Fall Timoschenko: "Ich weiß nicht, wie lange meine Mutter noch aushält"

Der Gesundheitszustand der hungerstreikenden Julija Timoschenko hat sich wohl dramatisch verschlechtert. Die Tochter der ukrainischen Oppositionsführerin appellierte an die Regierung in Kiew. Unterstützung erhielt sie von US-Außenministerin Clinton.

Fall Timoschenko: Möglicher EM-Boykott empört Ukraine Fotos
dapd

Hamburg - Der Beistand für die hungerstreikende ukrainischen Oppositionsführerin Julija Timoschenko wächst: Auch die USA haben in die internationale Kritik an der Regierung in Kiew eingestimmt. US-Außenministerin Hillary Clinton erklärte am Dienstag, die USA seien "zutiefst besorgt" über den Umgang mit Timoschenko und anderen inhaftierten Mitgliedern ihrer früheren Regierung. Angesichts von Berichten über eine Misshandlung Timoschenkos prangerte Clinton die "fragwürdigen Bedingungen ihrer Haft" an und verlangte, dass die Politikerin umgehend eine medizinische Behandlung bekommen müsse.

Diese ist nach den Worten ihrer Tochter Jewgenija dringend notwendig: Der Gesundheitszustand Timoschenkos habe sich dramatisch verschlechtert. "Uns läuft die Zeit davon. Ich weiß nicht, wie lange meine Mutter den Hungerstreik noch aushält, ob fünf oder zehn Tage", sagte Jewgenija Timoschenko in Prag, die ihre Mutter nach eigenen Angaben am Samstag besucht hatte.

"Sie hat starke Schmerzen und kann fast nur noch liegen. Sie kann sich nur noch wenig bewegen, weil sie vom Hungerstreik geschwächt ist." Die Familie hoffe, dass die Regierung in Kiew ihre Haltung ändere und eine Behandlung des Bandscheibenvorfalls im Ausland zulasse.

Timoschenko ist in ihrem Heimatland zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt worden und klagt über Misshandlungen im Gefängnis. Sie leidet nach eigenen Angaben an schweren Rückenschmerzen und ist in der vergangenen Woche in den Hungerstreik getreten.

Berliner Charité hat Hilfe zugesagt

Die Verfahren gegen sie und andere Mitglieder der früheren Regierung sind in ihren Augen Schauprozesse, um die Opposition mundtot zu machen. Die Bundesregierung setzt sich dafür ein, dass Timoschenko zur medizinischen Behandlung ausreisen darf. Die Berliner Universitätsklinik Charité hat angeboten, sie zu behandeln.

Die Inhaftierung der früheren Ministerpräsidentin hat zu einem schweren Konflikt zwischen der Europäischen Union und der Ukraine geführt. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso ließ mitteilen, er werde das Land nicht zur Fußball-Europameisterschaft besuchen, die die Ukraine ab Juni gemeinsam mit Polen ausrichtet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel macht eine Visite zur Fußball-EM ebenfalls von der politischen Entwicklung in dem Land abhängig. Jede Planung stehe unter dem Vorbehalt des Schicksals von Timoschenko, sagte Vize-Regierungssprecher Georg Streiter. Es gebe weiter keine konkreten Reiseplanungen.

Die deutsche Mannschaft trägt alle drei Vorrundenspiele in der Ukraine aus. Das Endspiel findet am 1. Juli in Kiew statt. Die ukrainische Regierung warnte Deutschland vor einem politischen Boykott des Fußballturniers und lehnte Forderungen nach einer Freilassung von Timoschenko ab. "Ich möchte mir nicht vorstellen, dass deutsche Spitzenpolitiker auf Methoden des Kalten Kriegs zurückgreifen und den Sport zu einer Geisel der Politik machen könnten", sagte ein Sprecher des ukrainischen Außenministeriums der Agentur Interfax.

In Deutschland waren zuletzt Forderungen nach einem politischen Boykott des Turniers lauter geworden. Sollte die im Gefängnis erkrankte Timoschenko bis zur EM im Juni nicht frei sein, könnte Merkel nach SPIEGEL-Informationen auch ihren Ministern empfehlen, der Fußball-EM fernzubleiben. Allenfalls für Innenminister Hans-Peter Friedrich könnte in seiner Funktion als Sportminister eine Ausnahme gelten. Als erstes Regierungsmitglied hatte Umweltminister Norbert Röttgen erklärt, Besuche von Ministern und Ministerpräsidenten zur EM kämen nach jetzigem Stand nicht in Frage.

jjc/Reuters/dapd

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insgesamt 135 Beiträge
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1. Ich warte...
denkdochmalmit 01.05.2012
Zitat von sysopDer Gesundheitszustand der hungerstreikenden Julia Timoschenko hat sich wohl dramatisch verschlechtert. Die Tochter der ukrainischen Oppositionsführerin appellierte an die Regierung in Kiew. Unterstützung erhielt sie von US-Außenministerin Clinton. Fall Timoschenko: "Ich weiß nicht, wie lange meine Mutter*noch aushält" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,830787,00.html)
schon lange auf ein Interview mit einer Familie eines nach Guantanamo entführten Häftlings. Ach ja, die sind uninteressant, die haben ja keine 100.000.000 US$ veruntreut... Pech gehabt...
2. In welchem Land der Welt
hugahuga 01.05.2012
Zitat von sysopDer Gesundheitszustand der hungerstreikenden Julia Timoschenko hat sich wohl dramatisch verschlechtert. Die Tochter der ukrainischen Oppositionsführerin appellierte an die Regierung in Kiew. Unterstützung erhielt sie von US-Außenministerin Clinton. Fall Timoschenko: "Ich weiß nicht, wie lange meine Mutter*noch aushält" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,830787,00.html)
ist es denn üblich, dass einsitzende Häftlinge sich den Behandlungsort ihrer Krankheit aussuchen können? So weit mir bekannt ist, gibt es das nirgends. Weshalb sollte denn jetzt ausgerechnet der Millionen Dollar schweren Frau Timoschenko ein Sonderrecht eingeräumt werden?
3.
tsuksuk 01.05.2012
Erschreckend wie spiegel online dieses theatralische Drama ausschlachtet. Timoschenko ist eine drama queen und ein ausgekochter Politprofi. Ein wenig Seriosität und ein etwas anderer Blickwinkel würden der Berichterstattung sicher nicht schaden
4.
tropicalconsulting 01.05.2012
... hier hilft nur der Streik der Deutschen Mannschaft, kurz nach Anpfiff des Spieles ... mit organgenen Schalen usw. Hoffentlich machen dann auch die Niederlaender mit. Nur so lenkt der ukrainische Staatschef ein, denn derartige Politiker reagieren empfindlich auf Gesichtsverlust.
5.
schindelbeck 01.05.2012
Vielleicht sollte sie einfach mal wieder ein bisschen was essen und sich von den Ärzten in der Ukraine untersuchen und behandeln lassen (was sie bislang verweigert).
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