Tibet-Krise Dalai Lama ruft die Welt um Hilfe

Der Dalai Lama hat eindringlich an die Welt appelliert, bei der Krise in Tibet zu helfen. Er befürchte, dass das "wahre Ausmaß der Tragödie" wegen der chinesischen Zensur nicht erfasst werde. Zugleich betonte er seine Bereitschaft, mit der Staatsführung in Peking zu verhandeln.

Aus Dharamsala berichtet


"Das Einzige, was sich in Tibet derzeit noch frei bewegt, ist das chinesische Militär", erklärte der Dalai Lama. "Die Menschen in Tibet stehen dagegen vor eine Katastrophe: Es gibt keine medizinische Versorgung, viele Regionen sind komplett vom Rest der Welt abgeschnitten." Er befürchte, dass durch die chinesischen Verlautbarungen, es sei alles unter Kontrolle, ein falsches Bild von der Lage in Tibet entstehe. "Es ist traurige Tatsache, dass viele Tibeter im Angesicht des Todes leben müssen."

Dalai Lama: Tibeter müssen "im Angesicht des Todes leben"
AP

Dalai Lama: Tibeter müssen "im Angesicht des Todes leben"

Der Friedensnobelpreisträger bat die Weltöffentlichkeit deshalb um Hilfe. "Ich befürchte, dass das wahre Ausmaß der Tragödie in Tibet nicht erfasst wird, weil es keine Journalisten und keine Beobachter mehr in der Region gibt", sagte er am heutigen Donnerstag im indischen Dharamsala.

Lobende Worte fand das geistliche Oberhaupt der tibetischen Buddhisten für die Hilfe durch Bundeskanzlerin Angela Merkel. "Sie hat sehr viel Mut bewiesen, mich trotz Protesten aus Peking in Berlin zu empfangen. Und sie hat mir ihre Sympathie für Tibet versichert." Westliche Staats- und Regierungschefs könnten Unterstützung signalisieren, aber nicht den Konflikt lösen. "Das können nur Chinesen und Tibeter alleine", betonte er.

Der Dalai Lama erklärte, es sei noch nicht zu spät für eine einvernehmliche Lösung mit China. "Zurzeit erleben wir zwar eine Krise, die sicherlich noch Wochen, vielleicht Monate andauern wird. Aber ich bete, dass wir das überstehen und dann Gespräche führen können."

Er sei bereit, auf Einladung zu Gesprächen nach Peking zu reisen. "Aber dafür benötige ich ein klares Signal der chinesischen Führung, dass sie zum Dialog bereit ist." Negative Gefühle angesichts der bisherigen Gewalt der chinesischen Armee gegen protestierende Tibeter versuche er, zu eliminieren. "Zu diesem Zeitpunkt glaube ich weiter an eine friedliche Lösung."

Zu den Meldungen, er sei bereit, im Falle einer Eskalation der Gewalt in Tibet zurückzutreten, erklärte der Dalai Lama, dies gelte für seine Rolle als politischer Führer. "Hier bin ich ja schon semi-pensioniert, ich würde diese Aufgabe in einem solchen Fall gänzlich aufgeben." Religiöses Oberhaupt werde er aber bleiben.

Er betonte, sein Ziel sei mehr Autonomie Tibets unter der Führung Pekings, keine Unabhängigkeit. "Das ist mein Mantra seit Jahrzehnten: Wir wollen keine Unabhängigkeit, wir wollen keine Unabhängigkeit, wir wollen keine Unabhängigkeit!" Die Chinesen würden ihm trotzdem nicht glauben, ihr Mantra sei genau das Gegenteil - die Tibeter wollten sehr wohl Unabhängigkeit. "So pflegen wir unsere gegensätzlichen Überzeugungen", sagte er. "Uns geht es um den Erhalt der tibetischen Kultur, unserer tibetischen Identität, unserer Sprache und unserer sehr alten Schrift."

Exil-tibetische Jugendorganisationen, die einen freien Staat Tibet verlangen, erinnerte er an die Konsequenzen. "Wir benötigen eine praktische Lösung, die zum Ziel führt." Er würde den Jugendlichen aber nicht verbieten, weiter die Unabhängigkeit zu fordern. "Ich habe nicht die Autorität, ihnen zu sagen: Haltet euren Mund! Ich bin nur ein einfacher Mönch, nichts weiter", sagte er.

Die Chinesen würden verlangen, dass er die Protestierenden in Dharamsala festnehmen lasse. "Aber auch diese Jugendlichen sind Buddhisten. Es ist unmöglich, dass ich sie ins Gefängnis werfe. Wir sind alle Flüchtlinge, die um unsere Rechte kämpfen. Ich sage diesen jungen Menschen nur, dass wir auf Lösungen setzen müssen, die zum Ziel führen."

Der Dalai Lama wiederholte seine Zustimmung zu den Olympischen Spielen in Peking in diesem Jahr. "Ich unterstütze die Gastgeberschaft Chinas. China ist ein wichtiges Land, ein mächtiges Land, das verdient hat, Gastgeber der Spiele zu sein", sagte er. "Die Chinesen sollten stolz sein auf dieses Ereignis. Ich befürworte die Gastgeberschaft, weil das chinesische Volk nichts für die dramatische Lage in Tibet kann. Aber die chinesische Führung sollte daran erinnert werden, mehr für die Menschenrechte, aber auch mehr für die Umwelt zu tun."



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