Tödliche Schüsse US-Militärs belasten Blackwater-Söldner

Mindestens elf Iraker starben, als Blackwater-Mitarbeiter am 16. September in Bagdad das Feuer eröffneten - aus Notwehr, wie die US-Sicherheitsfirma betont. US-Militärs und irakische Augenzeugen sagen etwas ganz anderes: Die Söldner hätten exzessiv und völlig grundlos auf Zivilisten geschossen.


Washington - Erik Prince blieb trotz vierstündigem Kreuzverhör hart. "Bei allem, was wir im Moment wissen, hat das Blackwater-Team angemessen gehandelt, als es am 16. September in einer sehr komplexen Kriegszone operierte", gab der Blackwater-Gründer und -Chef bei der Anhörung Anfang der Woche im Kontrollausschuss des US-Repräsentantenhauses zu Protokoll.

Blackwater-Mitarbeiter im Einsatz im Irak (Archivbild): "Exzessive Gewalt"
AP

Blackwater-Mitarbeiter im Einsatz im Irak (Archivbild): "Exzessive Gewalt"

Die sehr komplexe Kriegszone befand sich an jenem 16. September zur Mittagszeit auf dem Nisoor Platz im Westen Bagdads. 20 Männer des privaten US-Sicherheitsunternehmens hatten im Konvoi gerade einen US-Regierungsverteter an sein Ziel in der irakischen Hauptstadt begeleitet. Dann explodierte in der Nähe eine Autobombe. Nach der Detonation sei der Blackwater-Konvoi unter Beschuss geraten, so stellte es Prince dar. Fünf der Bodyguards hätten zurückgeschossen. Es gab Tote - "tragisch", findet der Chef der Söldnertruppe das.

Mindestens elf Iraker starben, eine Untersuchungskommission der irakischen Regierung beziffert die Zahl der Opfer inzwischen auf 13, im irakischen Innenministerium ist sogar von 17 Toten die Rede. Und stets betonen offizielle Stellen in Bagdad, dass es sich dabei um unschuldige Zivilisten handelt.

Schüsse auf unbewaffnete Zivilisten

Diese Ansicht wird nun durch Berichte von US-Militärs gestützt, über die die "Washington Post" heute berichtet. Sie werfen den Blackwater-Mitarbeitern "exzessive Gewalt" gegen Zivilisten vor. Demnach hätten die Sicherheitskräfte, die in die Schießerei auf dem Nisoor Platz verwickelt waren, das Feuer grundlos und ohne provoziert worden zu sein auf umstehende, unbewaffnete Menschen eröffnet, schreibt die Zeitung unter Berufung auf einen hochrangigen Vertreter der US-Streitkräfte.

Die Blackwater-Garde habe "offenkundig überzogen" und "offenkundig falsch" reagiert, zitiert die "Washington Post" den Militär, der wegen der anhaltenden Untersuchungen in dem Fall anonym bleiben wollte. "Die Zivilisten, auf die geschossen wurde, hatten keine Waffen, um zurückzufeuern. Und auch keiner der anwesenden irakischen Polizisten und lokalen Sicherheitskräfte feuerte zurück." Die Söldner indes hätten nicht nur mit Maschinengewehren, sondern auch mit Granatwerfern gefeuert, ergänzte er.

US-Soldaten haben der Zeitung zufolge in den vergangenen Tagen und Wochen die Aussagen von Augenzeugen geprüft und Videomaterial vom Tatort ausgewertet. Zudem waren Mitglieder einer US-Einheit, die irakische Polizisten begleitete, zum Zeitpunkt der Schießerei selbst in der Gegend. US-Soldaten halfen auch dabei, Verletzte in Krankenhäuser zu bringen.

"Sie schossen sich den Weg frei"

Die "Washington Post" zitiert außerdem Augenzeugen, die von weiteren tödlichen Blackwater-Schüssen an jenem Tag berichten - nur Minuten nach dem eigentlichen Zwischenfall am Nisoor Platz. Dabei sollen ein Mann getötet und zwei verletzt worden sein. Demnach hätten sich dieselben Sicherheitskräfte nur 150 Meter vom ersten Tatort entfernt aus ihren Fahrzeugen heraus an einer Kreuzung den Weg freigeschossen, an der sich mehrere Wagen stauten, weil sie den Nisoor Platz wegen der Schüsse umfahren wollten.

"Sie rasten mit Höchstgeschwindigkeit heran", zitiert das Blatt den irakischen Polizisten Uday Khalid. "Sie wollten nur weg. Sie schossen sich den Weg frei. Sie brüllten und schrien." Ein irakischer Autofahrer habe eine Vollbremsung gemacht und wenden wollen. Doch Blackwater-Söldner hätten "sofort das Feuer auf ihn eröffnet", berichtete ein anderer irakischer Polizist.

Ein weiterer Beamter sagte aus, die Blackwater-Angestellten hätten die Bergung von Opfern verhindert. Immer, wenn sich ein Helfer einem Verletzten genähert habe, hätten die Männer Warnschüsse abgegeben. "Wir haben versucht, den angeschossenen Menschen zu helfen, aber sie ließen uns nicht", wird der Polizist Mahdi Daoud zitiert.

Aggressiv und bedrohlich

Der zitierte US-Militärvertreter sieht in der jüngsten Schießerei keinen Einzelfall. In seinen Augen tendierten die Blackwater-Mitarbeiter, die schwer bewaffnet in ihren gepanzerten Fahrzeugen kaum von normalen US-Soldaten zu unterscheiden sind, häufig zu Überreaktionen. "Sie fahren sehr aggressiv in der Stadt herum, sie richten ihren Waffen auf Menschen, sie bremsen andere aus" - all das "ziemlich regelmäßig". Auch neigten die privaten Kräfte dazu, schneller zu schießen als Soldaten.

Das 1997 gegründete Unternehmen Blackwater hat derzeit etwa 1000 Mitarbeiter im Irak-Einsatz. Es ist eines von drei privaten Sicherheitsunternehmen, das im Auftrag des US-Außenministeriums am Golf US-Diplomaten beschützt. Seit 2001 soll die Firma von der US-Regierung schon mehr als eine Milliarde Dollar für ihre Dienste erhalten haben.

Blackwater-Mitarbeiter waren immer wieder wegen ihres angeblich rücksichtslosen und aggressiven Verhaltens in die Kritik geraten. Einem in dieser Woche vorgelegten Kongressbericht zufolge waren Blackwater-Söldner seit 2005 in 195 Feuergefechte verwickelt. Nach dem jüngsten Zwischenfall hatte die irakische Regierung dem Unternehmen vorübergehend die Lizenz entzogen.

Schärfere Gesetze für Sicherheitsunternehmen

Das US-Repräsentantenhaus brachte heute verschärfte Gesetze für in ausländischen Kriegsgebieten tätige private Sicherheitsdienste auf den Weg. Mit großer Mehrheit verabschiedete das Parlament eine Regelung, nach der den Mitarbeitern dieser Unternehmen künftig in den USA leichter der Prozess gemacht werden kann.

Damit unterliegen Privatunternehmen, die im Auftrag der US-Streitkräfte operieren, künftig der amerikanischen Gerichtsbarkeit. Bisher war der Rechtsstatus von Angestellten solcher Firmen ungeklärt. Unternehmen, die einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium abschließen, konnten zwar auch in der Vergangenheit unter US-Recht für Verstöße haftbar gemacht werden.

Für Firmen, die wie Blackwater für das Außenministerium oder den Entwicklungsdienst USAID arbeiteten, galt das jedoch nicht. Beschäftigte der US-Regierung genießen überdies Immunität gegenüber der irakischen Gerichtsbarkeit.

phw



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