Tibet-Krise Der tragische Tod der Lhundrup Tso

Sie protestierte und bezahlte mit dem Leben dafür: Die Cousine eines Mönchs aus Indien soll in Tibet von der chinesischen Armee erschossen worden sein. Täglich erreichen immer neue Meldungen wie diese die Exil-Tibeter - ihre Wut und ihre Gewaltbereitschaft wachsen.

Aus Dharamsala berichtet


Dharamsala - Als eine Kugel die 16-jährige Lhundrup Tso am Hinterkopf traf, war sie sofort tot.

Exil-Tibeter Choe Dak mit einem Bild seiner Cousine: "Ich befürchte, dass die Chinesen bald noch brutaler zuschlagen und Menschen mit Panzern überrollen"
SPIEGEL ONLINE

Exil-Tibeter Choe Dak mit einem Bild seiner Cousine: "Ich befürchte, dass die Chinesen bald noch brutaler zuschlagen und Menschen mit Panzern überrollen"

Dabei hatte Lhundrup Tso, ein fröhliches Mädchen mit roten Wangen und zum Zopf gebundenen Haaren, nur friedlich gegen die Gewalt der Chinesen in ihrer Heimat protestieren wollen. Diese Gewalt wurde ihr zum Verhängnis.

Die Demonstration hatten Mönche des örtlichen Klosters vorgestern in der osttibetischen Region Ando Ngaba organisiert, einer Gegend, die zur chinesischen Provinz Sichuan gehört. Nach Informationen aus Ando Ngaba nahmen rund 10.000 Menschen an dem Protestzug teil, angeführt wurde er von Schülern eines Internats - das auch Lhundrup Tso besuchte.

Choe Dak, 26, sitzt im Büro der Tibetan Women's Association, einer Frauenorganisation im indischen Dharamsala, und erzählt die Geschichte seiner Cousine mit leiser Stimme. Er trägt ein rotes Gewand, darunter ein schwarzes T-Shirt, um den Arm hat er sich eine tibetische Flagge gebunden. Nur die Turnschuhe passen nicht zum Rest seines Outfits. Choe Dak hat ein Foto des Mädchens mitgebracht, immer wieder betrachtet er es.

Choe Dak ist Mönch. Er stammt - wie seine Cousine - aus Ando Ngaba, rund dreitausend Kilometer östlich der tibetischen Hauptstadt Lhasa. Vor zehn Jahren ist er geflüchtet, über Lhasa, durch Nepal, nach Dharamsala - in die Exil-Hauptstadt der Tibeter. "Als ich Lhundrup Tso das letzte Mal sah, war sie acht Jahre alt. Ich hätte nicht gedacht, dass ich sie nie wieder sehen würde", sagt er. "Jetzt hat sie ihr Leben für Tibet geopfert." Choe Dak war seit seiner Flucht nie mehr in Tibet. "So schnell werde ich wohl auch nicht wieder dort sein", sagt er. Dem Tibetischen Zentrum für Menschenrechte und Demokratie (TCHRD) in Dharamsala zufolge eröffnete das chinesische Militär das Feuer auf die Demonstranten, obwohl diese keineswegs gewalttätig protestierten. "Sie kamen mit Panzern und schossen mit Gewehren in die Menge", sagt Sprecher Tenzin Norgay. "In einem Video, das ein Flüchtling aus Nepal geschickt hat, ist zu sehen, wie mindestens 20 Menschen in der vordersten Reihe einfach umkippen."

Darunter waren auch Lhundrup Tso und vier ihrer Schulfreunde.

Choe Dak bestätigt die Informationen des TCHRD. "Zuerst habe ich in den Nachrichten gehört, dass Schüler des Internats in Ando Ngaba getötet worden sein sollen." Besorgt versuchte er stundenlang, seine Familie in Tibet telefonisch zu erreichen. "Irgendwann hatte ich Glück und kam durch. Ich fragte sofort, wie es Lhundrup Tso geht und ob alles in Ordnung ist. Das einzige, was ihre Eltern mir antworteten, war, dass ihre Tochter tot ist."

Inzwischen habe das chinesische Militär Ando Ngaba - wie Lhasa - umstellt, niemand dürfe aus dem Ort heraus oder dort hinein. "Meine Verwandten erzählten mir, dass sie nicht einmal ihre Häuser zum Einkaufen verlassen dürfen", sagt Choe Dak. "Es herrscht Kriegsrecht." Er habe große Sorge, dass die Situation in Tibet eskaliere. "Schon seit Tagen kocht es in Lhasa. Aus immer neuen Orten kommen Meldungen wie aus Ando Ngaba, dass friedliche Demonstranten getötet wurden. Ich weiß nicht, wie lange die Menschen sich das noch gefallen lassen", sagt der Mönch. "Ich befürchte, dass die Chinesen bald noch brutaler zuschlagen und Menschen mit Panzern überrollen. Wie damals, auf dem Platz des Himmlischen Friedens."

Von inzwischen mehr als 120 Toten in Tibet ist die Rede, täglich erreichen neue Meldungen von getöteten Protestierenden die Exil-Tibeter in Dharamsala. Info-Zettel an Zäunen in der Stadt informieren die Menschen über die Vorgänge in der tibetischen Heimat.

Tenzin Norgay sagt, er könne bisher den Tod von 65 Menschen bestätigen. "Es gibt bislang noch viele Vermisste, daher wird die Zahl sicher höher liegen. Erst wenn wir eine zweite Quelle für einen Toten haben, registrieren wir ihn", sagt er. Es klingt, als wolle er den Chinesen keine überhöhte Zahl an Getöteten vorwerfen. Tenzin Norgay ist gläubiger Buddhist und setzt auf eine friedliche Lösung des Konflikts. "Unsere Organisation unterstützt den Weg Seiner Heiligkeit. Der Dalai Lama will einen Kompromiss: Autonomie Tibets unter der Herrschaft Pekings."

In Tibet war Tenzin Norgay, dessen Muttersprache Tibetisch ist und der in Indien Sprachen studiert hat, noch nie. "Ich bin in Dharamsala geboren und werde wahrscheinlich mein Leben lang hier bleiben", sagt der Sohn von Flüchtlingen. "Sollte ich jemals nach Tibet reisen, würde ich wahrscheinlich verschwinden und nie wieder gesehen werden, so viel ist sicher."

Nach diesem Satz lacht er. Wahrscheinlich erträgt man diese Situation nur mit Lachen.

Tenzin Norgay traut den Chinesen nicht, glaubt, dass sie ihn umbringen würden, sollte er nach Tibet reisen. Aber er unterstützt eine Lösung im Einvernehmen mit ihnen, fordert den Dialog. Warum? "Wir Buddhisten lieben den Frieden. "Choe Dak bezweifelt, dass es zu einer friedlichen Lösung kommt. "Wahrscheinlich sind viel mehr Menschen von der chinesischen Armee umgebracht worden als wir bislang annehmen. Und jeden Tag, mit jeder neuen Gewalttat, wächst in Tibet die Wut der Menschen. Es bleibt uns nur, für den Frieden zu beten."

Der junge Mönch betet nun für seine tote Cousine. "Ich glaube nicht, dass ihr Tod umsonst war", sagt er. "In irgendeiner Weise wird das Opfer, das sie gebracht hat, Tibet nützen. Ihre Eltern sind aber immer noch sehr verzweifelt, sie glauben, dass ihre Tochter für nichts und wieder nichts gestorben ist."

Heute sollen die Sterne nach buddhistischer Tradition entscheiden, ob Lhundrup Tso verbrannt wird - oder ob ihre Leiche den Geiern überlassen wird.

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