Tödliche Krawalle in Ägypten: Kriegsschauplatz Stadion

Von Christoph Sydow und Jürgen Engert, Kairo

Ägyptens Fußballstadien sind autonome Zonen, dort leben Fans ihren Hass auf Militärs und Polizei aus. Die straff organisierten Ultras vom Verein Al-Ahly Kairo waren eine treibende Kraft bei den Protesten am Tahrir-Platz. Viele von ihnen wurden jetzt in Port Said getötet. Eine Rache-Aktion?

AP

Hamburg/Kairo - Fußballfans in der ganzen Welt sind bestürzt über die Ausschreitungen in Port Said, die am Mittwochabend 71 Menschenleben forderten. Der FC Liverpool und Bayern München kondolierten den Hinterbliebenen.

Dabei ist auch in Ägypten Gewalt beim Fußball kein neues Phänomen. Schon zu Mubaraks Zeiten gingen am Rande von Spielen rivalisierende Fans aufeinander los oder lieferten sich Scharmützel mit der Polizei. Unter dem repressiven Regime wurde das Stadion für viele junge Ägypter zu einem Freiraum, in dem sie sich unbeeindruckt von gesellschaftlichen Konventionen und politischen Zwängen ausleben konnten. Für einige der Fans gehörte auch bald Gewalt dazu.

Vor etwa fünf Jahren begannen die jungen Fußballfans vieler Vereine in Ägypten, sich zu sogenannten "Ultra"-Gruppen zusammenzuschließen. Nach dem Vorbild von Bewegungen in Italien oder auf dem Balkan verstehen sich auch die ägyptischen Ultras als "extreme Fußballfans". Sie unterstützen ihren Club bei Heim- und Auswärtsspielen - inklusive bengalischem Feuer und einstudierten Dauergesängen. Und wenn nötig, verteidigen sie die Farben ihres Vereins auch mit ihren Fäusten. Den 2007 gegründeten "Ultras Ahlawy" von Al-Ahly Kairo, dem beliebtesten und erfolgreichsten Verein des Landes, haben sich mittlerweile Zehntausende Fans angeschlossen.

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Krawalle in Ägypten: Krieg der Fans gegen die Polizei

Das größte Feindbild der Ultras: die ägyptische Polizei. Unter Mubarak gängelten die Sicherheitskräfte junge Ägypter allenthalben. Politische Kundgebungen wurden schnell unterbunden, bei Verkehrskontrollen hielten Beamte regelmäßig die Hand auf. Nur im Stadion waren die Rollen vertauscht, die Polizisten den Tausenden Fußballfans zahlenmäßig unterlegen. Im Schutz der Masse konnten Stadionbesucher die Sicherheitskräfte ungestraft verhöhnen, beschimpfen und sich bei Gelegenheit mit ihnen prügeln. So wurden die Ultras im Gegenzug zum größten Feind der Polizei.

Ägyptens Polizei ist bei den Fußballfans verhasst

Obwohl nach eigener Definition eigentlich unpolitisch, spielten die Ultras der beiden großen Kairoer Vereine Al-Ahly und Zamalek während des Aufstands gegen Mubarak eine entscheidende Rolle. Die straff organisierten und in Kämpfen mit der Polizei gestählten Fans verteidigten den Tahrir-Platz vor einem Jahr mehrfach erfolgreich gegen die Staatsmacht und vom Regime bezahlte Schlägertrupps. Besonders während der sogenannten Kamelschlacht, als berittene Mubarak-Anhänger den Platz der Revolutionäre stürmen wollten, taten sich die Ultras als Beschützer der Opposition hervor. Ausgerechnet am Donnerstag jähren sich die blutigen Straßenkämpfe zum ersten Mal.

Das Regime ging, die Polizei als Feind blieb. Auch während der Straßenschlachten im November waren es die Ultras, die der Polizei den heftigsten Widerstand lieferten. Mehrere Mitglieder der Fangruppen wurden getötet, viele weitere, die in vorderster Reihe kämpften, wurden verletzt.

Was die Ultras von der Staatsmacht halten, machten sie vor 14 Tagen deutlich, als vor Al-Ahlis Spiel gegen den Polizei-Club Tausende Ahly-Ultras mit Papptafeln das Kürzel "A.C.A.B." formten: "All Cops Are Bastards."

Für viele Ägypter, nicht nur Fußballfans, ist der Fall deshalb klar: Im Fußballstadion von Port Said hat die Polizei Rache genommen. Rache an ihren ärgsten Feinden, den "Ultras Ahlawy". Rache für monatelange Demütigungen. Die Polizei ist bei den meisten Ägyptern verhasst, weil sie erst Mubarak und sein Unrechtsregime schützte und dann plötzlich von der Straße verschwand.

Die Sicherheitslage ist prekär, viele Ägypter trauen sich nachts kaum noch auf die Straße, weil die Polizei kaum Präsenz zeigt und in einigen Kairoer Stadtteilen mittlerweile Jugendgangs und Bürgerwehren die Macht in ihre eigenen Hände genommen haben. Allein in dieser Woche überfielen Räuber mehrere Wechselstuben, Banken und Geldtransporte. Im Badeort Scharm al-Scheich erschossen die Gangster dabei einen französischen Touristen.

Der Militärrat profitiert vom Chaos

Die Krawalle im Stadion, die Ahly-Fans als "Massaker" bezeichnen, reihen sich ein in diese Kette von Vorfällen, bei denen die ägyptische Polizei ihrer Aufgabe offensichtlich nicht gewachsen war. Die Rivalität der beiden Vereine Al-Ahly Kairo und Al-Masry Port Said ist seit Jahren bekannt. Im Internet kursierten in den Tagen vor dem Spiel Drohungen gegen die Gästefans. Trotzdem unternahmen die Sicherheitskräfte augenscheinlich nichts, um die Gewalt zu unterbinden.

Einer, der das "Massaker von Port Said" überlebt hat, ist Khaled Nour. "Die vergangene Nacht war die schlimmste Nacht, die ich je erlebt habe", sagt der 25-Jährige, der mit dem Nachtzug die Küstenstadt verlassen hat.

Er stand inmitten der al-Ahly-Anhänger, als das Morden losging. "Die Meute rannte nach dem Schlusspfiff auf das Spielfeld, dann zu uns. Sie warfen Steine, schlugen mit Latten und Knüppeln auf jeden, der sich bewegte, stachen mit Messern um sich. Wir alle gerieten in Panik, schrien und versuchten wegzurennen. Für viele gab es aber kein Entkommen", sagte Nour SPIEGEL ONLINE.

Seine Aussagen decken sich mit denen anderer Augenzeugen, die sich im Laufe des Tages zu Wort gemeldet haben. Das Staatsfernsehen zeigt die tödlichen Minuten - und die Sicherheitskräfte, die nicht einschritten und dem Mob den Weg frei machten.

Die Ultras haben noch einen schlimmeren Verdacht: Polizei und Militär, so ihr Vorwurf, haben den Angriffen nach Abpfiff nicht nur tatenlos zugesehen, sondern diese sogar provoziert. Sie behaupten, dass gekaufte Schlägertrupps gezielt Jagd auf die Fußballfans aus Kairo machten - mit Billigung der Sicherheitskräfte.

Von "Baltagija", Schlägertrupps, spricht auch Khaled Nour. Sie tauchten schon zu Zeiten Mubaraks überall dort auf, wo die Bevölkerung zusammengeschlagen und eingeschüchtert werden sollte. "Dieses Mal aber", sagt Nour, "haben sie sich mit den Falschen angelegt. "Das Blut unserer Märtyrer wird gesühnt."

Mit Mahmud Ghandur wurde am Mittwochabend unter anderem der Gründer und Anführer der "Ultras Ahlawy" getötet. Ein Fan des Vereins Al-Masry, der Augenzeuge der Krawalle war, erklärte im TV-Sender al-Arabija, dass er viele der zum Teil mit Messern bewaffneten Angreifer zuvor noch nie im Stadion gesehen habe.

Dem herrschenden Militärrat SCAF spielt die instabile Sicherheitslage jedenfalls in die Hände. Er legitimiert seine Macht mit der Begründung, dass nur die Armee für Sicherheit und Ordnung sorgen und deshalb die Geschicke des Landes fürs Erste nicht an eine zivile Regierung abgeben könne. Eine Lesart, die von einer wachsenden Zahl von Ägyptern geteilt wird, die nur einen Wunsch haben: Rückkehr zur Normalität.

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