Argentiniens toter Staatsanwalt Die Präsidentin und der letzte Zeuge

Er hatte angeblich brisantes Material gegen Argentiniens Präsidentin Fernández de Kirchner - dann lag der Staatsanwalt tot in seinem Bad. Welche Rolle spielt ein dubioser Geheimdienstoffizier? Und warum war ein Staatssekretär früher am Tatort als die Chefermittlerin?

Argentinische Demonstranten fordern Aufklärung im Fall des toten Sonderermittlers
AFP

Argentinische Demonstranten fordern Aufklärung im Fall des toten Sonderermittlers

Von , Mexiko-Stadt


Bisher weiß man wenig mehr, als dass der argentinische Staatsanwalt Alberto Nisman am 18. Januar mit einer Kugel im Kopf gefunden wurde. Zuvor hatte er behauptet, brisantes Material gegen Argentiniens Staatschefin Cristina Fernández de Kirchner zu haben.

Der "Caso Nisman" um den unter mysteriösen Umständen gestorbenen Sonderermittler ist nicht nur ein Spionagethriller. Er könnte zur Staatskrise werden und die Präsidentin das Amt kosten.

Wer spielt welche Rolle in dem Thriller? Dies sind die Protagonisten:

Der Tote

Alberto Nisman: Tod durch Kopfschuss
REUTERS

Alberto Nisman: Tod durch Kopfschuss

Staatsanwalt Alberto Nisman starb in der Nacht zum vergangenen Montag. Die Leiche wurde in seinem Badezimmer in Buenos Aires entdeckt. Neben dem Toten lag eine Pistole des Kalibers 22 - hat er sich selbst erschossen? Schmauchspuren an den Händen wurden nicht entdeckt.

Wenige Stunden später hätte im argentinischen Parlament ein wichtiger Termin stattfinden sollen - denn Nisman hatte gegen Staatschefin Cristina Fernández de Kirchner ermittelt.

Die Anschuldigungen Nismans hatten es in sich:

  • Die argentinische Regierung habe mit Teheran konspiriert, um die mutmaßlichen iranischen Urheber des Attentats auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA in Buenos Aires vor knapp 21 Jahren zu schonen. Bei dem Autobombenanschlag im Jahr 1994 kamen 85 Menschen ums Leben, 300 wurden verletzt.
  • Angeblicher Hintergrund: Die Präsidentin habe für das klamme und ressourcenknappe Argentinien einen lukrativen Öldeal mit Teheran abschließen wollte. Eine Anklage gegen hohe Beamte der iranischen Regierung hätte da geschadet.

Die Präsidentin streitet alles ab und vermutet stattdessen ein Komplott gegen sie. Fiel Nisman also einem perfiden Ränkespiel des argentinischen Geheimdienstes SIDE zum Opfer? Wurde der Jurist von den Iranern und der Hisbollah-Miliz zum Schweigen gebracht? Oder war es doch Selbstmord?

Die Präsidentin

Argentiniens Präsidentin: Sieht sich als Opfer eines Komplotts
Getty Images

Argentiniens Präsidentin: Sieht sich als Opfer eines Komplotts

Als Cristina Fernández de Kirchner sich am Montagabend in die Wohnzimmer aller Argentinier schalten ließ, war es ihr erster öffentlicher Auftritt seit dem Tod Nismans. Die Staatschefin hatte sich bisher nur über die sozialen Netzwerke an ihr Volk gewandt. Schon länger hat man in Argentinien den Eindruck, dass die häufig kranke Präsidentin inzwischen in sich gekehrt, publikumsscheu und amtsmüde ist. Nun saß sie ganz in Weiß in einem Rollstuhl, ihr linker Fuß steckte in einem orthopädischen Schuh. Kirchner hatte sich kurz nach Weihnachten den Knöchel gebrochen.

Ein ungewöhnliches Setting, um eine politische Bombe zu zünden: die Auflösung der Secretaría de Inteligencia de Estado Argentina (SIDE). Die Reform sei seit der Rückkehr Argentiniens zur Demokratie im Jahr 1983 überfällig, sagte Kirchner. Der staatliche Geheimdienst habe offensichtlich nicht den nationalen Interessen gedient. Vielmehr habe er ein Eigenleben geführt, begründete die Präsidentin ihren Schritt in der Fernsehansprache. Manche Mitarbeiter hätten die Institution möglicherweise für private Zwecke missbraucht. Der SIDE werde nun durch eine föderale Behörde ersetzt. Den neuen Chef werde sie selbst auswählen.

Mit der Entscheidung geht die Staatschefin in der Nisman-Affäre erstmals in die Offensive. Und untermauert ihre These, sie selbst sei das Opfer in dem Fall: Ein geschasster Geheimdienstoffizier habe sich an ihr rächen wollen und dafür Nisman benutzt.

Die Schlüsselfigur

Dieser Geheimdienstoffizier ist Antonio Horacio Stiusso, 61, genannt Jaime. Er ist bereits seit 40 Jahren bei SIDE. Ideologisch flexibel diente er Demokraten und Diktatoren gleichermaßen. In den vergangenen 20 Jahren hatte er bei dem Geheimdienst immer Führungspositionen inne, zuletzt war er Operationschef des SIDE. Er war der Mann für die schmutzigen Dinge: Telefone abhören, nach dunklen Stellen in Biografien suchen, Beweise fälschen und konstruieren.

Kirchner löste seine Abteilung Mitte Dezember auf und schmiss Stiusso raus. Er war angeblich zu mächtig und habe den SIDE für seine eigenen Zwecke missbraucht, war zudem Herr über dunkle Millionenkassen. Stiusso verfügte über beste Kontakte zum US-Geheimdienst CIA, der US-Bundespolizei FBI sowie dem israelischen Mossad. Und er ist ein intimer Kenner der AMIA-Affäre.

Stiusso, behaupten Leute aus dem Umfeld von Nisman, arbeitete beim AMIA-Fall eng mit dem Staatsanwalt zusammen - bis er sich zehn Tage vor dessen Tod nach Uruguay absetzte.

Kirchners Version lautet so: Stiusso manipulierte Nismans Beweise so, dass sie den angeblichen Deal mit Iran belegen sollten. Bei einer Ermordung des Sonderermittlers käme sie ebenfalls in Verdacht - denn Nisman hatte die Präsidentin nur Tage vor seinem Tod öffentlich beschuldigt. Er wollte dem Parlament die Beweise dafür vorlegen.

Der Journalist

Journalist Damián Pachter: Fürchtet um sein Leben
REUTERS

Journalist Damián Pachter: Fürchtet um sein Leben

Damián Pachter, Reporter bei der englischsprachigen Zeitung "Buenos Aires Herald", kam erst ein paar Tage nach dem Tod Nismans in das Blickfeld der Ermittler. Da war er schon aus Argentinien geflohen, weil er um sein Leben fürchtete. Der junge Journalist befindet sich nun in seiner zweiten Heimat Israel.

Pachter hatte als Erster vom Tod des Staatsanwalts berichtet. Eine seiner zuverlässigsten Quellen habe ihn am Sonntag, den 18. Januar, nachmittags über Nismans Tod informiert, erzählte er im sicheren israelischen Exil. Um 23 Uhr twitterte er: "Man hat mich über einen Vorfall im Haus des Staatsanwalts Nisman informiert." Eine halbe Stunde später ein neuer Tweet: "Sie haben Nisman in einer Blutlache im Bad in seiner Wohnung in Puerto Madero gefunden. Er atmet nicht. Die Ärzte sind da."

In den folgenden Tagen sei er von Agenten des argentinischen Geheimdienstes verfolgt und sein Telefon sei angezapft worden, sagte der Journalist. Außerdem habe er Drohungen über Twitter erhalten. "Vielleicht habe ich mit meinem Tweet jemanden gestört. Vielleicht hatte jemand andere Pläne und ich habe dazwischen gefunkt." Einzelheiten über seine Bedrohung gab er nicht preis, die will er zu gegebener Zeit vorlegen.

Der Freund und letzte Zeuge

Diego Lagomarsino, Freund von Nisman und womöglich der Letzte, der ihn lebend gesehen hat. Der 35 Jahre alte Informatiker arbeitete früher beim Geheimdienst. Er ist seit 2007 bei der Staatsanwaltschaft und recherchierte mit Nisman im Fall AMIA. Lagomarsino ist Besitzer des Bersa-Revolvers, Kaliber 22, aus dem die tödliche Kugel in Nismans Schläfe abgefeuert wurde. Er habe Nisman die Waffe einen Tag vor seinem Tod auf dessen ausdrücklichen Wunsch vorbeigebracht, sagte Lagomarsino den Ermittlern.

Nisman sei von einem Geheimdienstoffizier informiert worden, dass er in Gefahr schwebe, dass er seinen Personenschützern misstrauen und seine beiden Töchter schützen solle. Daraufhin habe Nisman Lagomarsino gebeten, ihm seine Waffe zu borgen.

Ein ungewöhnlicher Vorgang, weil Nisman selbst Besitzer zweier Handfeuerwaffen war. Die Staatsanwältin Viviana Fein leitete ein Ermittlungsverfahren gegen Lagomarsino ein, weil er seine Waffe an Nisman aushändigte.

Die Staatsanwältin

Staatsanwältin Viviana Fein: Muss den Spionagethriller aufklären
AFP/ NA / JUAN VARGAS

Staatsanwältin Viviana Fein: Muss den Spionagethriller aufklären

Viviana Fein soll den Tod ihres Kollegen aufklären. Die resolute Ermittlerin der Staatsanwaltschaft 45 von Buenos Aires steht vor ihrem größten Fall. Sie ist inzwischen eine der bekanntesten Personen in Argentinien.

Am Tatort kam sie anderthalb Stunden zu spät an, weil ihre Mitarbeiter sie nicht erreichen konnten. In Nismans Wohnung traf sie zu ihrem Erstaunen auf den Staatssekretär im Sicherheitsministerium, Sergio Berni. Unklar bleibt, warum der Vertraute von Präsidentin Kirchner so schnell am Tatort war und danach die Selbstmordthese verbreitete.

Am Dienstag gab Fein den Leichnam Nismans frei. Am Donnerstag soll er beigesetzt werden.

Zehn Tage nach dem Tod des Staatsanwalts ist der Fall also nach wie vor undurchsichtig:

  • Warum gab Lagomarsino seinem Boss die Waffe?

  • Wer informierte den Reporter Pachter vom bevorstehenden Tod Nismans?

  • Warum floh der Journalist, ohne Details zu nennen?

  • Ist die Präsidentin wirklich Opfer eines Komplotts - oder wollte sie doch einen Deal mit Iran?

  • Welches Spiel spielt Geheimdienstmann Stiusso?

Möglicherweise wird der Tod Nismans nie aufgeklärt. Die Tat überschattet jedoch die letzten Monate der Amtszeit von Cristina Kirchner.

Am 25. Oktober wird ihr Nachfolger gewählt - der "Caso Nisman" dürfte den Wahlkampf überschatten.

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