Tote bei Demonstrationen Ägyptens Polizei feuert in die Menschenmassen

Die Lage in Ägypten gerät nach den Stadionkrawallen außer Kontrolle: In Suez schossen Polizisten auf Demonstranten, zwei Menschen starben. Die wütenden Bürger fordern den Rücktritt des Militärchefs - manche sogar seine Hinrichtung.

REUTERS

Hamburg/Kairo - Die Unruhen in Ägypten greifen von Kairo auf andere Städte über - es war eine blutige Nacht im Land. Bei Zusammenstößen in Suez, rund 140 Kilometer östlich der Hauptstadt, starben zwei Demonstranten durch Polizeischüsse. Mindestens 30 Menschen wurden nach Angaben von Krankenhausmitarbeitern verletzt.

Zeugen berichteten, die Polizei habe zunächst vergeblich versucht, die Demonstranten auseinanderzutreiben. Diese hätten den Hauptsitz der örtlichen Sicherheitskräfte einnehmen wollen. Die Uniformierten feuerten zuerst mit Tränengas, später sei aber auch scharfe Munition zum Einsatz gekommen. Aus Sicherheitskreisen hieß es dagegen, die Polizei habe nicht das Feuer eröffnet. Vielmehr seien die Demonstranten selber bewaffnet gewesen.

Auch in Kairo entlud sich die Wut der Bürger nach den tödlichen Ausschreitungen im Stadion von Port Said in Gewalt. Bei der Katastrophe in der Sportarena waren am Mittwochabend 74 Fußballfans ums Leben gekommen. Kritiker werfen den Sicherheitskräften Versagen vor, sogar von einer geplanten Aktion ist die Rede.

Tausende Demonstranten lieferten sich noch am späten Abend rund um den Tahrir-Platz Scharmützel mit der Polizei. Die Menge warf Steine auf die Sicherheitskräfte und versuchte, in die Nähe des Innenministeriums zu gelangen. Ein Mensch kam auch hier ums Leben, offenbar wurde der Mann von einem Gummigeschoss tödlich getroffen. Immer wieder wurde der Rücktritt des Chefs des Militärrats, Hussein Tantawi, gefordert. Auch Rufe nach seiner Hinrichtung wurden laut.

Die staatliche Nachrichtenagentur Mena berichtete am späten Abend von fast 600 Verletzten in der Hauptstadt. Ein Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums teilte mit, rund 400 Demonstranten seien durch das Einatmen von Tränengas sowie durch herumfliegende Steine verletzt worden. Bei Twitter war auch vom Einsatz von Gummigeschossen die Rede.

Demonstrationen rund um den Tahrir-Platz

Die Demonstranten hätten ägyptische Flaggen sowie die Fahnen der Fußballclubs Al-Ahly und Zamalek dabei gehabt, berichten Beobachter. Angesichts der jüngsten Gewalt haben die Fans beider Teams jedoch angekündigt, ihre seit Jahrzehnten gewachsene Rivalität vorerst ruhen zu lassen.

Erst im Laufe der Nacht beruhigte sich die Lage etwas, wie auf Bildern des Staatsfernsehens zu sehen war. Gruppen von Demonstranten blieben aber in der Nähe des Innenministeriums und des Tahrir-Platzes.

Nicht nur das Volk fordert Konsequenzen aus den Vorfällen im Stadion - auch der politische Druck auf die ägyptische Führung wächst. Die Europäische Union drängt auf eine "sofortige und unabhängige Untersuchung" der Gewalt. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon verlangte von der ägyptischen Regierung "angemessene Maßnahmen". Der Weltfußballverband Fifa forderte die ägyptischen Behörden zu einem "vollständigen Bericht" über die Krawalle auf.

Die Anhänger von Al-Ahly machen Militärrats-Chef Tantawi für die tödlichen Auseinandersetzungen in Port Said verantwortlich. Die meisten Todesopfer der Krawalle vom Mittwoch waren Anhänger des beliebtesten und erfolgreichsten ägyptischen Fußballvereins.

Attacken mit Flaschen und Steinen auf dem Feld

Bei dem Spiel zwischen den Mannschaften Al-Masry aus Port Said und Al-Ahly aus Kairo waren unmittelbar nach dem Abpfiff Fans von Al-Masry auf das Spielfeld gestürmt und hatten Spieler und Anhänger der gegnerischen Mannschaft mit Flaschen und Steinen beworfen. Im Internet waren Fotos von blutüberströmten Spielern zu sehen. Neben den 74 Toten gab es nach Angaben des Gesundheitsministeriums Hunderte Verletzte.

Die Polizei hatte 47 Menschen festgenommen. Viele Demonstranten sind jedoch überzeugt, dass Armee und Polizei das Blutvergießen durch ihr Nichteingreifen erst ermöglicht haben. Einige glauben gar, dass das Militär im Hintergrund die Fäden zog, um Chaos zu stiften und sich weiterhin selbst unverzichtbar zu machen.

Die bei der Parlamentswahl siegreichen islamistischen Muslimbrüder sprachen von "geplanten" Ausschreitungen. Sie seien eine "Botschaft der Anhänger des alten Regimes" des gestürzten Staatschefs Husni Mubarak, sagte der Abgeordnete Essam al-Erian von der Partei Freiheit und Gerechtigkeit.

Erste Offizielle entlassen - drei Tage Staatstrauer

Parlamentspräsident Saad al-Katatni, ebenfalls ein Muslimbruder, sagte, die ägyptische Revolution sei in großer Gefahr. Das "Massaker von Port Said" sei Folge einer unglaublichen Nachlässigkeit der Sicherheitskräfte. Abgeordnete forderten die Entlassung der Regierung und erklärten, der regierende Oberste Militärrat trage die gesamte Verantwortung für die Gewalt.

Regierungschef Kamal al-Gansuri teilte unterdessen mit, als Konsequenz sei der Sicherheitschef von Port Said, Essam Samak, entlassen und seine führenden Mitarbeiter suspendiert worden. Auch die gesamte Führung des Nationalen Fußballverbands wurde entlassen. Der Gouverneur der Stadt Port Said trat zurück. Der Oberste Militärrat rief eine dreitägige Staatstrauer aus.

jok/dpa/Reuters/dapd/AFP

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insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
uinen_osse 03.02.2012
1. Die Angehörigen der
Zitat von sysopDie Lage in Ägypten gerät nach den Stadionkrawallen außer Kontrolle, bei den Sicherheitskräften liegen die Nerven blank. In Suez*schossen Polizisten auf Demonstranten, zwei Menschen starben. Die wütenden Bürger fordern den Rücktritt des Militärchefs - manche sogar seine Hinrichtung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813053,00.html
Toten haben mein Mitgefühl. Man möchte trauern wenn man sieht wie hier die Hoffnung auf Demokratie und politischen Frühling zu Grabe getragen wird.
akrisios 03.02.2012
2. Gutes Beispiel
Zitat von sysopDie Lage in Ägypten gerät nach den Stadionkrawallen außer Kontrolle, bei den Sicherheitskräften liegen die Nerven blank. In Suez*schossen Polizisten auf Demonstranten, zwei Menschen starben. Die wütenden Bürger fordern den Rücktritt des Militärchefs - manche sogar seine Hinrichtung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813053,00.html
Vielleicht versteht der Westen endlich einmal das Ägypten nicht an der Themse liegt. Das gilt übrigens für den gesamten arabischen Gürtel. Die Denkweisen, Verhaltensmuster, Strukturen & Traditionen werden, ganz abgesehen von der andersartig gelebten Religion, dort nie von uns verstanden werden und umgekehrt. Das ist ja auch nicht schlimm. Man muss es nur mal akzeptieren statt dauernd andere Wertemodelle multikultimäßig vermischen zu wollen. Als schon das große Wort "Demokratie" von uns dort hineingetragen wurde konnte ich nur lachen. Ich lebte 2 Jahre in Israel und kenne auch Ägypten. Der Westen ist so naiv in seiner weltaufklärerischen Oberaufsicht. Und das gilt für alle hier, Linke wie Rechte.
panzerknacker51, 03.02.2012
3. Und nun?
Zitat von sysopDie Lage in Ägypten gerät nach den Stadionkrawallen außer Kontrolle, bei den Sicherheitskräften liegen die Nerven blank. In Suez*schossen Polizisten auf Demonstranten, zwei Menschen starben. Die wütenden Bürger fordern den Rücktritt des Militärchefs - manche sogar seine Hinrichtung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813053,00.html
Was soll man dazu noch sagen? Frühling sieht irgendwie anders aus.
internetwitcher 03.02.2012
4. Arabischer Frühling?
Zitat von sysopDie Lage in Ägypten gerät nach den Stadionkrawallen außer Kontrolle, bei den Sicherheitskräften liegen die Nerven blank. In Suez*schossen Polizisten auf Demonstranten, zwei Menschen starben. Die wütenden Bürger fordern den Rücktritt des Militärchefs - manche sogar seine Hinrichtung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813053,00.html
Dass die Islamisten in Ägypten die Toten im Fußballstation dazu missbrauchen um endlich den Militärrat los zu werden um ihren Scharia-Staat zu errichten kann ich ja noch verstehen. Aber wieso aufgeklärte und gebildete Politiker und Journalisten immer noch am Märchen vom arabischen Frühling und vom demokratischen Aufbruch festhalten wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben. Ich denke mal da sind viele aus ideologischen Gründen tatsachenresistent und die wollen halt nicht zugeben, dass sie die Bevölkerung über Monate desinformiert haben.
friedenspfeife 03.02.2012
5. Wann kommt
Zitat von sysopDie Lage in Ägypten gerät nach den Stadionkrawallen außer Kontrolle, bei den Sicherheitskräften liegen die Nerven blank. In Suez*schossen Polizisten auf Demonstranten, zwei Menschen starben. Die wütenden Bürger fordern den Rücktritt des Militärchefs - manche sogar seine Hinrichtung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813053,00.html
die UNO Resolution mit "Flugverbotszone etc."? Duerfte eigentlich nicht mehr lange dauern wo wir doch sowieso schon in der Naehe sind.
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