Tonbandprotokoll "In den letzten Jahren haben wir nur gelogen"

In einer parteiinternen Rede, deren Mitschnitt jetzt an die Öffentlichkeit gelangte, hat Ungarns Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany seine eigene Regierung massiv kritisiert: "Wir haben es verbockt." Außerdem gab er zu, anhaltend die Bürger belogen zu haben.


Budapest - Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany sagte kurz nach der Parlamentswahl vom 23. April, er habe die Öffentlichkeit über den Zustand der Wirtschaft belogen, um seine Wiederwahl zu sichern. Er erklärte: "Wir haben am Morgen, am Abend und in der Nacht gelogen." Seine Regierung habe durch "hunderte Tricks" und "göttliche Vorsehung" die Wahl gewonnen.

Weiter sagte Gyurcsany: "Was wir in den Monaten davor (vor den Wahlen) heimlich machen konnten, so dass in den letzten Wochen des Wahlkampfes nichts darüber an die Öffentlichkeit dringt, was wir planen, das haben wir getan. Währenddessen wussten wir und ihr wusstet es, dass wir uns, falls der Wahlsieg kommt, danach sehr zusammennehmen müssen."

Über die Arbeit der Regierung urteilte der Ministerpräsident: "Wir haben es verbockt. Nicht ein bisschen, sondern sehr. In Europa hat man einen solchen Blödsinn, wie wir ihn gemacht haben, noch in keinem anderen Land gemacht. Man kann es erklären. In den letzten anderthalb, zwei Jahren haben wir nur gelogen. Es war vollkommen klar, dass es nicht stimmt, was wir sagen."

Außerdem sagte der Ministerpräsident in seiner Rede über die Regierungsarbeit: "Wir haben während der letzten vier Jahre eigentlich nichts gemacht. Nichts. Ihr könnt keine einzige bedeutsame Regierungsentscheidung nennen, auf die wir stolz sein könnten, außer jener, dass wir zum Schluss die Regierungsarbeit aus der Scheiße zurückgeholt haben." Weiter hieß es: "Ich bin fast gestorben, als wir eineinhalb Jahre vorgeben mussten, zu regieren."

In die Zukunft blickend sagte Gyucsany: "Wir müssen aufbrechen. Wir müssen wissen, was wir tun wollen. Die ersten paar Jahre werden grauenhaft sein, natürlich. Es ist völlig uninteressant, dass (nur) 20 Prozent der Bevölkerung für uns stimmen werden." Er skizziert sogar eine Art Plan: "Was wäre denn, wenn wir eben nicht deswegen unsere Popularität verlieren, weil wir uns gegenseitig beschimpfen, sondern weil wir große gesellschaftliche Dinge machen wollen? Und es wäre auch kein Problem, wenn wir dann für einige Zeit unsere Popularität in der Gesellschaft verlieren. Wir werden sie dann eben wieder zurückgewinnen."

Gyurcsany hatte am Sonntag die Authentizität des Tonbandprotokolls bestätigt. Wie es an die Öffentlichkeit gelangte, ist noch nicht bekannt.

als/sön/AP/dpa



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