Tim Hetherington Oscar-nominierter Kriegsreporter stirbt bei Kämpfen in Misurata

Der Konflikt in Libyen hat prominente Opfer gefordert: Der britische Fotograf und Oscar-nominierte Filmemacher Tim Hetherington starb in der umkämpften Stadt Misurata bei einem Artillerieangriff. Ein weiterer bekannter Reporter kam ums Leben, zwei Kollegen wurden schwer verletzt.


Misurata/New York/London - Am Dienstag twitterte der britische Fotoreporter Tim Hetherington noch aus Misurata: Es gebe unaufhörlichen Beschuss durch Truppen von Muammar al-Gaddafi. "Von der Nato nichts zu sehen", schrieb er.

Einen Tag später ist der Fotograf und Oscar-nominierte Filmemacher in Misurata getötet worden. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch und Hetheringtons Agentin Johanna Ramos Boyer bestätigten am Mittwoch seinen Tod. Wenige Stunden später erlag zudem Hetheringtons US-amerikanischer Kollege Chris Hondros seinen schweren Kopfverletzungen. Dies teilte einer seiner Arbeitgeber, die Fotoagentur Getty, mit.

Viele Einzelheiten des Angriffs waren zunächst noch unklar. Laut BBC gehörten die beiden zu einer Gruppe von Journalisten, die Opfer eines Mörserangriffs wurden. CNN sprach von einer Panzerfaustgranate, die russischer Bauart sei und massenhaft in Entwicklungsländer exportiert werde. Die "Washington Post" berichtete, Hetherington sei bei dem Angriff schwer verletzt worden, er habe viel Blut verloren und sei 15 Minuten nach der Einlieferung ins Lazarett gestorben.

Die Journalisten waren offenbar mit einer Gruppe Rebellen unterwegs. Sie hatten sich in der Nähe der Frontlinie aufgehalten. Misurata wird seit Wochen von Truppen des Gaddafi-Regimes belagert. Immer wieder gerät die Stadt unter Beschuss.

Zwei weitere Fotografen wurden bei dem Angriff verletzt. Dabei handele es sich laut "New York Times" zum einen um den Briten Guy Martin. Die Zeitung berief sich auf einen Kollegen im Krankenhaus von Misurata. Der zweite Verletzte ist Michael Christopher Brown, der von Splittern getroffen wurde, aber nicht in Lebensgefahr schwebt.

"Er hat den Menschenrechten einen enormen Dienst erwiesen"

Der 41-jährige Hetherington hatte für seinen Film "Restrepo" über US-Soldaten in Afghanistan erst Anfang des Jahres eine Oscar-Nominierung erhalten, 2007 wurde er mit dem renommierten World Press Photo Award ausgezeichnet. "Restrepo", den Hetherington mit dem deutschstämmigen Journalisten Sebastian Junger ("Der Sturm") machte, dreht sich um den Tod des amerikanischen Armeesanitäters Juan Restrepo. Der Filmemacher hatte sich für die Dokumentation mitten ins Korengal-Tal - ein Kampfgebiet im Osten des Landes - begeben, das beim amerikanischen Militär als "Tal des Todes" bekannt ist. Welches Projekt er in Libyen verfolgte, war zunächst nicht bekannt.

"Er war diesmal nicht für uns in Libyen, aber er hat sehr oft mit uns zusammengearbeitet", sagte Fred Abrahams von Human Rights Watch. Der Kriegsberichterstatter und Filmemacher habe sich immer für die Menschenrechte eingesetzt. "Er hat einfach Fotos gemacht, berichtet und dokumentiert. Und damit hat er den Menschenrechten einen enormen Dienst erwiesen." Die Nachricht von seinem Tod habe die Mitarbeiter der Organisation erschüttert.

Hondros berichtete seit gut 20 Jahren von den Krisengebieten der Welt, seine Fotoreportagen erschienen etwa in der "New York Times", der "Washington Post" und dem "Economist". Der 41-Jährige hatte nach eigenen Angaben deutsche Wurzeln, seine Eltern kommen aus Deutschland und Griechenland. Der New Yorker erhielt zahlreiche Auszeichnungen für seine Aufnahmen, unter anderem war er 2004 für den Pulitzerpreis nominiert, 2006 gewann er mit der Robert Capa Gold Medal einen der wichtigsten Fotografiepreise für Reportagen.

Nato appelliert an Zivilisten

Schwere Kämpfe werden Misurata wohl auch in den kommenden Tagen erschüttern. Die Nato forderte die libyschen Bürger auf, sich so weit wie möglich von Gaddafis Truppen fernzuhalten. Der Kommandeur des internationalen Militäreinsatzes, der kanadische General Charles Bouchard, erklärte, man bemühe sich, bei den Angriffen die Gefahr für Zivilisten so gering wie möglich zu halten, "aber wir können das Risiko nicht auf null reduzieren". In den nächsten Tagen werde der Druck auf Gaddafis Truppen aufrechterhalten.

Das libysche Staatsfernsehen wirft der Nato vor, bei den jüngsten Angriffen ihrer Kampfjets auf eine Stadt nahe Tripolis seien Einwohner getötet und verletzt worden. Häuser seien zerstört worden. Laut der amtlichen Nachrichtenagentur Jana gab es sieben tote Zivilisten, 18 weitere seien verletzt worden.

Die Uno dagegen warf Gaddafi einen schmutzigen Krieg vor. "Nach internationalem Recht ist der Beschuss von medizinischen Einrichtungen ein Kriegsverbrechen. Und es ist ein ernster Verstoß gegen das Völkerrecht, rücksichtslos auf Zivilisten zu feuern", sagte die Hohe Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte, Navi Pillay. "Der Einsatz von ungenauen Waffen wie Streubomben, Raketenwerfern und Mörsern in dichtbevölkerten Gebieten führt zwangsläufig zu zivilen Opfern."

Westerwelle plädiert für Verhandlungen statt Bodentruppen

Nach einer Unterredung mit Vertretern des libyschen Übergangsrats in Paris kündigte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy am Mittwoch die Entsendung von Militärberatern an. Auch die italienische Regierung will zehn Experten nach Libyen entsenden, teilte der italienische Verteidigungsminister Ignazio La Russa mit. Großbritannien hatte bereits am Dienstag angekündigt, "erfahrene Militärberater" nach Bengasi zu schicken.

Grundsätzlich sollen solche Berater dazu beitragen, dass die libyschen Aufständischen ihre militärischen Aktivitäten besser mit der Nato abstimmen. Darüber hinaus sollen sie die Rebellen in militärischer Kommunikation ausbilden und an Waffensystemen schulen. In der Vergangenheit hatten Missverständnisse dazu geführt, dass die Flugzeuge der Allianz auch Aufständische bombardierten.

Der von den libyschen Aufständischen gebildete Übergangsrat sprach sich für den Einsatz ausländischer Truppen zum Schutz der Zivilisten in Misurata aus. Abdelhafiz Ghoga, ein führendes Ratsmitglied, sagte am Abend in Bengasi: "Wenn dies nötig ist, um humanitäre Hilfe zu leisten oder sichere Zonen für Zivilisten zu schaffen, so wäre dies auch durch die Uno-Resolution 1973 gedeckt." Die Rebellen wollten aber nicht, dass diese Truppen mit ihnen an der Front gegen die Soldaten Gaddafis kämpfen.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) lehnte den Einsatz von Bodentruppen ab. Dies schließe die Libyen-Resolution der Vereinten Nationen aus, sagte er am Rande eines EU-Treffens mit dem Golfkooperationsrat in Abu Dhabi. Man müsse sich von dem Gedanken trennen, "dass eine schnelle militärische Lösung wahrscheinlich ist", betonte Westerwelle. "Der politische Prozess wird eine Lösung bringen."

luk/dpa/AFP

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tripelkonzert 20.04.2011
1. Anti-Libyen Krieg Dogmaten
Zitat von sysopDer Konflikt in Libyen hat ein prominentes Opfer gefordert: Der*britische Fotograf und oscarnominierte Filmemacher Tim Hetherington*starb in der umkämpften Stadt Misurata bei einem Artillerieangriff.*Drei Kollegen wurden*schwer*verletzt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,758368,00.html
Ich vermute, dass die Anti-Libyen-Krieg-Vertreter sich schon bald hier im Forum tummeln werden um zu argumentieren, dass die Nato dahinter steckt oder die Rebellen. Oder sonstigen unsaeglichen Bloedsinn.
stesoell 20.04.2011
2. oo
RIP. Vielen Dank an alle Fotoberichterstatter, die für die Informations- und Meinungsfreiheit ihre Gesundheit und ihr Leben riskieren.
Tyxaro, 20.04.2011
3. Also....
...wenn jetzt einer Mitleid von mir haben will, kann ich leider nicht versprühen... Geldgeile Menschen die das eine Kriegsfoto haben wollen, bekommen bestimmt kein Mitleid. Jedes andere Opfer was sich den Schauplatz nicht aussuchen kann hat mein Mitleid verdient. Diese Aktion ist geleitet von purer Geldgeilheit also... shit happens, es werden andere folgen die DAS EINE Foto auch schiessen...
Tottiso 20.04.2011
4. Realität 2011
Nächste Woche werden Millionen Presse- und Medienleute für die Verbreitung einer Hochzeit sorgen. Boulevard-Journalismus. Einige wenige Journalisten riskieren Ihr Leben und manche verlieren es, weil sie für die gute Sache und die Menschheit ihre Arbeit leisten. So sieht unsere Welt aus und nicht wie sie uns der Boulevard verlogen zeigen will. Ich verneige mich tief vor Tim und all seine Kollegen und den Werten, die diese Menschen vertreten und für die sie mit ihrer Arbeit konsequent eintreten.
Noctim 20.04.2011
5. -
Auch wenn es zum Berufsrisko gehört, ist es dennoch tragisch. Er gab sein Leben für die Berichterstattung, hoffentlich im Bestreben, die Wahrheit herauszufinden und das grausame Gesicht des Krieges zu entlarven. Mögen diesem Ideal noch viele Folgen, jedoch nicht dem gleichen Schicksal. Krieg bleibt immer gleich...
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