Tod durch "friendly fire" Afghanischer Gouverneur kritisiert Bundeswehr

Trauer um die Verbündeten: Bei den Gefechten in Kunduz hat die Bundeswehr irrtümlich das Feuer auf ein Fahrzeug der afghanischen Armee eröffnet - mindestens fünf Männer wurden dabei getötet. Der Gouverneur Mohammed Omar rügt den Zwischenfall als vermeidbar, die Deutschen müssten vorsichtiger agieren.

REUTERS

Von und Shoib Najafizada


Kunduz - Der Gouverneur der Provinz Kunduz hat das offensive Verhalten der Bundeswehr kritisiert. Deutsche Soldaten hatten am Freitagabend versehentlich mehrere Mitglieder der afghanischen Armee getötet. Laut Bundeswehrangaben wurden fünf Soldaten getötet, laut afghanischen Offiziellen sogar sechs. Mohammed Omar sagte SPIEGEL ONLINE, die Tötung der afghanischen Soldaten sei vermeidbar gewesen. "Die Fahrzeuge mit den Soldaten waren leicht zu erkennen, es handelte sich um zwei Ford Ranger mit auf der Ladefläche befestigten Waffen", sagte Omar. "Diese Autos kennt doch jeder."

Zudem hätten die Deutschen laut seinen Informationen weder Warnzeichen oder Schüsse abgegeben. "Es war ein tragischer Fehler", sagte Omar. An diesem Samstag, berichtete er, hätten sich die Deutschen bei einem Treffen mit ihm und der Armee entschuldigt, die Afghanen hätten die Geste der Bundeswehr akzeptiert. "Trotzdem muss die Bundeswehr vorsichtiger sein, wenn sie das Feuer eröffnet", mahnte Omar.

Von Offizieren der afghanischen Armee ANA hieß es, die getöteten Afghanen seien von den Deutschen gerufen worden, um die Bundeswehr bei den schweren Gefechten am Freitagnachmittag zu unterstützen. Die beiden beschossenen Fahrzeuge seien vom Unruheherd Chahar Darreh unterwegs nach Kunduz gewesen, um Nahrungsmittel für die afghanischen Truppen zu besorgen. Zu dem Angriff sei es dann am Rande von Chahar Darreh nahe einer Ortschaft namens Hakni gekommen.

Dabei eröffnete laut Bundeswehr ein Marder-Schützenpanzer das Feuer auf ein afghanisches Armeefahrzeug, nachdem sich dessen Insassen nicht korrekt identifiziert hatten. Erst später stellte sich heraus, dass in dem Wagen fünf afghanische Soldaten saßen. Sie wurden bei dem Beschuss getötet.

Afghanische Regierung schickt Ermittlungsteam nach Kunduz

Der Kommandeur der ANA-Einheiten in Nordafghanistan äußerte Verständnis für die Bundeswehr, forderte jedoch detaillierte Ermittlungen. Murad Ali Murad, General des 209. Armeecorps, sagte SPIEGEL ONLINE, er habe den Tatort selbst besichtigt. "Im ersten Ranger wurden fünf Soldaten getötet, hinten auf dem zweiten lag eine weitere Leiche", so der Offizier.

Für Murad, der gemeinsam mit den deutschen schon mehrere Operationen im Norden geführt hat, ist der Fehler der Bundeswehr nur durch die angespannte Lage zu erklären. "Die Deutschen waren sehr nervös wegen der Gefechte am gleichen Tag, deswegen haben sie wohl überreagiert", sagte der Armeegeneral. Sollte sich aber bei einer Untersuchung herausstellen, dass fahrlässig gehandelt wurde, müssten die Deutschen bestraft werden, forderte Murad. "Wenn die Deutschen gesehen haben, dass es ANA-Wagen waren, müssen sie vom Militär diszipliniert werden", so der General.

Auch der afghanische Verteidigungsminister reagierte verärgert auf den Beschuss der ANA-Fahrzeuge durch die Bundeswehr. Die Armeefahrzeuge seien eindeutig zu erkennen gewesen, sagte ein Sprecher. Verteidigungsminister Abdul Rahim Wardak will noch am Wochenende ein Ermittlungsteam nach Kunduz entsenden, das den Vorfall untersuchen soll.

Nato erwägt Untersuchung des Vorfalls

Die Schutztruppe Isaf unter der Führung des US-Generals Stanley McChrystal bedauerte den Vorfall. Ein Sprecher sagte SPIEGEL ONLINE auf Anfrage, man trauere um "die getöteten afghanischen Partner" der Nato-Einheiten. In den vergangenen Monaten hatte General McChrystal die Regeln für die Nato-Einheiten immer wieder verschärft um Opfer unter der Zivilbevölkerung oder durch "friendly fire" einzugrenzen. Trotzdem kommt es in Afghanistan immer wieder zu fatalen Fehlern der Nato.

Zu dem aktuellen Fall sagte der Sprecher zuerst, anhand der ersten Ermittlungsergebnisse habe es sich bei den Autos mit den ANA-Soldaten um "unmarkierte Zivilfahrzeuge" gehandelt, die trotz aller Versuche nicht gestoppt hätten. Kurz darauf aber korrigierte er die Aussage, mittlerweile gebe es widersprüchliche Informationen. Im Hauptquartier der Nato wird erwogen, ein Ermittlerteam nach Kunduz zu schicken, um den Vorfall zu untersuchen. Solche Recherchen sind bei der Isaf Routine, auch sie gehören zur Strategie McChrystals, Fehler der Isaf-Armeen aufzuklären und abzustellen.

Die Nato verspricht Transparenz. Sobald es Ergebnisse gebe, würden diese umgehend mitgeteilt. Die Kondulenzbekundungen verschickte die Schutztruppe auch in der Landessprache Dari. In der Vergangenheit war es bei ähnlichen Vorfällen oft zu gewaltsamen Protesten gegen die Isaf gekommen.

Noch am Freitagabend telefonierte der Chef aller deutscher Soldaten, Brigadegeneral Frank Leidenberger, mit dem Befehlshaber der afghanischen Armee in Nordafghanistan. Dabei drückte der Regionalkommandeur für Nordafghanistan seine Trauer über den Tod der ANA-Soldaten aus. Die Bundeswehr arbeitet eng mit den afghanischen Truppen zusammen und soll spätestens ab Sommer intensiv in die Ausbildung weiterer Rekruten einsteigen.

Gedenkfeier für getötete Soldaten in Kunduz

Am Freitagmittag waren bei einem Hinterhalt der Taliban zuvor drei Bundeswehrsoldaten getötet und fünf verletzt worden, vier davon schwer. Ein deutscher Trupp war etwa fünf Kilometer westlich des Lagers Kunduz unter Beschuss geraten. Die vier Schwerverletzten wurden noch am Freitag mit einem Transportflugzeug und mit Hubschraubern ins Regionalkommando Nord nach Masar-i-Scharif ausgeflogen. Am Samstagvormittag hieß es, ihr Zustand habe sich inzwischen stabilisiert, sie seien nicht mehr in Lebensgefahr. Die gefallenen drei Soldaten sollen in Kürze nach Deutschland ausgeflogen werden, die Bundeswehr organisiert derzeit ihren Rücktransport.

Nach Angaben von Leidenberger handelte es sich um einen "Routineeinsatz". Der Bundeswehr sei bekannt gewesen, dass es in der Region Rebellen gebe, an gleicher Stelle sei es schon öfter zu Gefechten gekommen. Bisher seien sie aber immer harmlos für die Bundeswehr ausgegangen. "Gestern hat uns das Glück offensichtlich verlassen", sagte der General in Masar-i-Scharif.

Einiges deutet darauf hin, dass die deutschen Soldaten sich bei dem Zwischenfall am Freitagabend bedroht sahen. Selbst wenn es sich bei den entgegenkommenden Autos um die meist beigefarbenen Pick-ups von Ford handelte, die die USA der afghanischen Armee geschenkt haben, kann die Bundeswehr nicht mehr sicher sein, dass sich wirklich Soldaten in ihnen befinden. Bis zu einem halben Dutzend dieser Fahrzeuge sind inzwischen in der Hand der Taliban. Geheimdienste warnen seit längerem, dass damit Anschläge verübt werden könnten.

Das Erkennen von afghanischen Soldaten ist nicht immer leicht, da diese weder eine einheitliche Uniform tragen noch ein funktionierendes Funksystem zur Kommunikation mit der Bundeswehr haben. Nach dem Hinterhalt gegen die Bundeswehr nur wenige Stunden zuvor waren die zur Ablösung geschickten Soldaten vermutlich nervös und rechneten mit neuen Fallen der Taliban, sie wollten kein Risiko eingehen.

Die Bundeswehr sprach am Samstagmorgen von einem "bedauerlichen Zwischenfall", der untersucht würde. Ein Sprecher der Armee in Potsdam betonte, dass die Soldaten alles getan hätten, um das Fahrzeug zum Halten zu bringen. Erst als alle Warnungen erfolglos waren, hätten sie das Feuer eröffnet. Er wies erneut auf die Gefahrensituation an dem Tag hin.

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Emmi 03.04.2010
1. Raus da!
Man kann es nicht oft genug wiederholen: Dieser Krieg ist nicht zu gewinnen. Deutsche Soldaten finden dort nichts, wofür es sich zu sterben oder zu töten lohnt! Also: Abzug so schnell wie möglich!
rosebud55 03.04.2010
2. Rausholen
Zitat von sysopTrauer um die Verbündeten: Bei den Gefechten in Kunduz hat die Bundeswehr irrtümlich das Feuer auf ein Fahrzeug der afghanischen Armee eröffnet - fünf Männer wurden dabei getötet. Der lokale Gouverneur Mohammed Omar rügt den Zwischenfall als vermeidbar, die Deutschen müssten vorsichtiger agieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,687158,00.html
Holt unsere Jungs da raus. Der Einsatz ist von der Bevölkerung nicht gedeckt. Das Mandat erfolgte zwar mittelbar durch den Bundestag, wäre bei einer direkten Volksbefragung jedoch nie zustande gekommen.
kommentar.h 03.04.2010
3. Jeder Tote ist zuviel
Zitat von sysopTrauer um die Verbündeten: Bei den Gefechten in Kunduz hat die Bundeswehr irrtümlich das Feuer auf ein Fahrzeug der afghanischen Armee eröffnet - fünf Männer wurden dabei getötet. Der lokale Gouverneur Mohammed Omar rügt den Zwischenfall als vermeidbar, die Deutschen müssten vorsichtiger agieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,687158,00.html
Im Gefecht mit Taliban gefallen, ... 'Freunde' im 'friendly fire' töten, ... Krieg ist schmutzig. BW raus aus AFG! - Krieg ist Krieg! - Erlaubt das das Grundgesetz?
harrold, 03.04.2010
4. Klare Verhältnisse
Zitat von sysopTrauer um die Verbündeten: Bei den Gefechten in Kunduz hat die Bundeswehr irrtümlich das Feuer auf ein Fahrzeug der afghanischen Armee eröffnet - fünf Männer wurden dabei getötet. Der lokale Gouverneur Mohammed Omar rügt den Zwischenfall als vermeidbar, die Deutschen müssten vorsichtiger agieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,687158,00.html
Die Deutschen stolpern über die unlogische asymmetrische Kriegsideologie der Amerikaner (nationbuilding, mit Soldaten ein Terrornetzwerk bekämpfen,usw.) mit gutem Grund: Sie ergibt keinen Sinn und ist total lächerlich. Der Feind ist in Afghanistan überhaupt nicht klar. Als Soldat ist es eine Unmöglichkeit, da zurechtzukommen. Deshalb finde ich, die Truppe hat richtig agiert: Der Feind sind die Afghanen. Alles nichtafghanische Militär, also auch die deutschen, sind Besatzer. Die deutschen Soldaten haben das verstanden und entsprechend gehandelt.
pette 03.04.2010
5. Foto
Wieso können die Journalisten einfach so Fotos von Taliban an einem zerstörten deutschen Dingo machen?!? Wie geht das denn?!? Mit Sicherheit sind sie dann mit den Aufständischen in Kontakt und wissen auch wo diese anzutreffen sind oder wohnen. Warum verraten sie dann diese Infos nicht damit die Taliban in ihren Schlumpfwinkeln bei Kunduz zusammengebombt werden?
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