Tödlicher Zwischenfall in Talokan Taliban sollen Angriff auf Bundeswehr provoziert haben

Erst ein Trauermarsch, dann Schüsse und ein Sturm auf das deutsche Camp: Im nordafghanischen Talokan hat eine aufgebrachte Menge ein Bundeswehr-Lager attackiert, die Soldaten wehrten sich mit Schüssen. Der Gouverneur entlastet die Deutschen - der Angriff sei von Taliban ausgelöst worden.

Von und Shoib Najafizada


Berlin/Kabul - Die Zahl der Opfer ist inzwischen noch einmal korrigiert worden: Bei der dramatischen Eskalation eines Trauermarschs in Talokan im Norden Afghanistans sind nach Angaben der Behörden elf Menschen getötet worden. Es habe außerdem etwa achtzig Verletzte gegeben.

Augenzeugen hatten zunächst berichtet, dass sowohl afghanische Polizisten als auch Bundeswehrsoldaten auf wütende und teils gewalttätige Demonstranten geschossen hätten, die versuchten, das Lager der Deutschen zu erstürmen. Von der Bundeswehr hieß es in einer ersten Reaktion, aus dem Demonstrationszug seien Molotow-Cocktails und Handgranaten über die Mauern des Lagers geworfen worden. Dabei seien zwei Soldaten und vier weitere Personen verletzt worden.

Die Bundeswehr versucht derzeit vor Ort mit Hochdruck, die Details des Angriffs und Hintergründe zur Reaktion aus dem Camp und zu den Opfern zu klären. Führende Offiziere in Afghanistan sprachen von einem "dramatischen Vorgang" und einer "neuen Qualität der Gewalt".

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Afghanistan: Tödlicher Zwischenfall in Talokan
Taliban im Trauerzug

Mehr Details wusste jetzt der Gouverneur von Talokan zu berichten. Der Trauerzug für vier von US-Einheiten getöteten Afghanen sei offenbar von Taliban unterwandert worden. Sie hätten sich der zunächst friedliche Demonstration angeschlossen und dann die tödliche Eskalation provoziert, sagte Abdul Jabar Taqwa SPIEGEL ONLINE. "Wir haben außerdem Berichte, dass sich Taliban auf Motorrädern dem Protestzug genähert haben und in die Menge gefeuert haben sollen", sagte Taqwa, "so wollten sie die Menge zu einem Angriff auf das Camp anstacheln".

Zudem hätten die Aufständischen einige ihrer Kämpfer mit Waffen und Handgranaten unter die Trauernden eingeschleust, die später das Camp attackierten. Anschließend sei es zu der Schießerei vor dem Lager gekommen.

Nach der Darstellung des Politikers hätten einige Menschen aus dem Demonstrationszug versucht, das Camp zu stürmen und die hohen Mauern um das Lager zu erklimmen. Mehrere Handgranaten und Brandbomben, die aus der Menge in Richtung Camp geschleudert wurden, seien nicht über die Mauer geflogen und zurück in die Menge gefallen und explodiert.

Hafiz Safi, ein Arzt in Talokan, erklärte, dass viele der Verletzten schwere Brandverletzungen und Wunden von Splittern der Handgranaten hätten. Er bestätigte weiterhin, dass elf Leichen im Hospital eingetroffen seien. Nach einer ersten Obduktion seien diese durch Kugeln ums Leben gekommen, sagte der Arzt.

Bei der Attacken auf das deutsche Camp hätten die deutschen Soldaten in die Luft gefeuert, so die Darstellung des Gouverneurs. "Die Deutschen haben nicht direkt auf Demonstranten gezielt", sagte Taqwa, "trotzdem könnten die Kugeln Menschen getötet und verletzt haben."

Der Politiker erhob keinerlei Vorwürfe gegen die Deutschen. "Wir und die Deutschen haben das Camp verteidigt", sagte Taqwa, "sonst wäre der Mob in das Lager eingedrungen und es hätte schlimme Kämpfe gegeben." Angesichts der Intensität der Attacke erscheine die Reaktion im Lager der Lage durchaus angemessen, hieß es auch bei der Bundeswehr.

Die Vorfall zeigt erneut, wie brisant die Lage in Afghanistan und wie groß der Hass der Bevölkerung gegen die Kommandoaktionen der Isaf noch immer ist. Solche Operationen, vor allem der Spezialeinheiten der US-Armee, sorgen immer wieder für gewalttätige Demonstrationen.

Reaktion auf US-Kommandoaktion

Nach Isaf-Angaben hatte in der Nacht eine gemischte Einheit aus afghanischen und internationalen Soldaten in Tachar vier Aufständische getötet, darunter zwei bewaffnete Frauen. Die Kommandoaktion richtete sich demnach gegen die Terror-Gruppe Islamische Bewegung Usbekistans, die als einer der gefährlichsten in der Region gilt und Kontakte zu al-Qaida unterhalten soll.

Bei der Operation sollte ein wichtiges Mitglied der Gruppe festgesetzt werden, deswegen umstellten die Soldaten ein Gehöft. Kurz darauf, so die Isaf-Darstellung, habe eine Frau die Soldaten mit einer AK-47-Sturmgewehr angegriffen, später seien weitere Bewaffnete aus dem Gebäude gelaufen und erschossen worden. Ob das gesuchte Mitglied der Terrorgruppe unter den Toten war, bleibt in der Mitteilung der Isaf offen. Allerdings sei alles getan worden, um Zivilisten bei der Operation zu schützen.

Karzai verlangt Stellungnahme von US-General Petraeus

Die afghanische Regierung meldete umgehend Zweifel an der Darstellung der Isaf an. Staatschef Hamid Karzai verurteilte die Operation auf Schärfste. Bei der Nato-Operation seien "vier Familienmitglieder" getötet worden, hieß es am Mittwoch in einer Erklärung Karsais aus dem Präsidentenpalast.

Vom Oberbefehlshaber der Nato-Truppen, US-General David Petraeus, verlangte Karzai eine rasche Stellungnahme. Karzai telefonierte mit dem Gouverneur der Region und setzte eine Untersuchungskommission ein. Gleichwohl verurteilte er, dass der legitime Protest gegen die Operation außer Kontrolle geraten sei.

Erst vor einigen Wochen hatte ein wütender Mob die Uno-Zentrale in Masar-i-Scharif gestürmt und mehrere Uno-Mitarbeiter getötet. Damals hatten die Wachleute der Uno weder Warnschüsse abgegeben noch versucht, die aufgebrachte Menge mit Waffengewalt vom Eindringen in das gesicherte Gelände abzuhalten.

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Jonny Deep 18.05.2011
1. Toller Einsatz
Das ist also die Demokratie, die Deutschland nach Afghanistan bringt: Die Leute gehen Demonstrieren und werden dafür getötet. Aber natürlich waren das alles Taliban. Vermutlich sind sämtliche in Afghanistan getötenen Zivilisten dies eben nicht, sondern allesamt Islamisten. Da eine Freie Presse nicht vorhanden ist, muss auf Material der Armee vertraut werden. Tolle Sache.....
unclevanya 18.05.2011
2. Wer kann dieses Kriegs-Rechtfertigungs-Quabbelbabbel noch ertragen?
Zitat von sysopErst ein Trauermarsch, dann Schüsse und ein Sturm auf das deutsche Camp: Im nordafghanischen Talokan hat eine aufgebrachte Menge ein Bundeswehr-Lager*attackiert, die Soldaten wehrten sich mit Schüssen. Der Gouverneur entlastet die Deutschen - der Angriff sei von Taliban*ausgelöst*worden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,763425,00.html
Großvater in Rußland, Enkel in Afghanistan... dabei immer derselbe Kolonial-& Herrenrassen-"Geist"! - Natürlich waren die anderen, die Afghanen schuld ! Das sind ja diese verabscheuenswürdige "Rebellen" ! - Was machen die überhaupt in "unserer" EU/US-Kolonie ? - Da kann man dann hurtig in Zivilistenmengen ballern, die man in Libyen angeblich schützt. - Und wie schnell die Nachricht aus den Headlines verschwand! - Achja, die Toten + an die 100 Verletzte waren ja nur Afghanen. - Da hätte mal ein Deutscher getötet worden sein, die Medien hätten noch wochenlang geheult ob des 1000x wertvolleren Menschenlebens. - Was für ein unglaublicher Chauvinismus ! - Erinnert da düsterste deutsche Geschichte, die überwunden schien...
ddkddk 18.05.2011
3. Deutsche Soldaten schießen auf Demonstranten
Hoffen wir, dass offenkundig tatsächlich Notwehr vorlag und wir uns nicht bei Staaten wie Syrien und Libyen einreihen lassen müssen. Aber dieses Ereignis gibt Anlass wieder einmal zu fragen, warum deutsche Soldaten eigentlich in Afghanistan sind. Der Anfang ist so lange her, dass ich es selbst nicht mehr so genau weiß. Sollte da nicht ein gewisser Bin Laden gefangen werden? Wäre es nicht angebracht, einmal gründlich zu analysieren, welche Gründe wir damals für den Einsatz hatten, ob sie heute noch vorliegen und ob sie die Anwesenheit des deutschen Militärs nach wie vor rechtfertigen. Oder gibt es andere Gründe, ggf. welche, die so gewichtig sind, dass wir solche Zwischenfälle in Kauf nehmen und auf Zivilbevölkerung schießen und Bomben werfen lassen.
Kniefall 18.05.2011
4. Böse deutsche Soldaten
Genau, diese bösen Kolonialsoldaten haben einfach so grundlos auf friedliebende Zivilisten gefeuert, anstatt ihnen mal ganz einfach so eben Demokratie zu bringen. Du meine Güte. Wenn es nach einigen Foristen hier geht, dürften sich unsere Soldaten nicht einmal wehren, wenn der Taliban ihnen im Schlaf das Messer an den Hals hält. Wie können sie es wagen ihr Lager gegen Eindringlinge mit Handgranaten zu verteidigen? Wenn ich mir hier so einige Proteste anschaue, vom Schanzenviertel über Heiligendamm bis nach Stuttgart, dann frage ich mich, wann hier die Brandsätze fliegen. Und wenn die Polizei dann diese ach so friedlichen Demonstranten verhaftet, die damit ja nur ihre Meinung kundtun wollten, dann ist aber die Hölle los im SpOn-Forum.
MaxPayne 18.05.2011
5. (-)
Zitat von Jonny DeepDas ist also die Demokratie, die Deutschland nach Afghanistan bringt: Die Leute gehen Demonstrieren und werden dafür getötet. Aber natürlich waren das alles Taliban. Vermutlich sind sämtliche in Afghanistan getötenen Zivilisten dies eben nicht, sondern allesamt Islamisten. Da eine Freie Presse nicht vorhanden ist, muss auf Material der Armee vertraut werden. Tolle Sache.....
..und da man den Streitkräften einer Demokratie ja bekanntlich nicht trauen kann, arbeiten wir einfach mal mit Unterstellungen.. Sie wissen wohl am besten, dass "die Leute" für ihr "Demonstrieren" getötet wurden und von wem -woher eigentlich? waren Sie vor Ort?
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