Tod der Saddam-Söhne Atempause in Washington

Der Tod der berüchtigten Saddam-Söhne Udai und Kussei kommt der US-Regierung wie gerufen. Nach Wochen der Kritik, Skandale und Militärdebakel kann sie eine frohe Nachricht gut gebrauchen. Doch die erhoffte Waffenruhe im Irak bleibt aus. Am Morgen wurden in Mossul und nahe Bagdad bei Angriffen erneut zwei US-Soldaten getötet.

Von , New York


Kriegsgrunddebatte: Der Schlag gegen die Saddam-Söhne beschert Präsident Bush eine Verschnaufpause
AP

Kriegsgrunddebatte: Der Schlag gegen die Saddam-Söhne beschert Präsident Bush eine Verschnaufpause

New York - Ein Gang zur Wall Street erspart aufwändige Meinungsumfragen. Da dümpelte der Dow-Jones-Leitindex gestern Mittag um 50 Punkte im Minus, mal wieder so ein dummer Tag. Dann kam die Meldung aus Mossul - und prompt schoss der Dow binnen einer Stunde um 100 Punkte nach oben, um schließlich mit einem fetten Plus bei 9158,45 abzuschließen.

Einfacher lässt es sich nicht sagen. Die Börse ist immer ein gutes Stimmungsbarometer - für die Ängste und Hoffnungen der Nation wie auch die ihrer Machthabenden. Und da war es gestern also, als ginge ein Seufzer der Erleichterung durch die Gassen des New Yorker Finanzviertels und die Regierungskorridore Washingtons.

Das blutige Ende der Söhne Saddam Husseins, der berüchtigten Folterknechte Udai und Kussei, im Feuergefecht in der nordirakischen Stadt Mossul war nicht nur eine unverhofft frohe Botschaft, sondern vor allem die ersehnte Ablenkung, die das bedrängte Weiße Haus dieser Tage so dringend braucht.

"Gott sei Dank reden wir heute nicht vom Niger", seufzt Daniella Pletka vom American Enterprise Institute in Anspielung auf die Affäre um die Falschinformationen über Uran-Käufe des Irak im Niger, die die US-Regierung in den letzten Wochen arg in die Bredouille gebracht und der Popularitätskurve Präsident George W. Bush einen Knick nach unten beschert hatte.

Gewaltiger Aufmarsch gegen zwei Männer

Heute war die lästige Uran-Affäre zum ersten Mal seit langem kein Aufmacher der US-Tageszeitungen. Stattdessen prangte das identische Foto der Zigarren qualmenden Hussein-Brüder auf den Titelseiten der meisten Blätter, allen voran der "New York Times".

Die US-Soldaten können jetzt Nummer zwei und Nummer drei von der Liste der meistgesuchten Iraker streichen
DoD

Die US-Soldaten können jetzt Nummer zwei und Nummer drei von der Liste der meistgesuchten Iraker streichen

Ein militärischer Erfolg als politischer Auftrieb. Der Tod der Saddam-Söhne, sagt der Irak-Experte Kenneth Pollack, "dient vielfachen Zwecken." Nicht nur, weil sie auf der Liste der Meistgesuchten die Nummer zwei und drei waren, nach ihrem Vater. Nicht nur, weil Kussei der designierte Erbe Saddams war. Nicht nur, weil die beiden als Haupt-Drahtzieher der endlosen Guerilla-Attacken gegen US-Soldaten galten. Nicht nur, weil dies die erfolgreichste Aktion der Amerikaner im Irak seit dem offiziellen "Ende" des Krieges am 1. Mai ist.

Vor allem nämlich, so Pollack, sei die Eliminierung dieser zwei der drei meistgehassten Vertreter des alten Irak ein Symbol, auf das die US-Regierung seit Wochen geharrt hatte - ein eindeutiges Signal an alle Kritiker, "dass Saddams Regime nicht zurückkehren wird".

Ein Signal, das eines gewaltigen Aufmarsches bedurfte: Sechs Stunden lang belagerte eine Sondereinheit von über 100 Soldaten, unterstützt der 101. Luftlandedivision sowie Agenten des CIA, die Villa, in dem sich die beiden Männer versteckt hielten. Helikopter, Raketen und Jagdflieger kamen zum Einsatz.

"Schritt auf dem Weg nach Hause"

Sofort gab Washington die Parole des Tages aus: Der Tod Udais und Kusseis werde dem organisierten Widerstand der Baath-Rebellen das Genick brechen, die Moral der Iraker stärken und nicht zuletzt auch die der belagerten GIs, die täglich bis zu 20 neuen Anschlägen und Attentaten ausgesetzt sind.

In diesem Haus überraschten die Streitkräfte Udai und Kussei
REUTERS

In diesem Haus überraschten die Streitkräfte Udai und Kussei

"Ausgezeichnet", reagierte der in Bagdad stationierte US-Leutnant Greg Wilson. "Ein Schritt auf dem Weg nach Hause."

Dabei ist das alles natürlich nicht ganz so einfach. US-Regierungekreise räumen intern ein, dass die irakische Resistance nicht unbedingt zentral vom Saddam-Clan gesteuert werde, sondern das Werk lokaler Zellen und Splittergruppen sei. US-General John Abizaid, der Oberkommandierende im Irak, glaubt, dass sich die Guerilla für eine lange Schlacht eingegraben haben - ganz unabhängig vom Verlust prominenter Leitfiguren.

Wie auf Stichwort versammelte sich prompt eine Gruppe Iraker vor der zerstörten Villa in Mossul, um die Amerikaner zu verfluchen. Tags drauf wurden US-Soldaten in ihrem Konvoi westlich von Bagdad bei der Stadt Ramadi angegriffen, ein Soldat starb, zwei überlebten schwer verwundet. Auch nahe der Stadt Mossul, wo am Vortag die Söhne Saddam Hussein getötet wurden, sind nach US-Militärangaben am Mittwoch ein Soldat ums Leben gekommen und sechs verwundet worden. Ein Militärsprecher teile mit, das Fahrzeug der Soldaten sei auf eine Mine oder einen Sprengsatz gefahren.

Beginn des "Domino-Effekts"?

Die Schlacht von Mossul hatte ein brillantes Zufalls-Timing. Parallel flimmerten die Live-Bilder vom heimatlichen Heldenempfang der US-Soldatin Jessica Lynch, die am 1. April aus irakischer Kriegsgefangenschaft gerettet worden war, über die Mattscheiben der Nation. Die PR-Strategen im Weißen Haus hätten es nicht besser inszenieren können: Lynch war von derselben Sondereinheit befreit worden, die jetzt den Husseins den Garaus machten.

Perfektes Timing: Jessica Lynch (hier mit ihrem Freund, vorne, und ihrem Bruder)
AP

Perfektes Timing: Jessica Lynch (hier mit ihrem Freund, vorne, und ihrem Bruder)

Zur selben Zeit stand hinter verschlossenen Türen in Washington der US-irakische Verwalter Paul Bremer dem Kongress Rede und Antwort. Bremer drängte die Abgeordneten und Senatoren nach mehr Geld und mehr Personal: Das kleine "Fenster der Gelegenheit", das die USA zur Befriedung des Irak hätten, schließe sich rascher als erhofft. Es bedürfe einer "dramatischen Wende" in der Sicherheitslage.

Die, so hofft das Weiße Haus, könnte nun gekommen sein. Der Beginn des "Domino-Effekts", wie Ken Pollack es formuliert.

Deplazierte Bush-Attacken

Der Opposition, die sich langsam auf ein Bush-Debakel im Irak einzuschießen begonnen hatte, nimmt der Brudertod indes den Wind aus den Segeln. Die abendlichen Worte des Demokratenführers Tom Daschle, dem Präsidenten sei trotz des Erfolgs von Mossul auch weiter "Missverhalten" vorzuwerfen, wirkten seltsam deplaziert. Ebenso die furiosen Bush-Attacken ("Macho") des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Dick Gephardt auf einer Wahlveranstaltung in San Francisco.

Bremer (M.) nach seinem Treffen mit Senatoren im Kapitol
REUTERS

Bremer (M.) nach seinem Treffen mit Senatoren im Kapitol

In New York platzte die Nachricht vom Tod der Saddam-Söhne ausgerechnet in eine Irak-Sondersitzung des Weltsicherheitsrats. Uno-Generalsekretär Kofi Annan und sein Sonderbeauftragter Sergio Vieiro de Mello hatten kurz zuvor angesichts der desolaten Lage des US-Militärs im Irak unmissverständlich ein "rasches Ende" der Besetzung gefordert; die meisten Ratsbotschafter schlossen sich dem an.

Die einmütige Stimmung am East River, auch nach dem Tod der "Gebrüder Grimm" ("Vanity Fair"): Die Uno-Rolle im Irak müsse, womöglich durch eine neue Resolution, erheblich ausgeweitet, die amerikanischen Soldaten dagegen so schnell wie möglich abgezogen werden. Eine Debatte, die durch den gestrigen Siegestaumel der Amerikaner jedoch wieder lebhafter werden könnte als erwartet.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.