Informanten-Theorie Journalist wirft USA Lügen über Bin Ladens Tod vor

Hatten die USA bei der Jagd auf Osama bin Laden einen Tipp-Geber im pakistanischen Geheimdienst? Und zahlten sie Millionen für den entscheidenden Hinweis? Das behauptet US-Journalist Seymour M. Hersh. Beweise hat er dafür keine.

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Seymour M. Hersh, 78, ist Investigativjournalist aus den USA. Berühmt wurde er, als er 1969, mitten im Vietnamkrieg, die Massaker von My Lai aufdeckte, die die US-Armee begangen hatte. Er trug auch dazu bei, dass die Folter der Amerikaner im irakischen Gefängnis Abu Ghuraib 2004 bekannt wurden. Wenn er jetzt über den tödlichen Schlag des US-Militärs gegen Osama Bin Laden im pakistanischen Abbottabad schreibt, horcht die Welt natürlich auf.

Die offizielle Version von der Tötung Bin Ladens in der Nacht auf den 2. Mai 2011 besagt, dass ein Team von US-Navy-Seals per Hubschrauber von Afghanistan im Tiefflug nach Abbottabad eilte, einer beschaulichen Bergstadt etwa 60 Kilometer Luftlinie nördlich der Hauptstadt Islamabad. Dort seilten sie sich ab und fanden Bin Laden in einer hoch ummauerten Villa.

Sie töteten den Chef des Terrornetzwerks al-Qaida, nahmen den Leichnam mit und bestatteten den meistgesuchten Mann der Welt noch am selben Tag von einem Flugzeugträger aus im Arabischen Meer. Die pakistanische Regierung sei über den Einsatz erst informiert worden, als die Helikopter schon in pakistanischen Luftraum eingedrungen waren.

Pulitzer-Preisträger Hersh hegt Zweifel an dieser Darstellung des Weißen Hauses. In der "London Review of Books" schreibt Hersh, US-Präsident Barack Obama habe gelogen. Die Aktion sei als Heldengeschichte, als amerikanischer Alleingang in die Welt getragen worden, um Obamas Wiederwahl zu sichern. Tatsächlich habe Washington Islamabad viel früher in die geplante Aktion eingeweiht. Die "größte Lüge" sei, dass General Ashfaq Parvez Kayani, seinerzeit Chef der pakistanischen Armee, und General Ahmed Shuja Pasha, an der Spitze des Militärgeheimdienstes ISI, nicht informiert gewesen seien.

Hersh behauptet weiter, die pakistanischen Generäle hätten von Bin Ladens Aufenthalt in Abbottabad, gerade mal einen Kilometer von der hochgesicherten Militärakademie, nicht nur gewusst, sondern ihn dort unter Hausarrest gehalten. Bin Laden habe von 2001 bis 2006 zusammen mit seinen Frauen im pakistanischen Teil des Hindukush gelebt, wo ihn aber Stammesleute gegen Zahlung einer nicht genannten Summe an die pakistanischen Sicherheitskräfte verraten hätten.

Pakistan habe fortan Geld von Saudi-Arabien erhalten und im Gegenzug auf eine Abschiebung des Saudi-arabischen Staatsbürgers verzichtet. Zudem sollen die Saudis gedrängt haben, den Amerikanern nichts von Bin Ladens Präsenz in Pakistan zu verraten. Aber schließlich, schreibt Hersh weiter, sei ein pakistanischer Agent von sich aus auf die US-Botschaft in Islamabad zugekommen. Er habe den Qaida-Führer an die CIA verraten und dafür einen Teil der 25-Millionen-Dollar-Belohnung kassiert.

Berechtigte Zweifel an der offiziellen Version

Washington habe diese Entwicklung gegenüber Pakistan verschwiegen und zunächst alles in Bewegung gesetzt, um zu überprüfen, ob es sich wirklich um Bin Laden handelte. Erst als das mit größter Sicherheit feststand, habe die US-Regierung Pakistan unter Druck gesetzt und damit gedroht, dem Land die milliardenschwere Militärhilfe - darunter "schusssichere Limousinen und Sicherheitspersonal und Häuser für die ISI-Führung", wie Hersh schreibt - zu streichen, wenn nichts gegen Bin Laden unternommen werde. Zudem hätten ranghohe pakistanische Offiziere "Prämien" aus nicht registrierten Kassen des Pentagon erhalten. Um den Druck zu erhöhen, habe man damit gedroht, die Sache öffentlich zu machen.

Wie konnte es sein, dass nach offizieller Darstellung Pakistan von Bin Ladens Haus inmitten einer militärisch gesicherten Zone nichts wusste? Und wie konnten die USA eine solche Operation durchführen, ohne die Pakistaner einzuweihen? Die Fragen, die Hersh aufwirft, sind keineswegs neu. Sie sind seit dem 2. Mai 2011, seit Bin Ladens Tod unbeantwortet.

Mehrere US-Medien hatten große Bedenken gegen Hershs Text und lehnten seine Veröffentlichung ab. Hersh belegt seine Behauptungen in seinem Artikel nicht, sondern beruft sich auf einen "pensionierten hochrangigen [US-]Geheimdienstmitarbeiter".

Zudem zitiert er die Journalistin Carlotta Gall, die im vergangenen Jahr unter Berufung auf einen namentlich nicht genannten pakistanischen Geheimdienstoffizier schrieb, der ISI habe früher als bisher zugegeben von Bin Ladens Aufenthaltsort gewusst. Gall war vorgeworfen worden, ihre Erkenntnis erst zum Erscheinen ihres Buches "The Wrong Enemy" und nicht schon früher, als sie die Information erhielt, veröffentlicht zu haben.

Hersh verweist zudem auf Imtiaz Gul, Journalist und Leiter eines Thinktanks in Islamabad. Dieser hatte in seinem Buch wiederum vier Agenten zitiert, die die weit verbreitete Meinung kundtun, irgendjemand im pakistanischen Militär müsse von der US-Operation vorab gewusst haben. Und Hersh zitiert Asad Durrani, von 1990 bis 1992 ISI-Chef: "Was Sie mir erzählen, ist im Prinzip das, was ich von früheren Kollegen gehört habe, die mit der Angelegenheit befasst waren", sagte Durrani Hersh.

Zweifel an der offiziellen US-Version der Geschichte sind berechtigt, viele Ungereimtheiten bleiben. Nur trägt Hersh, der gerade an einem Buch, einer "alternativen Geschichte über den Anti-Terror-Krieg" schreibt, zu einer Aufklärung wenig bei.

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insgesamt 91 Beiträge
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ohgottogott 11.05.2015
1. 2erlei Maß ?
Zumindest klingt Hershs Version der Geschichte um Einiges schlüssiger als die offizielle Version der US Regierung. Und die hatte auch keine Belege der Art, wie sie jetzt der Artikel von Hersh erwartet werden, sondern war im Wesentlichen einfach eine Behauptung Wenns denn so stimmt, wie von Hersh dargestellt, hätten die US Soldaten einen Unbewaffneten im Bett erschossen....
pigtime 11.05.2015
2.
Zitat SPON: "Mehrere US-Medien hatten große Bedenken gegen den Hershs Text und lehnten seine Veröffentlichung ab. Hersh belegt seine Behauptungen in seinem Artikel nicht, sondern beruft sich auf einen "pensionierten hochrangigen [US-]Geheimdienstmitarbeiter". " Seit wann sind die Medien so kritisch? Natürlich waren und sind der ISI mit der Taliban und auch mit der Führung von AQ immer dicke gewesen. Es ist auch kein großes Geheimnis, das UBL sich seit Jahren in Pakistan aufhielt. Die große Frage die bleibt ist; spielen nur diewestlichen Verbündeten da unten ein doppeltes Spiel, oder auch Teile der westlichen Dienste? Richtig ist nämlich auch, dass man die Füße nicht mehr stillhalten kann, wenn Dritte an der Haustür klingeln um zu petzen!
BoMbY 11.05.2015
3.
Naja, es gab ja schon einige Vermutungen, vor allem weil die den Körper so schnell "entsorgt" haben. Und der Pulitzer-Preis-Träger Seymour M. Hersh ist nun auch nicht gerade ein Unbekannter - der wird schon etwas entsprechendes in der Hinterhand haben.
yarx 11.05.2015
4. Ja, was denn?
Soll der Mann seine Quellen Verraten? Was außer einem verwackelten Video hatte denn Obama als Beweis zu bieten?
booba 11.05.2015
5. Gut das
Saudi Arabien verbündeter ist, der uns tatkräftig im Kampf gegen die bösen wie den Iran und Syrien unterstützt! Solche Menschenrechtsverletztende Schurkenstaaten müssen schließlich vernichtet werden!
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