Russlands Hass auf Gorbatschow: Shitstorm gegen den Totgesagten

Von Christian Neef, Moskau

Michail Gorbatschow (Archivbild): Viele Russen haben ihn nie verstanden Zur Großansicht
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Michail Gorbatschow (Archivbild): Viele Russen haben ihn nie verstanden

Ist Michail Gorbatschow bei Kräften, im Krankenhaus oder gar nicht mehr unter den Lebenden? Zum wiederholten Male wurde jetzt der Tod des sowjetischen Ex-Präsidenten verbreitet. Und wieder war es eine Falschmeldung. Sie reichte, um in Russland eine Welle des Hasses loszutreten.

Es war Mittwochabend, als die staatliche Moskauer Nachrichtenagentur RIA Novosti in ihrem deutschsprachigen Mikroblog und einem weiteren Twitter-Kanal den Tod Gorbatschows verkündete. Die Meldung war falsch, das stellte sich schnell heraus.

Er sei "lebendig und gesund", erklärte der frühere Kreml-Chef, sein Blutdruck betrage 150 zu 80, auch die Zuckerwerte habe er im Griff. Der 82-Jährige sei an diesem Tag sogar von seiner Datscha in die Stadt gefahren, zur Arbeit in seiner Stiftung, so einer seiner engsten Mitarbeiter gegenüber SPIEGEL ONLINE. Die Nachricht sei "völliger Unfug", Gorbatschow habe noch nicht die Absicht zu sterben.

Der Vorgang war der Staatsagentur RIA Novosti furchtbar peinlich. Sie hätte, so teilte sie mit, die Meldung nach nicht mal fünf Minuten gelöscht. Hacker hätten die Accounts geknackt und die Ente verbreitet. Man sei dabei, im eigenen Hause Nachforschungen anzustellen, darüber hinaus habe man den Inlandsgeheimdienst FSB mit einer Untersuchung beauftragt.

Auffällig ist, wie oft der letzte sowjetische Staats- und Parteichef inzwischen totgesagt worden ist. Ähnliche Gerüchte schwirrten bereits im Juni durchs Land. Im Mai 2012 erschien die Todesmeldung sogar auf der englischen Seite der Internet-Enzyklopädie Wikipedia, von wo aus sie es rasend schnell über soziale Netzwerke bis in die Medien schaffte.

Warum hassen die Russen Gorbatschow so?

Gorbatschow selbst gab sich gelassen, aber diese Gelassenheit ist gespielt. Dass einem alle paar Monate der eigene Tod vermeldet wird - das steckt selbst ein 82-Jähriger nicht so einfach weg. Der Ex-Präsident argwöhnt zudem, dass hinter den Falschmeldungen "irgendwelche politischen Kreise" stehen.

Es stimmt, Gorbatschow ist nicht mehr gesund. Er hat in den vergangenen Jahren drei schwere Operationen überstehen müssen: an Halsschlagader, Prostata und Wirbelsäule. Das hat ihn gezeichnet. Er ist aufgedunsen, auch der Zucker macht ihm zu schaffen, regelmäßig muss er ins Krankenhaus. Aber mehr noch leidet er unter dem schlechten Ruf, den er im eigenen Lande genießt. Denn Gorbatschow hat ein anderes Bild von sich und seiner politischen Leistung.

"Warum hassen so viele Russen Sie?" So lautete eine der Fragen in einem Gespräch, das der SPIEGEL mit ihm im Sommer vor genau zwei Jahren führte. Gorbatschow ließ sich damals Zeit, er überlegte fast eine Minute lang. "Wahrscheinlich werden die Leute erst nach meinem Tod aufhören, mich zu hassen", antwortete er schließlich. Doch dann schüttelte er den Kopf und korrigierte sich: "Nein, ich habe nicht den Eindruck, dass sie mich hassen."

Das aber ist ein Irrtum, und er wurde gestern einmal mehr offenbar. Die falsche Todesmeldung war längst gelöscht, doch landauf, landab hatte sie eine Welle von Kommentaren ausgelöst. Es war eine Welle des Hasses. Eine Mischung aus politischer Verachtung, bloßen Beschimpfungen, Pöbeleien und unfassbaren Beleidigungen.

Das, was am Mittwoch zum Beispiel auf den Webseiten der Internet-Gruppe mail.ru auftauchte, ließ ahnen, welchen Nachruf der große sowjetische Reformer im eigenen Lande bekommen wird. Und wie die Mehrheit der Russen auf seine Perestroika schaut - auf jene gut sechs Jahre, in denen Gorbatschow die Sowjetunion zu öffnen und zu modernisieren versuchte, bis sie im Dezember 1991 zusammenbrach. Das einst so mächtige Sowjetreich ging in jenem Winter sang- und klanglos unter - viele Russen haben diesen Verlust bis heute nicht verschmerzt. Gorbatschow habe an dieser Katastrophe Schuld, so glauben sie, und nicht wenige meinen, er habe einen Auftrag der Amerikaner erfüllt.

In fast jedem zweiten Eintrag bei mail.ru tauchte das Wort "Verräter" auf. Für "30 Silberlinge" habe Gorbatschow die Sowjetunion verkauft, er selbst sei sicher reicher als der Oligarch Roman Abramowitsch, Kinder und Enkel könnten sein Portemonnaie sicher noch 20 Jahre lang nutzen, unterstellte eine Frau.

Der Shitstorm gibt Einblick in die Seele der Russen

Jemand anderes steuerte die rhetorische Frage bei: "Lebt es sich leicht als Verräter, der vom ganzen Land gehasst wird?" Ein dritter immerhin billigte Gorbatschow weitere Lebenszeit zu - so lange, bis "das Volk über ihn zu Gericht sitzen wird". Und ein vierter bewies sogar einen gewissen Humor: Gorbatschow werde nie sterben, denn die Teufel hätten Angst, "dass dann auch die Hölle zusammenbricht".

Der Rest ging unter die Gürtellinie. "Wie schade, dass er nicht wirklich gestorben ist!" "Man sollte ihn mit einer Dampfwalze überfahren!" "Judas Gorbi". "Stirb, du Hund, stirb so schnell wie möglich". "Seine Tage sind gezählt, sein Tod wird ein Volksfest werden" oder "Wir kommen zu seiner Beerdigung, um auf seinen Sarg zu spucken" - von diesem Kaliber waren die Kommentare.

Dass auch noch jemand schrieb: "Ich wünsche Ihnen noch viele lange Jahre, Michail Sergejewitsch. Toll, dass Sie diese ganze große hohle UdSSR zum Einsturz brachten!", ging in dem Shitstorm unter.

Nicht nur die Todesmeldung, auch die Einträge in den Foren wurden übrigens schnell gelöscht. Eine Kommentierung der fälschlichen Meldung sei nicht erwünscht, ja verboten, stand auf den Seiten. Aber für ein paar Stunden hatte sich ein Fensterchen aufgetan, durch das man in die Seele vieler Russen blicken konnte. Sie hassen Gorbatschow, weil sie ihn nie verstanden haben.

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insgesamt 214 Beiträge
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    Seite 1    
1. Man muss ihm dankbar sein
Klaus100 08.08.2013
Wir Deutsche verdanken ihm unglaublich viel. Hoffentlich werden auch die russischen Historiker ihm eines Tages Anerkennung zollen. Er ist eine der wichtigsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts.
2. Freiheit ..
tennison 08.08.2013
.. interessiert niemanden, wenn es an die eigene Bequemlichkeit geht. Dass der Zusammenbruch aufgrund jahrzehntelanger Planwirtschaft geschah, will halt keiner mehr wahrhaben. Da erinnert man sich leiber an vermeintliche Größe und nie verwirklichte Ideale. Denselben Mechanismus sehene wir ja auch im eigenen Land.
3. Mich wundert das nicht
@n8schicht 08.08.2013
Zitat von sysopIst Michail Gorbatschow bei Kräften, im Krankenhaus oder gar nicht mehr unter den Lebenden? Zum wiederholten Male wurde jetzt der Tod des sowjetischen Ex-Präsidenten verbreitet. Und wieder war es eine Falschmeldung. Sie reichte, um in Russland eine Welle des Hasses loszutreten. Todesmeldung von Gorbatschow löst Shitstorm in Russland aus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/todesmeldung-von-gorbatschow-loest-shitstorm-in-russland-aus-a-915614.html)
Gorbatschow mag der restlichen Welt einen Dienst erwiesen haben, aber der Zerfall eines Riesenreichs geht auf sein Konto. Nicht, daß jemand im Westen wirklich die UdSSR liebgewonnen hätte. Aber sie war eine Macht. Und viele Menschen wurden dort mit irrsinnig dummen und irrsinnig überflüssigen Jobs durchgefüttert. Aber immerhin - die Kohle floss regelmässig, die Russen hatten ihre stolze Sowjetmacht, und nicht Wenigen mag es damals wohl besser als heute ergangen sein. Gorbatschow hat der Welt den Frieden gesichert. Ein großer Mann. Aber es ist ihm nur gelungen, indem er sein eigenes Land in den Abgrund geführt hat. Er hat die Maskerade beendet und dem Westen gezeigt, was die Sowjetunion wirklich ist: ein armseliger Haufen Müll. Das werden ihm die Russen nie verzeihen!
4. Übergang
Liberalitärer 08.08.2013
Zitat von sysopIst Michail Gorbatschow bei Kräften, im Krankenhaus oder gar nicht mehr unter den Lebenden? Zum wiederholten Male wurde jetzt der Tod des sowjetischen Ex-Präsidenten verbreitet. Und wieder war es eine Falschmeldung. Sie reichte, um in Russland eine Welle des Hasses loszutreten. Todesmeldung von Gorbatschow löst Shitstorm in Russland aus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/todesmeldung-von-gorbatschow-loest-shitstorm-in-russland-aus-a-915614.html)
Man kann das schon irgendwie verstehen, aber den kalten Krieg verloren andere vor ihm. Er war sicherlich nur ein Mann des Übergangs so wie Jelzin auch und wahrscheinlich auch Putin. Was bleiben wird ist die Überwindung des furchtbaren Wettrüstens. Das soll kein Nachruf sein, sondern weiterhin eine segensreiche Arbeit und ein langes Leben.
5. Die Ehrlichen sind immer die
greece2012 08.08.2013
Da kömmem noch so viele Shitstorms laufen, die GUTEN Erinnerungen an ihn und seine Frau werden immer bleiben! Im eigenen Land werden Propheten nie geschätzt. Hoffentlich bekommt er mit, wie der Westen POSITIV über ihn denkt. Was der russische Staat unter dem Diktator Putin wert ist, bekommt der Westen regelmäßig mit. Nichts!
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