Tod von Terror-Chef Sarkawi Von den eigenen Männern verraten

Am Ende einer dreijährigen Jagd haben ihn die eigenen Leute ans Messer geliefert: Auch wenn seine Anhänger Abu Mussab al-Sarkawi als Held feiern - die entscheidenden Hinweise auf den Aufenthaltsort des getöteten irakischen Terror-Chefs kamen aus seinem engsten Umfeld.

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Hamburg - Sie waren sich zum ersten Mal sicher, "zu hundert Prozent". Zum ersten Mal nach drei Jahren vergeblicher Hatz auf einen der meistgesuchten Terroristen der Welt, auf den größten Feind der jungen Demokratie im Irak. "Wir wussten genau, wo er war und wir haben den richtigen Moment abgewartet", erklärte US-Luftwaffen-Kommandeur Gary L. North nach dem gezielten Luftschlag gegen Abu Mussab al-Sarkawi - stolz und auch erleichtert.

Schon oft hatte die US-Armee zuvor geglaubt, den irakischen Terror-Chef packen zu können, doch der entwischte ein ums andere Mal. Erst im Mai soll Sarkawi von einem fahrenden Lkw gesprungen und Spezialkräften entkommen sein, die ihn verfolgten. Auch mit einem Luftangriff hatten es die Amerikaner jüngst schon einmal versucht - vergeblich, Sarkawi war schon weg, als die tödlich Fracht einschlug. Und besonders peinlich: Im vergangenen Jahr hatten irakische Truppen Sarkawi bereits gefasst, ihn jedoch kurz darauf wieder freigelassen. Sie hatten ihn nicht erkannt.

Am Mittwochabend beendeten zwei 500-Pfund-Bomben die Jagd, als sie ein bescheidenes zweistöckiges Haus am Rande von Palmenhainen und Orangenplantagen vor den Toren Bakubas nördlich von Bagdad dem Erdboden gleich machten. Immer enger hatten US-Spezialeinheiten in den vergangenen zwei Wochen die Schlinge um den Hals von Sarkawi gezogen, bevor sie zuschlugen. Am Ende kam der entscheidende Tipp aus dem innersten Zirkel seines eigenen Netzwerks. Ein verlässlicher Informant, ein Verräter in den Reihen der irakischen Qaida-Filiale hatte den USA zuvor immer gefehlt. Jetzt sagte die Quelle ihnen: Sarkawi befindet sich in dem kleinen Haus in Hibhib.

Sarkawi starb mit fünf anderen, unter ihnen eine Frau und ein Kind, und der Mann, der die Amerikaner schließlich unabsichtlich zu ihm führte: sein Stellvertreter und geistlicher Berater, Abu Adel Rahman al-Iraqi. Rahman war einer der Schlüssel, um Sarkawi zu lokalisieren, sagte Armee-Sprecher William Caldwell. Seit mehreren Wochen waren Spezialkräfte Sarkawis Vize auf den Fersen - und warteten darauf, dass er sich mit seinem Boss treffen würde.

Überwachung mit Drohne

Der entscheidende Durchbruch gelang nach Informationen der "Washington Post" im vergangenen Monat: Jordanische Geheimdienstmitarbeiter hatten nahe der irakischen Grenze einen wichtigen Akteur aus dem Sarkawi-Netzwerk gefasst. Ziad Khalaf al-Kerbouly arbeitete für den irakischen Zoll und half Sarkawi, Geld und Material ins Land zu schmuggeln. Kerbouly soll Kontakte zu Scheich Abdel Rahman verraten haben. Mit Hilfe einer ferngesteuerten Drohne begannen die Amerikaner, Rahman auszuspionieren, berichtet die "New York Times" unter Berufung auf US-Offizielle.

Doch wie würde man erfahren, ob und wann Rahman tatsächlich mit Sarkawi zusammenkommen würde? Der Terror-Chef galt als vorsichtig und schwer fassbar, nicht umsonst hatten ihn die US-Militärs einst als Phantom bezeichnet. Er wusste, dass ihm die Amerikaner mit Hightech-Hilfe auf die Spur kommen wollten. Deswegen nutzte er etwa keine leicht zu ortende Mobiltelefone, stattdessen verließ er sich auf Satelliten-Geräte.

Laut "New York Times" gab schließlich ein irakischer Informant innerhalb des Terror-Netzwerks von Sarkawi den entscheidenden Tipp auf das Treffen Rahmans mit Sarkawi. Die Identität der Quelle ist nicht bekannt, genauso wenig, wie es ihr möglich war, den genauen Ort des Treffens zu kennen, ohne selbst getötet zu werden. Die "NYT" zitiert einen Bewohner von Hibhib, der vor dem Angriff drei Transporter mit verdunkelten Scheiben beobachtet haben will, die zu dem abgelegenen Haus gefahren seien. Noch bevor die Bomben fielen, habe ein Fahrzeug die Gegend wieder verlassen. Gut möglich, dass der Verräter im Wagen saß. Offiziell bestätigten sowohl die Amerikaner als auch die Iraker, dass Sarkawi aus den eigenen Reihen verraten wurde. "Es ist uns gelungen, die Organisation zu unterwandern", sagte Mowaffak al-Rubaie, Iraks Nationaler Sicherheitsberater.

Möglicherweise halfen Bemühungen des US-Botschafters in Bagdad, Zalmay Khalilzad, die irakische Qaida-Filiale zu infiltrieren. Khalilzad versuchte zuletzt verstärkt, die Beziehungen zur sunnitischen Minderheit im Irak zu verbessern. Er könnte so Kanäle geöffnet haben, über die die Aufständischen unterwandert werden konnten, glaubt Ed O'Connell, ein früherer Geheimdienstoffizier der Luftwaffe, der Großfahndungen auf Osama bin Laden und seine Gefolgsleute in Afghanistan, dem Irak und im Jemen organisierte.

Denn zur gleichen Zeit versuchte der gebürtige Jordanier Sarkawi angesichts der US-Versuche, ihn als mordenden Ausländer im Irak dastehen zu lassen, sich bei den sunnitischen Aufständischen einzuschmeicheln. Dies könnte ihm das Genick gebrochen haben, weil Khalilzad zur gleichen Zeit ebenfalls den Kontakt suchte.

Ob und an wen das von den USA ausgesetzte Kopfgeld von 25 Millionen Dollar ausgezahlt wird, ist noch unklar. Militär-Sprecher Caldwell sagte heute, es habe keinen alles entscheidenden Informanten gegeben. "Die Information stammte nicht von einer einzigen Person. Dass uns einer gesagt hätte: Ihr findet ihn zu diesem Zeitpunkt in diesem Haus - das ist nicht passiert." Vielmehr hätten die Fahnder über einen Zeitraum von drei Wochen zahlreiche Tipps erhalten und wie ein Puzzle zusammengesetzt.

"Sarkawi versuchte sich von der Trage zu rollen"

Der Augenzeuge berichtete der "NYT" von Bodentruppen in der Umgebung des Hauses. Während die F-16 ihr Ziel anvisierten, schwärmten in Hibhib "wie aus dem nichts" Spezialkräfte aus, einige von ihnen seilten sich aus Black Hawk-Helikoptern ab. Angeblich soll es dann zu einem kurzen Schusswechsel gekommen sein. Offenbar hatte die Runde im Haus die Gefahr bemerkt und das Feuer eröffnet. Dann schlug die erste Bombe ein, eine lasergesteuerte GBU-12. Eine satellitengeführte GBU-38 folgte wenig später. Die beiden F-16-Piloten hatten sich auf einem Patrouille-Flug befunden, als sie den Befehl zum Angriff auf ein "Ziel von hohem Wert" bekamen.

Man habe sich entschlossen aus der Luft anzugreifen, um eine erneute Flucht Sarkawis zu verhindern, begründete US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld das kompromisslose Vorgehen. Eine Erstürmung des Gebäudes erschien den Spezialeinheiten zu unsicher.

Wie die US-Armee erst heute mitteilte, überlebte Sarkawi den Angriff auf seinen Unterschlupf zunächst. Er sei sogar noch bei Bewusstsein gewesen, als die US-Truppen nach ihren irakischen Verbündeten an dem bombardierten Haus eingetroffen seien, sagte Armee-Sprecher Caldwell dem US-Sender Fox News. Caldwell zufolge legten irakische Soldaten den noch lebenden Terror-Chef auf eine Trage. Kurz nach dem Eintreffen der US-Soldaten sei er gestorben. Offenbar hatte Sarkawi sogar noch wahrgenommen, wer ihn da geborgen hatte. "Er versuchte, sich von der Trage herunter zu rollen und zu flüchten, als er begriff, dass es US-Soldaten waren."

mit AP/Reuters/dpa



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