Hausbesetzer in Venezuela: Sozialismus im Wolkenkratzer
Wohnraum ist Mangelware in Caracas. Deshalb besetzten Anhänger von Venezuelas Präsident Hugo Chávez eine 190 Meter hohe Bauruine. Inzwischen leben 2500 Menschen in dem Betongerippe, das einmal ein Büroturm werden sollte - ein realsozialistisches Experiment.
Manche Nachbarn sagen, der Torre de David sei das höchste besetzte Gebäude der Welt. Andere finden, er sei ein Slum, der Stock für Stock nach oben wächst. Auf der 22. Etage wohnt jedenfalls Josefina. Sie hat zwei Zimmer und eine Küche für sich und ihren sechsjährigen Sohn. Einmal fiel ein Kind aus einem der oberen Stockwerke in die Tiefe, weil der Bauherr die Wände zum Innenhof nicht komplett fertiggestellt hatte. Josefina zog wie die meisten Besetzer eine Brüstung am Abgrund hoch. Die Ziegel schleppte sie zu Fuß hinauf. Die Fahrstühle funktionieren nicht.
Ein Bankier namens David Brillembourg hatte den Bürokomplex mit zwölfstöckiger Hochgarage und Veranstaltungshalle planen lassen. Doch seine Metropolitano Bank geriet Anfang der neunziger Jahre in den Strudel einer nationalen Finanzkrise. Als Brillembourg 1993 starb, hinterließ er ein Kreditinstitut, das ein Jahr später pleite ging.
Und eben eine halbfertige Bauruine, die sie in Caracas seither spöttisch Torre de David nennen. Den Turm von David.
Ein staatlicher Bankenfonds übernahm das Gebäude, Stadtplaner dachten über neue Verwendungszwecke nach. Doch am Ende war die Realität schneller: Anhänger des sozialistischen Präsidenten Hugo Chávez besetzten im Oktober 2007 das Betongerippe. Inzwischen leben hier 2500 Menschen, die auf der Suche nach einer bezahlbaren Wohnung im Acht-Millionen-Moloch Caracas hier landeten.
Schätzungsweise vier Millionen Wohnungen fehlen in Venezuela. Mehr als die Hälfte der Bürger lebt in Armensiedlungen, wo schießwütige Banden die höchsten Mordraten Südamerikas zu verantworten haben. Da überrascht es nicht, dass die Wohnungslosen zur Selbsthilfe greifen.
"Allesamt Anhänger des Präsidenten - eher aus Opportunismus"
Für ihr Apartment mit Panoramablick über die Betonwüste von Caracas entrichtet Josefina eine Art Wohngeld an das Kollektiv, sagt sie. "Pro Monat 120 Bolivares Fuertes (rund 22 Euro), von denen auch Strom und Wasser bezahlt werden."
Die vom Kollektiv, das sind die Chefs im Wolkenkratzer. Ihr Boss ist Alexander Daza. "Allesamt Chavista, Anhänger des Präsidenten, aber eher aus Opportunismus", glaubt Josefina. Daza und seine Mitstreiter - Coordinadores werden sie genannt - entscheiden, wer einziehen darf in den Torre de David, und auch, wer wieder ausziehen muss. Viele Leute hätten sie rausgeworfen, wegen Diebstahl oder Prostitution oder einfach, weil sie Krach gemacht hätten.
Ob sie Herrn Daza etwas ausrichten könnte? Josefina wird plötzlich einsilbig. Sie will das Gespräch beenden. Dazas Männer seien bewaffnet, sagt sie. Sie hätten sich viele Feinde gemacht. Zum Beispiel Hausbesetzer, die sie rausgeworfen hätten. Ein ehemaliger Mieter aus dem achten Stock habe vor einiger Zeit direkt vor dem Eingang einen vom Kollektiv erschossen.
- 1. Teil: Sozialismus im Wolkenkratzer
- 2. Teil: Basisdemokratie bis zum 28. Stock
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- Mittwoch, 30.05.2012 – 06:20 Uhr
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Bevölkerung: 29,044 Mio.
Hauptstadt: Caracas
Staats- und Regierungschef: Nicolás Maduro
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