt.
alBab 06.06.2012
5. ich schichte Mani Steine...
... und weiss dennoch, dass dieses Volk noch lange leiden muss. Dieser Bericht war wichtig. Bin erschüttert über die Eskalation, obwohl verstärkte Militärpräsenz, die Ansiedlung von Han Chinesen, die Einschüchterungen in Kombination mit billigen Verlockungen seit dem Überfall Chinas an der Tagesordnung ist. Ein Volk wird systematisch seines wertvollsten Besitzes beraubt. Seiner geistigen Traditionen und Werte, seiner Würde, seiner uralten Kultur. Eine kalte Welt, denn wir schauen zu. Und die Anbiederung des Westens in Richtung Peking sind mir mittlerweile unerträglich.
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