Todesstrafe in Gambia: Präsident Gnadenlos

Von Horand Knaup, Nairobi

Er will eine Milliarde Jahre regieren und behauptet, durch Handauflegen Aids und Malaria therapieren zu können - Gambias Präsident Jammeh ist einer der übelsten Diktatoren Afrikas. Jetzt hat er einen neuen perfiden Plan: Steigt die Kriminalität, werden alle Todeshäftlinge auf einen Schlag hingerichtet.

Präsident Jammeh: Schreckensherrschaft über Gambia Fotos
REUTERS

Es kommt selten genug vor, aber manchmal helfen Interventionen, Appelle und Petitionen ja doch. Vorübergehend jedenfalls. Das angekündigte Massaker von Banjul - das ist die Hauptstadt des westafrikanischen Kleinstaates Gambia - ist erst einmal abgesagt. 38 Häftlinge in den Todeszellen der Stadt wollte Präsident Yahya Jammeh in diesen Tagen hinrichten lassen. Und jeder nahm ihm die Ankündigung ab, denn bereits am 28. August hatte er neun Delinquenten, darunter zwei Senegalesen, exekutieren lassen.

27 Jahre lang war in Gambia kein Todesurteil mehr vollstreckt worden - bis es sich seine Exzellenz Yahya Jammeh anders überlegte. Zum Ende des Ramadan, am 18. August, kündigte er während eines Besuchs von Islam-Gelehrten an, alle gefällten Todesurteile bis Mitte September auch vollstrecken zu lassen. 47 Delinquenten saßen zu diesem Zeitpunkt in Haft. Die Begründung des Präsidenten: "Meine Regierung kann nicht zulassen, dass 99 Prozent der Bevölkerung von Kriminellen als Geiseln gehalten werden."

Eine Schockwelle rollte durch das Land, das halb so groß ist wie Hessen und in dem 1,9 Millionen Einwohner leben. Auch international hagelte es Proteste. Die Afrikanische Union bat um Aussetzung, Senegal und Nigeria schickten Depeschen, die USA und Großbritannien meldeten sich, Amnesty International sowieso.

Menschenrechtler vergleichen ihn mit Gaddafi und Mugabe

Tatsächlich lenkte Jammeh scheinbar ein und verkündete ein Moratorium: Die Hinrichtungen sollen zunächst ausgesetzt werden. Doch vor wenigen Tagen ließ er überraschend wissen: "Alles hängt davon ab, ob die Rate der Gewaltkriminalität sinkt. Wenn sie fällt, wird das Moratorium auf unbestimmte Zeit verlängert. Wenn sie steigt, wird das Moratorium automatisch aufgehoben."

Jammeh, 47 Jahre alt und seit 1994 an der Macht, ist so unberechenbar wie gnadenlos.

Menschenrechtler sehen ihn in einer Liga mit Robert Mugabe, Muammar al-Gaddafi oder dem ehemaligen kongolesischen Staatschef Mobutu. Nur der Bedeutungslosigkeit seines Kleinstaates hat er zu verdanken, dass die Weltgemeinschaft ihm bisher nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt hat.

Das hat sich mit der Vollstreckung der neun Todesurteile und der Ankündigung weiterer Hinrichtungen gründlich geändert. Und die neue Zuwendung scheint Wirkung zu zeigen.

Immerhin rund 100.000 Touristen reisen jedes Jahr nach Gambia. Sie bekommen vom politischen Alltag nur wenig mit, aber sie sind der zweitwichtigste Devisenbringer für den Finanzminister.

Über die neun Hinrichtungsopfer ist wenig bekannt. Mörder seien die meisten gewesen, hieß es von Seiten der Regierung. Amnesty International ließ wissen, die meisten Todeskandidaten seien politische Gefangene, ihre Verfahren hätten allen Standards widersprochen. Sicher ist nur: Unter den neun Hingerichteten waren zwei senegalesische Staatsbürger, darunter eine Frau.

Auch Journalisten leben gefährlich in Gambia

Den prompten diplomatischen Streit mit dem Nachbarn Senegal nahm Jammeh ungerührt hin. Derweil hält sich in der Hauptstadt Banjul hartnäckig das Gerücht, die Liquidierten seien mit einer Giftinjektion umgebracht worden. Niemand bekam die Leichname zu sehen, auch die zwei senegalesischen Staatsbürger wurden nicht überführt.

Man hätte es ahnen können. Kurz nach seiner letzten Wiederwahl im vergangenen November hatte der Präsident angekündigt, er werde in Zukunft "noch gefährlicher und tödlicher" sein. Einer der ersten, der die neue Linie zu spüren bekam, war Jammehs früherer Informationsminister Amadou S. Janneh, ein Gambier mit US-Pass. Im Januar wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt, weil er einen Umsturz geplant haben soll und auf einer Anti-Regierungsdemonstration T-Shirts mit dem Aufdruck "Schluss mit der Diktatur" verteilt haben soll.

Auch Journalisten und Medienvertreter leben gefährlich in Gambia, insbesondere solche, die kritisch sind. Eine Reihe von Journalisten sind verschwunden, vermutlich wurden sie umgebracht.

Viele sind ins Ausland emigriert, auch BBC-Korrespondent Thomas Fessy wurde Anfang September nach seiner Einreise wieder aus dem Land komplimentiert, als er nach den Exekutionen über die Stimmung im Land berichten wollte.

Im Alter von 29 Jahren an die Macht geputscht

Jammeh, der seine Offiziersausbildung unter anderem in den USA absolvierte, hatte sich 1994 im Alter von 29 Jahren an die Macht geputscht. Im vergangenen November hatte er sich zuletzt im Amt bestätigen lassen. 72 Prozent der Stimmen soll er bekommen haben, aber selbst die westafrikanische Staatengemeinschaft Ecowas nannte den Urnengang alles andere als "frei, fair und transparent".

Von sich reden machte der Präsident vor allem mit Auftritten und Reden, die zwischen blanker Dummheit und schierem Größenwahn oszillieren. 2007 behauptete er, durch Handauflegen und mit Kräutern Aids, Malaria oder Diabetes therapieren zu können. Den 20.000 HIV-Positiven des Landes bot er eine kostenfreie Therapie an. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass sie alle antiviralen Medikamente absetzten.

Eine Uno-Vertreterin, die seine Heilmethoden öffentlich in Zweifel zog, ließ er aus dem Land werfen. Schwulen und Lesben drohte er, "die Köpfe abzuschlagen", sollten sie nicht umgehend das Land verlassen. Auch sonst bedrängen ihn regelmäßig Allmachtsphantasien. Vor gut zwei Jahren ließ er seine Landsleute wissen: "Ob ihr es wollt oder nicht: Kein Putsch und keine Wahlen können meine Regierungszeit beenden. Ich werde dieses Land mit Gottes Hilfe so lange führen, wie ich will." Und im vergangenen Januar kündigte er an, sein Land in den nächsten fünf Jahren in eine "wirtschaftliche Supermacht" zu verwandeln. Die Realität sieht anders aus.

Gambia gehört 47 Jahre nach der Unabhängigkeit von Großbritannien immer noch zu den ärmsten Ländern Afrikas. Mehr als die Hälfte der Menschen sind Analphabeten, viele Dörfer haben keinen Strom- und keinen Wasseranschluss und auch keine Gesundheitsstationen. Regelmäßig muss die internationale Gemeinschaft einspringen, wenn es zu Nahrungsmittelengpässen kommt. Der Despot offenbarte sein Credo während der Wahlen 2006 ganz offen: "Ich werde die Regionen, die für mich stimmen, entwickeln; aber wenn ihr nicht für mich stimmt, erwartet auch nichts von mir."

Luxus-Einkaufstour in den USA

Dass Jammeh ein Schlächter ist, hat er mehrfach hinreichend unter Beweis gestellt. 2005 ließ er 44 Ghanaer und neun andere Schwarzafrikaner, die auf dem Weg von Ghana nach Europa längs der Küste in Gambia gestrandet waren, erst foltern und dann kaltblütig exekutieren. Sein Pech: Einer der Ghanaer konnte entkommen, und auch einer seiner Soldaten packte später aus. Der Befehl sei vom Präsidenten selbst gekommen. Die Ghanaer seien Söldner gewesen und hätten ihn stürzen wollen, behauptete Jammeh später. Nach massivem diplomatischem Druck bezahlte er schließlich eine halbe Million Dollar Entschädigung an Ghana.

Für seine Sicherheit - und gleichzeitig für Schmutzarbeiten wie die Morde an den Ghanaern - sorgt eine schwarz gekleidete Truppe. "Black-Black-Boys" nennen sie sich, sie sind nur Jammeh unterstellt, verhaften Kritiker oder lassen sie auch ganz verschwinden, in der Regel arbeiten sie nachts und legen sich gegebenenfalls auch mit der regulären Armee an.

Wenn der Präsident schon nicht für sein Land sorgt, so doch zumindest für sich selbst. Als er kürzlich im Juli seinen 47. Geburtstag feierte, soll es eine teure Sause mit Musikern aus dem Senegal und Gästen vom ganzen Kontinent gegeben haben. Gattin Zeinab Suma Jammeh soll kurz zuvor zu einer Luxus-Einkaufstour in die USA aufgebrochen sein.

Die Gambier, die das Land noch nicht verlassen haben, werden ihren Despoten so schnell nicht loswerden. Kurz nach seiner Wiederwahl hatte er im vergangenen November zu Protokoll gegeben: "Ich werde meine Pflicht am gambischen Volk erfüllen. Wenn ich dieses Land für eine Milliarde Jahre regieren soll und Allah mir das aufträgt, werde ich es tun."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 42 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. optional
theflix 20.09.2012
"Die Afrikanische Union bat um Aussetzung, Senegal und Nigeria schickten Depeschen, die USA und Großbritannien meldeten sich, Amnesty International sowieso." Ah Amnesty International sowieso? Wer schreibt denn so einen Satz? Sicher kein richtiger Redakteur!
2. Ein echter Spassvogel,
fort-perfect 20.09.2012
Zitat von sysopEr will eine Milliarde Jahre regieren und behauptet, durch Handauflegen Aids und Malaria therapieren zu können - Gambias Präsident Jammeh ist einer der übelsten Diktatoren Afrikas. Jetzt hat er einen neuen, perfiden Plan: Steigt die Kriminalität, werden alle Todeshäftlinge auf einen Schlag hingerichtet. Todesstrafe in Gambia: Präsident Jammeh lenkt scheinbar ein - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,855777,00.html)
dieser Herr Jammeh, aber auch dieser Strolch kann sich nur an der Macht halten, wenn es genügend Leute gibt, die von und durch ihn profitieren können.... sprich, die auf Kosten des "Restvolkes" ein besseres Leben führen können. Mit Sicherheit wird dieser Mann auch aus dem Westen mit Geldern und Waffen unterstützt und wenn 100000 Touristen pro Jahr in Gambia aufschlagen, unterstützen auch diese den Herrn Jammeh durch ihre Devisen......
3. Lieber SPON,
kanikombolé 20.09.2012
und kürzlich habt ihr noch diesen ignoranten Artikel hier veröffentlicht: http://www.spiegel.de/reise/fernweh/zwergstaat-gambia-in-westafrika-sundowner-mit-maafe-a-798389.html Was ist denn Gambia jetzt eurer Meinung nach: Ein exotisch-naives Urlaubsparadies oder eine Diktatur, der man bei einem Touri-Aufenthalt Devisen in den Rachen schiebt?
4. Eine Frau
frank1980 20.09.2012
Eine Frau wurde hingerichtet. Ist das jetzt schlimmer als wenn ein Mann hingerichtet wird ? Warum wird das extra erwähnt. Frauen wollen doch gleichberechtigt sein. Oder gilt das nur bei positiven Dingen ?
5. Post
holyfetzer86 20.09.2012
Und dann wundert man sich noch über den erbärmlichen Zustand der islamischen Welt ... mit solchen Herrschern. Statt diesen Ländern Demokratie zu bringen, sollte der Westen soweit wie möglich versuchen sich von diesen Teilen der Welt zu isolieren. Solange man das tut, werden diese Leute sich nur gegenseitig zerfleischen, das wäre nicht unser Problem. Sobald man sich einmischt, wird man zum Angriffsziel.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Afrika
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 42 Kommentare
  • Zur Startseite