Kämpfe um Tikrit ISIS-Kämpfer drängen irakische Armee zurück

Trotz einer Großoffensive gelang es dem irakischen Militär bislang nicht, die strategisch wichtige Stadt Tikrit von den ISIS-Kämpfern zurückzuerobern. Die Regierungstruppen sollen sich nach heftigen Gefechten in Vororte zurückgezogen haben.


Hamburg/Bagdad - ISIS-Rebellen haben sich in der irakischen Stadt Tikrit offenbar erfolgreich gegen das Großaufgebot der irakischen Armee wehren können. Die Regierungstruppen haben sich laut einem BBC-Bericht in die Vorstadt Dijla, 25 Kilometer südlich von Tikrit, zurückgezogen. Es habe heftige Gefechte mit vielen Toten auf beiden Seiten gegeben, berichteten demnach Augenzeugen und Journalisten.

Die irakische Armee hatte am Samstag eine Großoffensive zur Rückeroberung von Tikrit begonnen. Mit tausenden Soldaten, Kampfflugzeugen, Artillerie, Panzern und Bombenräumkommandos waren die Regierungstruppen auf die Stadt vorgerückt. Augenzeugen zufolge sollen sie auf dem Weg in die Stadt von einer großen Anzahl improvisierter Sprengsätze behindert worden sein. ISIS-Kämpfer sollen zudem einen irakischen Hubschrauber abgeschossen und den Piloten gefangen genommen haben.

"Wir können hier keinen Tag länger bleiben. Die ganze Nacht haben wir Bomben gehört, die um das Krankenhaus herum explodiert sind", sagte Marina Jose, eine indische Krankenschwester in Tikrit, der BBC. Am Sonntag soll es in der Stadt ruhiger gewesen sein, Augenzeugen berichteten aber von anhaltendem Beschuss und Luftangriffen durch die irakische Armee.

Iran will notfalls Irak im Kampf gegen ISIS unterstützen

Mit der Rückeroberung der Stadt will das irakische Militär den ISIS-Vormarsch auf Bagdad stoppen. Die Dschihadistengruppe "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" (ISIS) hatte Tikrit am 11. Juni unter ihre Kontrolle gebracht. Tikrit liegt rund 140 Kilometer nordwestlich von Bagdad und ist neben Mossul eine der größten Städte in der Hand von ISIS. Die Militäroffensive ist die bisher größte Aktion der Streitkräfte seit dem Beginn der ISIS-Offensive vor bald drei Wochen.

Die sunnitischen ISIS-Extremisten haben seit Anfang Juni weite Teile des Nord- und Westirak eingenommen. Sie kämpfen gegen die von Schiiten geführte Zentralregierung in Bagdad und wollen grenzübergreifend im Irak und in Syrien einen islamischen Gottesstaat errichten.

Für ihren Kampf gegen die ISIS-Dschihadisten hat die irakische Luftwaffe am Wochenende Militärjets aus Russland erhalten. Auch das iranische Militär ist laut eigener Aussage notfalls bereit, die Regierung im Nachbarland Irak gegen die sunnitischen Rebellen zu unterstützen. Iran versteht sich als Schutzmacht der Schiiten und hat erklärt, ihre heiligen Stätten auch in den Nachbarländern zu verteidigen.

Irakischer General will Teilung des Landes

Der Leiter des irakischen Krisenstabs gegen die Isis-Dschihadisten, General Ali al-Saidi, hat sich unterdessen für die Aufteilung des Landes in autonome Teilgebiete ausgesprochen. Schiiten, Sunniten und Kurden sollten jeweils ihre eigene Region erhalten, sagte der schiitische General der "Welt am Sonntag". Das sei "die einzige Lösung", um der Dschihadistengruppe ISIS den Rückhalt bei der sunnitischen Minderheit zu entziehen. "Natürlich können sie nicht, wie früher, den gesamten Irak regieren, aber zumindest sich selbst", sagte der General.

Al-Saidi kritisierte, dass die Sunniten seit dem Sturz von Machthaber Saddam Hussein zu weit marginalisiert worden seien - dieser Vorwurf ist auch gegen den irakischen Ministerpräsident Nuri al-Maliki gemünzt: Kritiker werfen ihm vor, die Sunniten auszugrenzen und so den Vormarsch von ISIS zu begünstigen. Maliki hatte sich bisher auch immer wieder gegen eine Einheitsregierung aus Schiiten, Sunniten und Kurden ausgesprochen.

Irak und Syrien: Der Konflikt im Überblick
Städte unter ISIS-Kontrolle
Umkämpfte Städte
Gebiete, in denen ISIS aktiv ist
Kurden
Schiitische Araber
Sunnitische Araber
Hochburgen schiitischer Milizen

lgr/dpa/AFP/Reuters

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
wcente 29.06.2014
1. Später dann Folklore?
"Der Leiter des irakischen Krisenstabs gegen die Isis-Dschihadisten, General Ali al-Saidi, hat sich unterdessen für die Aufteilung des Landes in autonome Teilgebiete ausgesprochen. Schiiten, Sunniten und Kurden sollten jeweils ihre eigene Region erhalten, sagte der schiitische General der Zeitung "Welt am Sonntag". " Die Aufteilung in Stammesgebiete bietet später die Möglichkeit mit Folklore für Touristen zu werden? Als ob das alles so einfach wäre. Wovon wollen denn diese Sammelgebiete" jeweils leben? Autonomie kann man weder essen noch trinken. Was da zurzeit abläuft, ist die pure Unvernunft.
Hape1 29.06.2014
2. ...
Zitat von sysopAFPTrotz einer Großoffensive gelang es dem irakischen Militär bislang nicht, die strategisch wichtige Stadt Tikrit von den ISIS-Kämpfern zurückzuerobern. Die Regierungstruppen sollen sich nach heftigen Gefechten in Vororte zurückgezogen haben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/tikrit-isis-kaempfer-draengen-irakische-armee-zurueck-a-978172.html
Heute morgen noch hieß es noch aus dem Irak "Tikrit sei zurück erobert"....und jetzt diese Nachricht. Weis der Henker was da unten abgeht.
lampenschirm73 29.06.2014
3.
Zitat von wcente"Der Leiter des irakischen Krisenstabs gegen die Isis-Dschihadisten, General Ali al-Saidi, hat sich unterdessen für die Aufteilung des Landes in autonome Teilgebiete ausgesprochen. Schiiten, Sunniten und Kurden sollten jeweils ihre eigene Region erhalten, sagte der schiitische General der Zeitung "Welt am Sonntag". " Die Aufteilung in Stammesgebiete bietet später die Möglichkeit mit Folklore für Touristen zu werden? Als ob das alles so einfach wäre. Wovon wollen denn diese Sammelgebiete" jeweils leben? Autonomie kann man weder essen noch trinken. Was da zurzeit abläuft, ist die pure Unvernunft.
Was wäre denn vernünftig? Ich finde es gar nicht unvernünftig zur Lösung des derzeitigen Chaos die Grenzen der gesamten Region neu zu ziehen. - Einen kurdischen Staat mit Gebieten aus Türkei, Irak, Syrien und Iran - Einen schiitischen Staat im Süd und Zentral-Irak bzw einen Anschluss an Iran - Einen Staat für sunnitische Araber mit Gebieten aus Syrien und Irak - Einen Staat für Alawiten, Schiiten und Christen bzw Säkulare in Syrien Das wäre eine langfristig tragbare Lösung. Mit "Friede Freude Eierkuchen" und "wir haben uns alle wieder lieb" in den jetzigen Grenzen wird man realistisch gesehen nicht weit kommen.
lampenschirm73 29.06.2014
4.
Zitat von Hape1Heute morgen noch hieß es noch aus dem Irak "Tikrit sei zurück erobert"....und jetzt diese Nachricht. Weis der Henker was da unten abgeht.
Es ist eben schwer, Terroristen aus städtischem Gebiet zu vertreiben ohne die ganze Stadt platt zu machen. Hätte mich auch gewundert wenn das so leicht gegangen wäre.
spon-facebook-10000012354 29.06.2014
5. "Wüstenkrieg"
Zitat von Hape1Heute morgen noch hieß es noch aus dem Irak "Tikrit sei zurück erobert"....und jetzt diese Nachricht. Weis der Henker was da unten abgeht.
Ein Krieg in der Wüste lässt schlecht mit der klassischen Semantik zur Beschreibung von Kriegen erfassen. Beim Krieg in der Wüste – so könnte man die Geographie im Norden des Iraks zum Teil beschreiben – zwingt die Parteien sich auf wenige Städte und Verbindungsstraße zu konzentrieren. Insofern hat die ISIS auch nicht in dieser kurzen Zeit den Irak erobert, sondern sie beherrscht die Städte im Norden (sieht man von den kurdischen Gebieten ab) und die Straßen zwischen diesen Städten, nicht mehr allerdings auch nicht weniger. Die Kontrolle der Städte wird auch nicht sonderlich dicht sein, sondern sich auf einige strategisch wichtige Zentren und Punkte beschränken.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.