Todesschüsse auf Calipari Italiener empört über Freispruch für US-Soldaten

Die US-Soldaten, die im Irak den italienischen Geheimdienstbeamten Nicola Calipari erschossen, werden nicht belangt. In Italien ist man entsetzt über dieses Ergebnis der US-Kommission, die den Fall untersuchte. Die ehemalige Geisel Sgrena sprach von einer "Ohrfeige" für Premier Berlusconi.


Ex-Geisel Sgrena: Ohrfeige für Berlusconi
AP

Ex-Geisel Sgrena: Ohrfeige für Berlusconi

Rom - Aus Washington verlautete, dass für die tödlichen Schüsse auf Calipari wohl niemand bestraft werden wird. Calipari war bei der Befreiung der Journalistin Giuliana Sgrena, die im Irak als Geisel gehalten wurde, von den US-Soldaten beschossen worden. Calipari erlitt einen Kopfschuss und war sofort tot, Sgrena war an der Schulter verletzt worden.

Silvio Berlusconi erklärte heute Abend, die Untersuchung sei noch nicht abgeschlossen. Zu den Berichten über die Schlussfolgerungen der Amerikaner werde er daher vorerst nicht Stellung nehmen, sagte Berlusconi. Ein Treffen seines Kabinetts-Staatssekretärs Gianni Letta mit dem US-Botschafter in Rom, Mel Sembler, war zuvor ohne greifbare Ergebnisse zu Ende gegangen.

Entsprechend äußerte sich auch US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Der Untersuchungsbericht sei noch gar nicht fertig. "Sie (Amerikaner und Italiener) haben sich noch nicht auf einen gemeinsamen Bericht geeinigt", sagte Rumsfeld im Pentagon. Es sei noch nicht abzusehen, wann damit zu rechnen sei. Nach Angaben von Generalstabchef Richard Myers werden die offiziellen Schlussfolgerungen in Bagdad bekannt gegeben.

Der Oppositionspolitiker Giuseppe Fioroni warf den USA Arroganz vor, weil für den Tod Caliparis offenbar niemand zur Verantwortung gezogen werden soll. Der Bericht der US-Armee sei einseitig und "eine Beleidigung der Wahrheit sowie des Andenkens von Nicola Calipari". Die Parlamentarierin Laura Cima von den Grünen sagte, der Bericht sei "ein Schlag ins Gesicht der italienischen Regierung". Sie forderte wie auch andere Oppositionspolitiker Premier Berlusconi auf, von den USA eine vollständige Klärung des Vorfalls zu verlangen.

Aus Regierungskreisen in Washington war gestern Abend verlautet, die betroffenen Soldaten hätten gegen keinerlei Anweisungen verstoßen, als sie das Feuer auf das Fahrzeug mit Sgrena, Calipari und einem weiteren Geheimdienstbeamten eröffneten. Zu diesem Schluss sei ein Sonderausschuss der US-Armee gelangt. Der Bericht werde sich allerdings kritisch mit der Angemessenheit der einschlägigen Anweisungen auseinander setzen.

An der Untersuchung waren auch ein Diplomat und ein Offizier aus Italien beteiligt. Laut einem Bericht der Zeitung "Il Messagero" von gestern weigern sie sich bislang, den Untersuchungsbericht zu unterschreiben.

Bei dem Zwischenfall am 4. März hatten US-Soldaten das Feuer eröffnet, als sich das Auto der Italiener einer Straßenkontrolle näherte. Von Anfang an gab es unterschiedliche Angaben darüber, wie schnell der Wagen unterwegs war und ob die US-Soldaten vor den Schüssen Warnungen abgegeben haben. Das italienische Fernsehen berichtete am Dienstag, die US-Ermittler seien zu dem Schluss gekommen, dass das Fahrzeug mit einer Geschwindigkeit von 80 Stundenkilometern auf den Kontrollpunkt zufuhr. Die Ex-Geisel Sgrena und der Fahrer des Wagens hatten dies zurückgewiesen und erklärt, sie seien höchstens halb so schnell gefahren.

Anfang März hatte auch Italiens Außenminister Gianfranco Fini der Version der USA widersprochen, die Italiener hätten in ihrem Auto Gas gegeben und Warnschüsse ignoriert. Tatsächlich sei das Fahrzeug der Journalistin und ihrer Begleiter langsam gefahren. Zudem habe es keine Warnung vor dem Angriff gegeben.



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