Türkei Gewaltsame Proteste nach Tod von Berkin Elvan

Er wurde von einem Tränengasgeschoss der Polizei getroffen, lag neun Monate im Koma - und starb. Demonstranten machen den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan für den Tod des Jungen Berkin Elvan verantwortlich. Die blutigen Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht flammen wieder auf.


Istanbul - Der Tod eines vor neun Monaten bei Antiregierungsdemonstrationen verletzten Jugendlichen hat in der Türkei neue Proteste ausgelöst. Die Polizei setzte am Dienstag Tränengas und Wasserwerfer gegen rund tausend Demonstranten vor dem Istanbuler Krankenhaus ein, in dem der 15-jährige Berkin Elvan nach 269 Tagen im Koma gestorben war. Protestierende warfen Steine auf einen Polizeibus und entwendeten Helme und Schilde.

Die Familie von Berkin Elvan hatte am Dienstagmorgen mitgeteilt, dass der Junge gestorben ist. Er ist das achte Todesopfer der Gezi-Proteste vom Sommer 2013 - sieben Zivilisten und ein Polizist. Der Junge war von einem Tränengasgeschoss der Polizei am Hinterkopf getroffen worden, obwohl er mit den Protesten nichts zu tun hatte. Damals entwickelte sich eine Demonstration von Umweltschützern im Istanbuler Gezi-Park gegen das Abholzen von Bäumen zu einem landesweiten Protest gegen den autoritären Regierungsstil von Premierminister Recep Tayyip Erdogan.

Die Mutter des Jungen machte Erdogan für den Tod ihres Sohnes verantwortlich: "Nicht Gott hat mir meinen Sohn genommen, sondern Ministerpräsident Erdogan!", sagte sie unter Tränen vor Journalisten. Erdogan hatte die Polizisten während der Proteste als "Helden" bezeichnet.

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Nach Tod von Berkin Elvan: Wut und Trauer in Ankara und Istanbul
Mit Fotos in den Händen Kreuzung blockiert

Nach der Nachricht vom Tod des Jungen gab es Demonstrationen in zahlreichen weiteren Städten. In Ankara ging die Polizei mit Tränengas und Wasserwerfern gegen rund tausend Studierende vor der Technischen Universität vor, die mit Fotos des toten Berkin in den Händen eine wichtige Verkehrsader blockierten. Auch auf einem zentralen Platz der Hauptstadt versammelten sich Hunderte Demonstranten. Augenzeugen berichteten von mehreren Verletzten in Ankara.

Aus Istanbul wurde mindestens ein Verletzter gemeldet. Auch in der dortigen Fußgängerzone Istiklal versuchte die Polizei am Abend, die Proteste durch den Einsatz von Wasserwerfern und Tränengas aufzulösen und die Demonstranten daran zu hindern, auf den zentralen Taksim-Platz vorzudringen, wie Augenzeugen berichteten. Geschäftsinhaber in Berkins Istanbuler Stadtviertel Okmeydani schlossen aus Solidarität ihre Läden.

Proteste mit Sprechchören gegen Erdogan wurden auch aus Izmir, Adana, Antalya und Eskisehir gemeldet.

sun/dpa/AFP

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