Blair zu Bush im Irakkrieg "Ich bin an deiner Seite, komme, was wolle"

Liebesbrief oder Weltpolitik? Ein Untersuchungsbericht zum Irakkrieg enthüllt private Nachrichten von Tony Blair an George W. Bush. Sie zeigen, wie bedingungslos der Brite dem Amerikaner folgte.

George W. Bush und Tony Blair
REUTERS

George W. Bush und Tony Blair


Eine "brillante Rede" sei das gewesen, schmeichelte Tony Blair dem US-Präsidenten George W. Bush in einem Brief im September 2002. Man sei auf dem richtigen Weg, um den "Job zu erledigen".

Dieser Job, den Bush und Blair gemeinsam erledigen wollten, war die Entmachtung des irakischen Diktators Saddam Hussein. Wenige Monate später, im März 2003, begann die Invasion des Irak. Bis heute pocht der damalige britische Premier Blair darauf, "dass es besser war, Saddam Hussein zu beseitigen". Das sagte er auch am Mittwoch wieder, nachdem eine Untersuchungskommission zur Irak-Invasion ihn heftig kritisiert hatte.

In dem Bericht der sogenannten Chilcot-Kommission werden auch private Nachrichten von Blair an Bush veröffentlicht - "Liebesbriefe", wie die britische Presse unkt. Tatsächlich enthüllen sie, wie bedingungslos Blair teilweise die Politik des US-Präsidenten unterstützte.

"Ich werde an deiner Seite sein, komme, was wolle."

So lauten die ersten Worte einer Nachricht von Blair an Bush am 28. Juli 2002: "I will be with you, whatever." Dem "Telegraph" zufolge hatten wichtige Berater Blairs ihn vergeblich dazu gedrängt, diese ersten Zeilen herauszunehmen, weil sie ihm weitere Optionen raubten. Sein Kabinett habe er auch nicht über die Nachricht an Bush informiert.

Blair versuchte laut dem Chilcot-Bericht zugleich, Bush davon zu überzeugen, die Uno einzubinden. Einig blieben sie sich aber in ihrer Abneigung gegen den irakischen Diktator.

"Es ist richtig, Saddam loszuwerden. Er ist eine Bedrohung."

Diese Haltung vertrat Blair in jenen Monaten immer wieder in der Öffentlichkeit. Allerdings verkündete er auch noch Ende 2002 öffentlich, ein Krieg sei vermeidbar. Wenn der Iraker mit den Waffeninspekteuren zusammenarbeite, könne er weiterregieren. Entschlossener hört sich das in der privaten Nachricht an Bush an:

"Wenn er weg ist, wird das die Region befreien."

Der Untersuchungsbericht betont nun erneut, dass von Saddam Hussein im März 2003 keine unmittelbare Gefahr ausgegangen sei. Zugleich streichen der Vorsitzende John Chilcot und seine Mitarbeiter heraus: Blairs Wunsch, die besondere Beziehung zu Washington zu erhalten, habe maßgeblich dazu beigetragen, dass Großbritannien und die USA gemeinsam in den Krieg gezogen seien. Dabei seien nicht einmal alle friedlichen Optionen hinreichend geprüft worden. "Ein Militäreinsatz war damals nicht das letztmögliche Mittel."

Blair zufolge hatte Bush ihm sogar angeboten, auf die britische Unterstützung zu verzichten. So erzählte es der Brite in einem Interview 2007. Er sei aber von der Invasion überzeugt gewesen, so Blair in dem Gespräch:

"Ich wollte Krieg, es war das Richtige."

Blair setzte offenbar 2003 auf einen schnellen Sieg im Irak, der zugleich seine Popularität steigern sollte. Downing Street erwartete, dass die Beliebtheit des Regierungschefs in der Bevölkerung wieder hochschnellen würde - so wie bei Maggie Thatcher nach dem Falkland-Krieg.

Im April, dem Monat nach Beginn der Invasion, befanden noch knapp zwei Drittel der Briten, der Waffengang sei richtig. Im Juli war es nur noch knapp ein Drittel - die Stimmung kippte. Die Bürger waren immer stärker der Meinung, ihr Premier habe das Land mit übertriebenen Bedrohungsszenarien in den Krieg getrieben. Auch Blair hatte erste Zweifel. So schrieb er am 2. Juni 2003 an George W. Bush, auch dieser Brief findet sich im Chilcot-Bericht:

"Die Aufgabe ist absolut überwältigend, und ich bin überhaupt nicht sicher, ob wir dafür aufgestellt sind."

Die Autoren des Chilcot-Reports kritisieren ausdrücklich, dass trotz ausdrücklicher Warnungen die Folgen der Invasion unterschätzt wurden. Die Planungen und Vorbereitungen für einen Irak nach Saddam seien unzureichend gewesen - und das Chaos vorhersehbar.

Tatsächlich schrieb auch Blair in der Nachricht vom Juni 2003:

"Wenn der Irak auseinanderbricht, dann fällt alles in der Region auseinander."

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Briten und Irakkrieg: Chronologie einer verheerenden Invasion

kgp

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yvowald@freenet.de 06.07.2016
1. Tony Blair und die Labor-Party
Hier zeigt sich, daß auch Tony Blair offenbar ebenso skrupellos agierte wie seinerzeit George W. Bush. Und dies als Führer der Labor-Party, also einer Arbeiterpartei, die eigentlich die Ziele und Interessen der "Kleinen Leute" von Großbritannien vertreten sollte. Da tun sich Abgründe auf...
thinkbeforeyouwrite 06.07.2016
2. Und wer haftet für die Folgen?
Auch wenn man Gerhard Schröder nicht für alles in seiner Regierungszeit dankbar ist, dafür, dass er Deutschland aus diesem Krieg heraus gehalten hat, gebührt ihm heute noch Anerkennung. Erlogen waren die angeblichen Massenvernichtungswaffen Husseins und ein grandioses Lügenspektakel des Colin Powell vor dem UNO-Sicherheitsrat. Alle Folgen dieses Krieges vom zerrissenen Irak bis zum Syrienkrieg und dem IS haben wir heute noch und für sehr lange zu tragen. Warum präsentieren wir GB und den USA nicht die Rechnung dafür?
kinngrimm 06.07.2016
3. Kriegsverbrecher, beide Blair wie Bush
Nach allem was wir inzwischen erfahren haben, seien es die Warnungen die diesen Männern von Ihren eigenen Geheimdiensten gegeben wurden, sei es das Sie keinen wirklichen Plan hatten was nach einem Krieg geschehen solle oder sei es das zumindest Bush mit einer vorgefertigten Agenda auf ein anderes nicht zusammen hängendes Ereignis reagierten und Hundertausende den Tod brachten und Millionen vertrieben sowie den Weg frei machten für die religösen Säuberungsaktionen. Die Verantwortung liegt bei diesen Männern und den beiden Nationen die Sie erwählt hatten.
tommit 06.07.2016
4. Und da wagen es Leute noch das Wort
Verschwörungstheoretiker zu benutzen, wenn sowas vorher behauptet wird... in der letzten Zeit schlägt die Realität jegliche Phantasie...
westin 06.07.2016
5. Urteil
Ein lebenslages Urteil wurde schon gefällt. Beide müssten nur noch ausgeliefert werden. http://www.giessener-zeitung.de/buseck/beitrag/58692/kriegsverbrechertribunal-in-kuala-lumpur-malaysia/
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