Tod von Anna Politkowskaja "Mord an Putins Geburtstag kein Zufall"

Der Mord an Anna Politkowskaja hat Wut und Proteste ausgelöst. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE kritisiert die russische Publizistin Elena Tregubowa die Vernichtung der Freiheit in Rußland - und sagt, warum der Kreml doch hinter der Tat stecken könnte.


SPIEGEL ONLINE: Was denken Sie: Wer hat Anna Politkowskaja umgebracht?

Tregubowa: Ich habe mit meinen Freunden und mit meinen Quellen gesprochen und sehe zwei Möglichkeiten. Der Ministerpräsident von Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, könnte der Auftraggeber sein. Anna Politkowskaja hat oft genug über seine Machenschaften und die seiner Privatarmee berichtet. Oder Igor Setschin, der Leiter der Präsidialverwaltung, steckt dahinter.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen tatsächlich behaupten, dass jemand im Kreml den Mord geplant haben könnte?

Tregubowa: Das ist eine Möglichkeit. In einem Interview mit einer kleinen Fernsehstation hatte Politkowskaja kürzlich enthüllt, dass Setschin im privaten Kreis sehr abfällig und grob beleidigend über Putin gesprochen haben soll - und zwar mit Worten, die man nicht öffentlich wiedergeben will. Beide Varianten sind schrecklich. Denn Setschin ist Putins rechte Hand und Kadyrow Putins Marionette in Tschetschenien.

SPIEGEL ONLINE: Präsident Putin hat in Deutschland jede Möglichkeit einer solchen Verwicklung von Mitgliedern der Regierung ausgeschlossen, auch der von Ramsan Kadyrow. Er hat Andeutungen in Richtung von Russen im Exil gemacht - das heißt in Richtung der Magnaten Boris Beresowski oder Leonid Newslin. Was halten Sie davon?

Tregubowa: Ich habe darüber nachgedacht, glaube aber nicht daran. Natürlich ist es kein Zufall, dass der Mord an Politkowskaja auf Putins Geburtstag fiel. Allerdings: Das mögliche Kalkül der genannten Magnaten, über die Empörung nach dem Tod von Anna den Sturz Putins herbeizuführen, wäre nicht real. Dazu ist unsere Bürgergesellschaft viel zu schwach. Schauen Sie, wie wenige Leute sich am Tag nach Politkowskajas Ermordung zu einer Demonstration versammelt haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie vom Tod Politkowskajas erfahren?

Tregubowa: Ein Freund rief an, der Chefredakteur der Internetseite Grani.ru. Ich konnte es zunächst nicht glauben. Ich stand regelrecht unter Schock und wollte sofort meine Eltern ins Ausland schicken, um sie zu schützen. Andere Freunde riefen an und sagten, dass ich selbst besser sofort Russland verlassen sollte. Ein Geschäftsmann, den ich lange kenne, hat mir Leibwächter angeboten.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie denn gemacht, dass Sie sich so verfolgt fühlen?

Tregubowa: Auch auf mich ist ein Anschlag begangen worden. Das war im Februar 2004. Ich hatte gerade per Telefon ein Taxi bestellt. Kurz bevor ich die Wohnung verließ, explodierte eine Bombe vor meiner Tür.

SPIEGEL ONLINE: Verschiedentlich wurde Ihnen vorgeworfen, damit den Verkauf Ihres Buches "Mutanten des Kreml" gefördert zu haben, das nun auch auf Deutsch erschienen ist.

Tregubowa: Das ist infam und vollkommen aus der Luft gegriffen.

SPIEGEL ONLINE: Worum geht es in Ihrem Buch?

Tregubowa: Ich schildere meine fünf Jahre als junge Kreml-Reporterin, drei unter Jelzin, zwei unter Putin. Als ich nach Erscheinen des Buches 2003 in einer der letzten nicht vollkommen unterwürfigen Fernsehsendungen ein Interview gab, wurde die Sendung damals auf Druck des Kremls nicht ausgestrahlt.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie Schlimmes gesagt?

Tregubowa: Ich kritisierte, dass Putin die Pressefreiheit einschränkt. Ich sagte, dass er im Unterschied zu Jelzin ein kalter und mitleidloser Mensch ist. Deshalb hat er vor vier Jahren beim Untergang des Atom-U-Bootes Kursk ein paar Tage gebraucht, bis er von seinem Urlaubsort aufgebrochen ist und er sich an die Eltern und Verwandten der Matrosen wandte. Deshalb hat er jetzt so lange zum Tod von Politkowskaja geschwiegen und sich nur gegenüber dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush und in Deutschland geäußert. Das war ein Schlag ins Gesicht von Annas Familie und von allen Journalisten.

SPIEGEL ONLINE: Kannten Sie Politkowskaja persönlich?

Tregubowa: Ja. Wir waren jedoch keine engen Freunde. Allerdings zählte sie für mich durch das, was sie machte, irgendwie zur Familie. Zuletzt habe ich sie bei einer Demonstration gegen den Tschetschenienkrieg gesehen, irgendwann im Winter 2004/2005. Sie war ein zutiefst ehrlicher Mensch. Es ist einfach unvorstellbar, dass sie wie viele andere Journalisten in meinem Land irgendwelche Gefälligkeiten und Gelder annahm. Sie war unbestechlich. Und sie war sehr mutig. Sie wusste, dass ihr Leben in Gefahr ist. Ihr Tod ist ein Anschlag auf die Pressefreiheit.

SPIEGEL ONLINE: Was wird in Russland in fünf Jahren sein? Eine Demokratie, eine Diktatur?

Tregubowa: Sie sind komisch. Wir wissen hier nicht einmal, was in fünf Tagen sein wird. Alles kann passieren.

SPIEGEL ONLINE: Aber immerhin ist unter Putin doch auch einiges erreicht worden. Die Wirtschaft boomt, der Staatshaushalt weist ein Plus auf, oder?

Tregubowa: Erinnern Sie sich daran, dass auch Hitler Autobahnen gebaut hat und es der deutschen Wirtschaft unter ihm zunächst viel besser ging als zuvor?

SPIEGEL ONLINE: Aber bitte, Hitler hat sechs Millionen Juden vergasen lassen und den Zweiten Weltkrieg vom Zaum gebrochen! Sie wollen Putin nicht im Ernst mit ihm vergleichen.

Tregubowa: Hitler hat auch mit ein paar Juden angefangen, mit Maßnahmen gegen ihre Geschäfte. Und die Deutschen haben gedacht: Na ja, was soll es. So ein paar Juden. Das Resultat ist bekannt. Und bei uns sind gerade auf Betreiben der Regierung ethnische Säuberungen gegen Georgier im Gang, eine regelrechte Hexenjagd, bei der sogar Schulen nach Kindern mit georgischen Namen durchforstet wurden. Das grenzt doch an Faschismus. Und unsere Regierung tut nichts gegen die Skinheads, die beinahe wöchentlich Ausländer umbringen.

SPIEGEL ONLINE: Putin selbst hat sich darüber entsetzt geäußert. Warum sollte die Regierung die Morde an Ausländern hinnehmen oder gar fördern?

Tregubowa: Weil jede Destabilisierung und unsichere Verhältnisse generell gut für die Herrschenden sind. Vielleicht arbeiten einige einfach daran, dass Putin noch eine dritte Amtszeit bleiben darf und die Verfassung entsprechend geändert wird.

SPIEGEL ONLINE: Aber Ihr Präsident hat mehrfach erklärt, er werde sich an die Verfassung halten und 2008 aus dem Amt scheiden.

Tregubowa: Sagen kann man viel. Putin weiß genau, dass ihm der zweite Tschetschenien-Krieg seine Präsidentschaft beschert hat. Davor waren seine Werte in Meinungsumfragen doch im einstelligen Bereich. Vielleicht träumt unser Verteidigungsminister Sergej Iwanow davon, durch einen kleinen erfolgreichen Krieg mit Georgien selbst Präsident zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie von westlichen Politikern?

Tregubowa: Die westlichen Politiker haben sich kaufen lassen. Es ist eine Schande. Sie haben nur das russische Öl und Gas im Blick. Ich fordere die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel auf, mit der Politik ihres Vorgängers zu brechen. Gerhard Schröder hat wegen seiner Freundschaft mit Putin zur Vernichtung der Freiheit in Russland geschwiegen. Die typische Entscheidung eines feigen Nachbarn, der hört, dass der Kerl gegenüber seine Frau und Kinder schlägt, aber nichts tut. Vielleicht erkennt Frau Merkel mit ihrem weiblichen Verstand und Herzen, dass man sich nicht hinter abstrakten politischen Fragen verstecken darf. Dahinter stehen in meinem Land reale Menschen, deren Leben bedroht ist.

Das Interview führte Matthias Schepp



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.