Britischer Ex-Premier Blair warnt vor Brexit-Folgen

Der EU-Austritt Großbritanniens könnte erhebliche Konsequenzen für den Frieden in Nordirland haben, sagt Ex-Premier Tony Blair dem SPIEGEL - und erhebt Vorwürfe gegen die Regierung von Theresa May.

Tony Blair
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Der frühere britische Premierminister Tony Blair warnt die jetzige Amtsinhaberin Theresa May davor, den Frieden in Nordirland leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Der Brexit sei ein Angriff auf ein "Herzstück" des vor genau 20 Jahren beschlossenen Friedensabkommens, sagte Blair in einem Gespräch mit dem SPIEGEL und mehreren europäischen Zeitungen. Er könne den mühsam austarierten Kompromiss zwischen den verfeindeten Bevölkerungsgruppen in Nordirland "fundamental verändern".

Blair ist einer der Wegbereiter des sogenannten Karfreitagsabkommens, mit dem katholische Republikaner und protestantische Unionisten am 10. April 1998 einen fast 30-jährigen Bürgerkrieg beendeten. Die damaligen Verhandlungen seien die ungewöhnlichsten seines Lebens gewesen, sagte Blair. "Wir dachten mehrere Male, wir würden scheitern."

(Lesen Sie hier ein Interview mit Gerry Adams, Co-Architekt des Friedensabkommens, aus dem aktuellen SPIEGEL)

Britischer Premier Tony Blair (r.), US-Senator George Mitchell und Irlands Premier Bertie Ahern (l.) am 10.April 1998
AFP

Britischer Premier Tony Blair (r.), US-Senator George Mitchell und Irlands Premier Bertie Ahern (l.) am 10.April 1998

Ausschlaggebend für den Erfolg sei letztlich gewesen, dass beide Seiten in einer zentralen Frage ihr Gesicht wahren konnten: Den Unionisten wurde versichert, dass Nordirland Teil des Vereinigten Königreichs bleiben werde, so lange eine Mehrheit der dortigen Bürger dies will. Auf der anderen Seite bekamen die Republikaner das legitime Recht zugesprochen, für ein vereinigtes Irland zu werben. Beide Blöcke bildeten danach eine gemeinsame Regionalregierung. Grenz- und Zollposten an der nordirisch-irischen Grenze verschwanden, die knapp 300 Straßen, die beide Landesteile verbinden, sind heute jederzeit frei befahrbar.

Diese offene Grenze sei entscheidend für eine Zustimmung der Republikaner gewesen, so Blair. "Aber wenn der Brexit kommt, wird dort die EU-Außengrenze verlaufen." Und da Mays Regierung entschlossen sei, die Zollunion und den Binnenmarkt mit der EU zu verlassen, seien künftige Waren- und Personenkontrollen wohl unvermeidlich.

Angst vor neuen Feinseligkeiten

Auf der irischen Insel fürchten daher viele, die Gewalt von einst könne wieder aufflammen. Zwar hat die Regierung in London eine "reibungslose" Lösung versprochen und technologische Lösungen in Aussicht gestellt. Auf einen konkreten Verhandlungsvorschlag warten die EU-Unterhändler bislang jedoch vergeblich. "Ich sehe nicht, wie das Problem zu lösen ist", sagt Blair, "es sei denn, Nordirland bleibt in der Zollunion und dem Binnenmarkt." Das aber schließt London rigoros aus. Die Brexit-Befürworter setzten sich "vollständig über alle möglichen praktischen Probleme hinweg, und das akuteste davon ist das nordirische", sagt Blair.

Es sei wichtig, sich daran zu erinnern, dass Großbritannien und Irland im Jahr 1973 am selben Tag Mitglieder der Europäischen Union wurden, so der frühere Labour-Premier. Wegen der engen wirtschaftlichen Beziehungen habe die Regierung in Dublin damals gar nicht anders gekonnt, als demselben Klub beizutreten. Nun gingen die beiden Nachbarinseln erstmals seit 45 Jahren getrennte Wege, mit bislang unabsehbaren Folgen: "Die Symmetrie der Beziehungen zwischen Irland, dem Vereinigten Königreich und der EU wird durch den Brexit zerbrechen."



insgesamt 50 Beiträge
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willibaldus 10.04.2018
1.
Kaum jemand hat bisher über die Zukunft Irlands gesprochen. Das UK ist der mit Abstand grösste Handelspartner. Wie sich der Brexit da auswirkt ist völliges Neuland. Wahrscheinlich schlimm für einen grossen Teil der Wirtschaft. Der andere Teil, der mit dem Festland zu tun hat, wird das nur indirekt merken. Wie sehr, keiner weiss es.
DerRömer 10.04.2018
2. Man könnte sagen...
Eigentlich ist er ja daran Schuld das es zu diesem Schlamassel kam, aus Profilsucht, um seine eigene Wichtigkeit darzustellen. Aber, diese Unfähigkeit die Ihm folgen würde in Form von Frau May und dem Rest des Parlaments war nicht vorhersehbar. Ich habe selbst keine Idee wie man diesen Konflikt lösen kann mit dem Personal das jetzt an der Macht ist. Einfach nur eine Hausgemachte Katastrophe. Im Jahr 2019 wissen wir wie es weiter geht, ich befürchte das wird nicht gut ausgehen.
melnibone 10.04.2018
3. Das ist das Argument eines ...
gescheiterten Politikers. Die neue Generation ist weiter ... es wird keine Blutrache mehr geben. Die IRA hat die Waffen niedergelegt.
Haywood Ublomey 10.04.2018
4. Muss das sein?
Gewiss, der Brexit ist eine Idee von Fieslingen, gewählt von Dummköpfen. Gewiss, der Brexit gefährdet den Frieden in Nordirland. Aber ließ sich für diese Erkenntnis keine weniger diskreditierte Quelle als Blair auftreiben?
hausfeen 10.04.2018
5. Die beste Lösung: GB gibt das Fleckchen Königreich ...
... auf er irischen Insel auf und holt die Unionisten, den Unverbesserlichen Teil, die Nachfahren der Besetzungssiedler, zurück auf die Hauptinsel.
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