Tötung von Bin Laden US-Operation blamiert Pakistans Regierung

Der Tod Osama Bin Ladens bringt Pakistans Regierung in Erklärungsnot. Die Sicherheitsbehörden wussten nach eigenen Angaben bis kurz vor dem Zugriff nicht, dass der meistgesuchte Mann der Welt sich in ihrem Land aufhält - ausgerechnet inmitten einer stark gesicherten Garnisonsstadt.

Aus Abbottabad berichtet

REUTERS/ The White House

Es ist eine missliche Situation für Pakistan, für die Regierung, vor allem aber für die allmächtige pakistanische Armee und für den Militärgeheimdienst ISI: Osama Bin Laden, Top-Terrorist, Chef des Terrornetzwerks al-Qaida und meistgesuchter Mensch der Welt, wurde in Pakistan aufgespürt und getötet.

Nicht irgendwo in den Bergen von Waziristan an der Grenze zu Afghanistan, wo Paschtunenstämme regieren und der pakistanische Staat nichts zu sagen hat, nicht in den Wäldern von Chitral, in den Bergen des Hindukusch im Nordwesten des Landes, auch nicht in der Millionenmetropole Karatschi, wo Menschen jahrelang unerkannt untertauchen können.

Er wurde getötet in Abbottabad, einer der am stärksten militarisierten Städte des Landes, umgeben von grünen Bergen mit Aussichtsposten der Armee, Abhörantennen, Flugabwehrstellungen und, mittendrin, mehreren Kasernen. Die Militärakademie Kalkul ist etwa 500 Meter Luftlinie von dem weißverputzen Haus mit der etwa vier Meter hohen grauen Mauer entfernt, in dem sich Bin Laden versteckt hatte. Das Quartier des Geheimdienstes ISI liegt ebenfalls ganz in der Nähe.

Als in der Nacht US-Spezialkräfte, dem Vernehmen nach Navy Seals, zugriffen in einer "Kill Mission", also mit dem klaren Auftrag, Bin Laden zu töten und nicht unbedingt lebend zu verhaften, waren pakistanische Kräfte nicht dabei. Sie waren nach pakistanischen Angaben erst kurz vorher über die Aktion von den Amerikanern informiert worden, hatten daraufhin den Zugriffsort im Stadtteil Bilal Town abgesperrt - und darauf gewartet, bis die US-Militärs den Job erledigt hatten.

Pakistan Präsident Asif Ali Zardari räumte in einem Beitrag für die "Washington Post" am Dienstag ein, dass Pakistan Bin Ladens Aufenthaltsort nicht gekannt habe. Auch seien pakistanische Streitkräfte nicht an der Kommandoaktion beteiligt gewesen.

Gehandelt haben die Amerikaner, die Pakistaner gestaunt

Damit die Tatenlosigkeit und Unwissenheit nicht so peinlich wirkte, hatten Armee und Geheimdienst am Montagmorgen noch die Information verbreitet, der Zugriff sei "in einer geheimen Aktion gemeinsam von pakistanischen und amerikanischen Kräften" erfolgt - eine These, die am Abend der pakistanische Botschafter in Großbritannien bekräftigte. Tatsache ist: Gehandelt haben die USA, die Pakistaner haben gestaunt, im Auftrag der USA abgesichert und ansonsten zugesehen.

Abbottabad ist von Bergen umgeben. Die US-Spezialkräfte ohne Zustimmung der Pakistaner einzufliegen, wäre nicht möglich gewesen. Allein deshalb musste Washington Islamabad von der bevorstehenden Aktion in Kenntnis setzen. Allem Anschein nach geschah das erst kurz vor dem Zugriff.

Die Aktion ist ein Erfolg für die Regierung von US-Präsident Barack Obama, der immer wieder betont hatte, die USA würden Bin Laden jagen und nicht davor zurückschrecken, ihn zu töten. Und sie ist eine Blamage für Pakistan: Wie konnte sich Bin Laden inmitten der Garnisonsstadt verstecken, fragen nicht nur amerikanische Kongressabgeordnete immer drängender. Auch Obamas Top-Anti-Terrorberater John Brennan erklärte am Abend, es sei "undenkbar", dass Bin Laden keine pakistanische Unterstützung hatte. Die US-Regierung fordere von den Pakistanern, dass sie die Hintermänner verfolgen. Die "Gulfnews" berichtet gar, das Versteck Bin Ladens sei einst vom Geheimdienst ISI als "sicheres Haus" für verdeckte Operationen genutzt worden. Beweise dafür gibt es allerdings nicht.

Die Regierung in Islamabad, die bei jeder Gelegenheit beschwor, Bin Laden und andere ranghohe Terroristen wie sein Vize Aiman al-Sawahiri oder Taliban-Chef Mullah Omar hielten sich nicht auf pakistanischem Boden auf, gerät nun in immense Erklärungsnot: Entweder war sie ahnungslos oder sie hat die Öffentlichkeit getäuscht. Wie auch immer, beides ist peinlich für Islamabad.

Es werde eine vollständige Untersuchung zu der Frage geben, warum dem Geheimdienst der Aufenthalt von Bin Laden in Pakistan entgangen sei, sagte der pakistanische Botschafter in den USA, Husain Haqqani, dem Nachrichtensender CNN am Montag (Ortszeit). "Offensichtlich hatte Bin Laden ein Unterstützungssystem", erklärte der Diplomat - und fügte hinzu: "Wir wissen alle, dass es Menschen in Pakistan gibt, die dasselbe Glaubenssystem teilen, und Extremisten. Es ist also eine Tatsache, dass es Menschen gibt, die ihn wahrscheinlich geschützt haben."

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Tödliche US-Operation: Jagd auf Bin Laden
"Normalerweise wissen wir über jede Person Bescheid, die im Umkreis von einem Kilometer von den Kasernen in Abbottabad lebt", gibt denn auch ein zerknirschter ranghoher ISI-Offizier zu. "In diesem Fall wussten wir es leider nicht." Man habe aber "eine Menge Informationen an Washington weitergegeben", die diese Puzzlestücke dann "zu einem großen Bild" zusammengesetzt hätten.

Tatsächlich wussten die Amerikaner von einem Boten Bin Ladens von dessen Aufenthaltsort, wie ein ranghoher US-Militär bestätigte. "Seit August 2010 hatten wir eine relativ genaue Vorstellung von dem Ort, an dem Bin Laden sich aufhält. Wir mussten nur den richtigen Zeitpunkt abpassen, ihn auch wirklich zu erwischen. Eine Panne wäre extrem peinlich gewesen", sagte er.

"Die wissen doch sonst alles!"

Ein Armeegeneral in Islamabad betonte, man sei "sehr wohl informiert gewesen" und habe "wesentlich zu den Erkenntnissen der Amerikaner beigetragen". Auch das pakistanische Außenministerium erklärte in einer umständlich formulierten Presseerklärung, der Tod Bin Ladens illustriere "die Entschiedenheit der internationalen Gemeinschaft einschließlich Pakistans, Terrorismus zu bekämpfen und zu eliminieren". Gleichwohl räumte das Ministerium ein, Präsident Obama habe seinen pakistanischen Amtskollegen, Präsident Zardari, erst am Montagmorgen angerufen, um ihn über die erfolgreiche US-Operation zu informieren, "die das Töten von Osama bin Laden zum Ergebnis hatte".

"Irgendetwas stimmt an dieser ganzen Geschichte nicht", sagte ein unmittelbarer Nachbar Bin Ladens in Abbottabad. "Wie kann es sein, dass er hier für wie lange auch immer lebte, und niemand von der Armee wusste davon? Die wissen doch sonst alles!"

Vergangene Woche sei Armeechef General Ashfaq Parvez Kayani in Abbottabad gewesen, zur Verabschiedung eines Kadettenjahrgangs in der Militärakademie. "In den Tagen zuvor waren Hunderte von Soldaten in der Stadt unterwegs, haben die Einwohner kontrolliert und teilweise schikaniert. Wie kann es sein, dass sie selbst da nicht wussten, wer in dem weißen Haus ein paar hundert Meter von der Akademie entfernt lebt?", sagte ein weiterer Nachbar Bin Ladens.

Dem Vernehmen nach hatte Bin Laden sein Äußeres stark verändert, manchen Aussagen aus pakistanischen Armeekreisen zufolge hatte er keinen Vollbart mehr, so dass sein Aussehen nur schwer in Einklang zu bringen war mit dem Bild, das man von ihm in der ganzen Welt kennt. Trotzdem rätseln die Einwohner von Abbottabad, warum er ausgerechnet in ihrer Stadt, "in der Höhle des Löwen, wo Armee und Geheimdienst an jeder Ecke sind", Unterschlupf fand, wie ein Bewohner Abbottabads es formuliert. Dem Vernehmungsprotokoll eines Häftlings im US-Gefängnis in Guantanamo zufolge war Bin Laden bereits Mitte 2003 in Abbottabad gewesen und hatte Vertraute dort einquartiert. Alles ohne Wissen der pakistanischen Regierung?

"Das ideale Versteck"

Tatsache ist, dass Mieter und Immobilienkäufer in Abbottabad eine "Unbedenklichkeitserklärung" der Regierung benötigen, dass sie also von staatlichen Stellen überprüft werden, bevor sie mieten oder kaufen dürfen. Osama Bin Laden hätte offiziell eine solche Bescheinigung nie erhalten. Wer also hat für ihn das Haus von einem laut Anwohnern angeblich "reichen Transportunternehmer" angemietet?

Die Armee versuchte am Abend den Unterschlupf Bin Ladens in Abbottabad damit zu erklären, dass es sich dabei um "das ideale Versteck" handelte: "Kein Mensch, auch wir nicht, hätten ihn jemals hier vermutet", sagte ein Major. Ein General in Islamabad räumte ein, im Gegensatz zu Washington habe man auch im August "nichts über Bin Ladens Aufenthaltsort" gewusst. "Wir müssen schlicht und ergreifend einräumen, dass wir unwissend waren."

Aber auch die USA geraten in Erklärungsnot - wegen der Entsorgung der Leiche Bin Ladens per "Seebestattung". Das sorgt für Verwirrung und Verschwörungstheorien. "Ich war von Anfang an skeptisch, ob sie den echten Bin Laden erwischt haben", sagte ein Mann, der in Nachbarschaft des Anwesens lebt, in dem der Qaida-Chef erwischt wurde. "Jetzt will ich auf jeden Fall Bilder von seinem Gesicht sehen." Fotos, die zuvor verbreitet worden waren, stellten sich als Fälschung heraus.

Um Gewissheit zu verbreiten, veröffentlichten die USA DNA-Tests der Leiche, denen zufolge es sich mit größter Wahrscheinlichkeit um Bin Laden handelt. Man habe die Seebestattung lediglich "durchgeführt, um die muslimische Tradition der Bestattung innerhalb von 24 Stunden zu respektieren und gleichzeitig keinen Pilgerort für Bin-Laden-Verehrer zu schaffen", sagte ein Vertreter der US-Botschaft in Islamabad.

Das Verhältnis zwischen den Anti-Terror-Partnern USA und Pakistan war in den vergangenen Wochen dramatisch abgekühlt, nachdem Washington die Drohnenangriffe im Westen Pakistans auf - zum Teil vermeintliche - Terroristenstellungen drastisch verstärkt und dabei oft auch Zivilisten getötet hatte. Zudem hatte ein CIA-Söldner Ende Januar in der ostpakistanischen Millionenmetropole Lahore unter ungeklärten Umständen zwei Pakistaner erschossen und war nach Zahlung eines Blutgelds an die Familien der Opfer aus pakistanischer Haft freigekommen und an die USA ausgeliefert worden.

Pakistan fühlt sich als Anti-Terror-Partner der USA nicht ausreichend gewürdigt und verweist regelmäßig darauf, dass im Anti-Terror-Krieg im Landesinneren mehr pakistanische Soldaten gefallen seien als Nato-Militärs in Afghanistan. Tatsächlich hat die Armee viele Terroristen verhaftet oder aus ihren Stellungen im Swat-Tal oder in den Stammesgebieten vertrieben. Die Regierung in Washington zweifelt dennoch an der Aufrichtigkeit der pakistanischen Bemühungen, deshalb setzen die USA ihre Drohnenmission in Westpakistan trotz der Proteste fort und weigern sich, der pakistanischen Forderung nachzukommen, Islamabad die Drohnentechnologie für eigene Luftschläge zu überlassen.

Die Art und Weise, wie Osama Bin Ladens starb, hat das Verhältnis sicherlich nicht verbessert. Das Misstrauen der Regierung in Washington gegenüber Pakistan sitzt tief.

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Kniefall 02.05.2011
1. Doppeltes Spiel
Wundert es jemanden? Der pakistanische Geheimdienst ist wie z.B. auch das saudische Königshaus einer der größten Förderer radikaler Muslime. Ihre Partnerschaft mit den USA ist lediglich ein doppeltes Spiel. Und das wissen die Amis sehr genau, wie neulich veröffentlichte Dokumente zeigen. Kein Wunder, daß sie den Pakistantern erst kurz vor knapp Bescheid gaben.
Yabanci Unsur 02.05.2011
2. Ungereimtheiten
„Sie (die Pakistaner) waren erst kurz vorher über die Aktion von den Amerikanern informiert worden, hatten daraufhin den Zugriffsort im Stadtteil Bilal Town abgesperrt - und darauf gewartet, bis die US-Militärs den Job erledigt hatten.“ „John Brennan erklärte am Abend“, dass man die Pakistaner erst informiert habe, als die Eingreiftruppe Pakistan schon wieder verlassen hatte. Das bestätigt SPON selbst ein paar Zeilen weiter: „Gleichwohl räumte das Ministerium ein, Präsident Obama habe seinen pakistanischen Amtskollegen, Präsident Asif Ali Zardari, erst am Montagmorgen angerufen, um ihn über die erfolgreiche US-Operation zu informieren,...“ "Irgendetwas stimmt an dieser ganzen Geschichte nicht,...“ Dem schließe ich mich an. Osama ist tot, aber informiert wurden die Pakistaner vorab wohl nicht...
Giftzwersch 02.05.2011
3. Schwächung?
Das Imperium hat seinen Feind besiegt...wirklich? Es wird vermutlich viele "kleine Lichter" geben die den Tod ihres "Führers" vergelten möchten. Irgendwo in der westlichen Welt. Ich kann die Gedanken dieser Menschen zwar nicht nachvollziehen, aber sie sind scheinbar so verblendet. Warum konnte sich bin Laden in einer solchen Stadt "verstecken"? Am Fusse des Leuchtturms ist das wenigste Licht.
meisterraro 02.05.2011
4. USA sind respektlos
Nicht nur, dass sie in einem Land ohne Information der Hausherren agieren, nein sie bombardieren auch schon seit längerem das Land immer wieder durch Drohnen. Dabei gibt es regelmäßig viele zivile Opfer. Das tun USA ohne Einwilligung der pakistanischen Regierung! USA ist der größte Menschenrechtsverletzer, Gesetzesbrecher und Willkürmörder unter allen Saaten. Sie sind ein einziger Irrläufer geworden, der überall, wo man mitmischt, Schaden anrichtet.
scientist-on-hartz4 02.05.2011
5. Solange...
...die Leiche Bin Ladens (mit Kopfschuß) weder gezeigt noch die Daten der DNA-Fingerprints von ihm veröffentlicht werden, glaube ich erst mal gar nichts! Ich bin lange genug Biochemiker, um zu wissen, dass eindeutige Daten von DNA-Fingerprints und anderen molekularbiologischen Analysetechniken nicht innerhalb eines Tages zu erhalten sind. Überhaupt, warum läßt man so schnell Osamas Leiche verschwinden und schmeißt sie in den Indischen Ozean? Jeder andere Politiker/Heerführer hätte diese der Öffentlichkeit präsentiert. Hier stimmt was nicht!!!
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