Toronto Militante Demonstranten randalieren auf G-20-Gipfel

Zerstörte Autos, Brandbomben, Steine: Nach friedlichen Demonstrationen gegen den G-20-Gipfel ist es in Toronto zu schweren Krawallen gekommen. Die Polizei sprach von einem nie gekannten Ausmaß an wahlloser Gewalt und nahm mindestens 150 Randalierer fest.

REUTERS

Toronto - "Wir haben noch nie ein solches Maß an willkürlicher Kriminalität und wahlloser Gewalt auf unseren Straßen gesehen", sagte Torontos Polizeichef William Blair am Samstagabend (Ortszeit). Für die Sicherheitskräfte sei es ein "sehr schwieriger Tag" gewesen. "Ich denke, das war wie ein Schock für jeden Bürger."

Etwa hundert Gewaltbereite, die sich von friedlich demonstrierenden Globalisierungsgegnern abgespalten hatten, schleuderten Steine auf Polizisten und zündeten mehrere Streifenwagen an. Mit Baseballschlägern und Hämmern zertrümmerten die in Schwarz gekleideten Randalierer Schaufenster - insbesondere von bekannten internationalen Ladenketten. "Kein Kapitalismus" lautete eine der Forderungen auf einem Schild der Demonstranten, das sie am Eingang eines Starbucks-Cafés hinterließen. Auch private Pkw und Fahrzeuge von Medienkonzernen sollen schwer beschädigt worden sein. Mindestens ein Händler wurde ausgeraubt.

Die Polizei ging mit Tränengas und Schlagstöcken gegen die Störer vor, mindestens 130 Randalierer wurden festgenommen. Laut einem Reporter der Nachrichtenagentur Reuters setzten die Sicherheitskräfte auch Plastikgeschosse gegen einzelne Demonstranten ein. Dieses auch über Twitter kommunizierte Gerücht wurde von Polizeichef Blair dementiert.

Auch am Abend kam es immer wieder zu Zwischenfällen. Die Polizei räumte den Queenspark, wo nach der Demonstration noch rund 500 Teilnehmer ausgeharrt hatten.

Gewaltaktion einer kleinen Gruppe

Polizeichef Blair geht davon aus, dass die militanten Demonstranten mit ihren Aktionen die Polizei von der Sicherheitszone rund um das Konferenzgelände weglocken wollten, damit andere es leichter hätten, den Zaun zu überwinden. Mindestens 19.000 Sicherheitskräfte waren in Kanadas größter Wirtschaftsmetropole im Einsatz.

Der Bürgermeister von Toronto, David Miller, verurteilte die Gewalt, betonte aber, dass diese einer kleinen Gruppe zugeordnet werden könne. Auch das Büro von Ministerpräsident Stephen Harper kritisierte die Ausschreitungen. Wegen der Krawalle konnte Spaniens Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero seine Unterkunft nicht erreichen. Er musste in einem anderen Hotel einquartiert werden.

"Diese Bilder sind schockierend für alle Kanadier", empörte sich der Minister für öffentliche Sicherheit, Vic Toews: "Wir werden alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um für die Sicherheit aller Kanadier, Abgeordneter, Medienvertreter und internationalen Gäste zu sorgen", versprach Toews.

"Widersetzt euch dem Krieg gegen die Armen"

Die Proteste waren zunächst überwiegend friedlich verlaufen. Ein langer Demonstrationszug bewegte sich vom Provinzparlament im Queenspark durch die Innenstadt. Viele verschiedene Aktionsgruppen beteiligten sich - darunter Globalisierungsgegner, Umweltschützer, Gewerkschafter und Frauenrechtlerinnen. "Widersetzt euch dem Krieg gegen die Armen, lasst die Reichen bezahlen", lautete ein Slogan.

Auch zahlreiche, in Kanada lebenden Exilanten waren gekommen, die gegen Menschenrechtsverletzungen oder Ungerechtigkeiten in ihren jeweiligen Heimatländern protestierten. "Indien ist keine Demokratie", "Befreit Kaschmir" oder "Beseitigt die Diktatur in Äthiopien", steht auf ihren Plakaten. Auch Gruben- und Stahlarbeiter demonstrierten gegen die Übernahme kanadischer Unternehmen durch ausländische Konzerne.

Zu den G20 gehören die stärksten Volkswirtschaften der Erde. In den vergangenen Jahren war es meist bei den Gipfeltreffen der kleineren G-8-Staatengruppe zu teilweise heftigen Ausschreitungen gekommen. Um das Konferenzzentrum der Staats- und Regierungschefs in Toronto war ein drei Meter hoher Zaun gezogen worden. Geschäfte und Restaurants in der Innenstadt von Toronto hatten vorsorglich ihre Schaufenster und Fassaden mit Holzplatten vernagelt.

Die Polizei ist im Besitz von Sondervollmachten, die es erlauben, Demonstranten am Zaun um das Tagungszentrum festzunehmen, wenn sie sich mehr als fünf Meter nähern oder sich einer Personenkontrolle oder Durchsuchung widersetzen. Aktionsgruppen übten scharfe Kritik an der Sonderregelung, die vorher nicht publikgemacht worden war. Ein altes Filmstudio wurde als vorübergehendes Gefängnis für Demonstranten umgebaut. Allein der Sicherheitseinsatz soll die Stadt 930 Millionen Kanada-Dollar kosten, umgerechnet 729 Millionen Euro.

Der G-20-Gipfel begann am Samstagabend. Bei dem Treffen der führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) sollten vor allem die Finanzmarktregulierung und eine nachhaltige Wachstumspolitik diskutiert werden. Zuvor hatte die kleinere Gruppe der acht führenden Industriestaaten (G8) - USA, Kanada, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan und Russland - sich in Huntsville beraten.

ala/dpa/reuters/ddp



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zynik 21.06.2010
1.
"Wo tritt die Übermacht der Bankenlobby besonders zutage? Giegold: Erst jüngst wieder bei der Richtlinie AIFM, mit der die Investment- und Hedgefonds reguliert werden sollen. Da gab es eine unglaubliche Lobby-Schlacht. Alle Abgeordneten wurden massiv bedrängt, es gab insgesamt 1600 Änderungsanträge zum Vorschlag der EU-Kommission. Von denen hatte die Finanzindustrie rund 900 selbst verfasst. Ein entgegenstehendes progressives Lobbying gab es zu diesen Themen nicht." http://sueddeutsche.de/geld/interview-mit-sven-giegold-eine-unglaubliche-lobby-schlacht-1.962829 Und da glaubt noch jemand vom G-20-Gipfel wäre irgendetwas zu erwarten, ausser wortreiches Marionettentheater?
tschort 21.06.2010
2. Die Politiker können es nicht besser als die Bankmanager
Während der Wirtschaftkrise sind auch staatliche Banken Pleite gegangen, zum Beispiel die Kreditanstalt für Wiederaufbau. Wenn die Politier der Meinung sind, dass sie die Banken besser als die Bankmanager regulieren können, wieso waren sie nicht in der Lage, ihre eigenen Banken effizient to überwachen?
rolli 21.06.2010
3.
Zitat von zynik"Wo tritt die Übermacht der Bankenlobby besonders zutage? Giegold: Erst jüngst wieder bei der Richtlinie AIFM, mit der die Investment- und Hedgefonds reguliert werden sollen. Da gab es eine unglaubliche Lobby-Schlacht. Alle Abgeordneten wurden massiv bedrängt, es gab insgesamt 1600 Änderungsanträge zum Vorschlag der EU-Kommission. Von denen hatte die Finanzindustrie rund 900 selbst verfasst. Ein entgegenstehendes progressives Lobbying gab es zu diesen Themen nicht." http://sueddeutsche.de/geld/interview-mit-sven-giegold-eine-unglaubliche-lobby-schlacht-1.962829 Und da glaubt noch jemand vom G-20-Gipfel wäre irgendetwas zu erwarten, ausser wortreiches Marionettentheater?
Merkel ist ja bereits bei der G7 abgewatscht worden was die Bankenabgabe angeht. Es wurde dort beschlossen, dass die Bankenabgabe erforscht werden soll. Merkel rechnet aber in ihrem Sparpaket bereits mit einigen Milliarden aus diesem Programm. Ich denke, dass das Ringen der Politik um das Primat zunichtegemacht wird, und dass der rasante Abstieg der Staaten in die Schuldenfalle erfolgen wird. Am Ende muss zwangsläufig eine Währungsreform und ein kommunistisches Regierungsprinzip herrschen. Kommunimsus für das Volk und Turbokapitalismus für die Wirtschaft. Der neoliberalismus ist genau darauf ausgelegt. rolli
Reiner Weint 21.06.2010
4. Eingeschränkte Zustimmung
Die vorgeschlagenen Maßnahmen sind für mich größtenteils sinnvoll. Die Trennung von Investment- und Retailbanken: gut! Mehr Eigenkaptial für Banken als Risikopuffer - volle Zustimmung. TÜV für Finanzprodukte? Auf jeden Fall! Viele dieser Konstruktionen für einfache Endkunden sind schon in quasi betrügerischer Absicht konstruiert worden. Hedge Fonds regulieren? Wie will ein Staat etwas regulieren, von dem er nichts versteht? Hedge Fonds sollten ordentliche Bilanzen vorlegen, wie jede Bank und jedes andere Unternehmen. Diese Unterlagen sollten zumindest für die Investoren in einen HF verpflichtend einsehbar sein. Was heisst bewachen (in der Kopfzeile)? Wie soll das denn gehen? Staatliche Einmischung in die Geschäfte eines HF? Ich kann nicht mehr folgen. HF sind ja sowieso größtenteils in Steueroasen außerhalb der G20 Länder beheimatet. Rating Agenturen: Uneingeschränkte Zustimmung. Für den großen Einfluß der Agenturen sind sie bisher lausig reguliert und kontrolliert. Und es gibt keine wirkliche Konkurrenz unter ihnen. Was ich im Ton nicht verstehe: "Und die Investmentbanken sind bereits dabei, ein neues Spielcasino zu eröffnen, den Handel mit Rohstoffen". Organisierten Handel mit Rohstoffen gibt es seit Eröffnung der ersten Warenbörse 1409 in Brügge. Was ändert sich da jetzt? Was hat der Handel mit Rohstoffen mit einem Spielcasino zu tun? Dieser billige Tonfall konterkariert die sachlichen Argumente.
paoloDeG 21.06.2010
5. Das Gute und das Böse !
In Wahrheit wer die Krisen verursacht ist das Böse = die Netze organisierten Verbrechens und die Korruption! Der Teil von der Bevölkerung, der Freiheit Gleichheit und Würde respektiert, ist immer demselben Ritual unterworfen : die Krisen ausbaden! Dagegen und hingegen die Netze organisierten Verbrechens, einschließlich die Netze finanziellen Verbrechens, und Korruption immer mehr an Macht gewinnen und sie immer mehr Reichtum anhäufen! Es ist unbedingt notwendig, gegen diese ungerechten und barbarischen Praxen in Deustchland und in allen Ländern der Europäischen Union zu handeln! Man muß einen Präsidenten der Europäischen Union wählen, um dies zu ändern und um eine europäische FreiheitsArmee zu bilden, um die Tausende Milliarden Euro wiederzubekommen, die den Völkern gestohlen, betrogen und erspresst worden sind! Beim G-20-Gipfel dies vorbringen, damit alle anderen Staaten dasselbe tun! Europa braucht mich als President !
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