Tote bei Protesten in Bahrain "Die Polizei wusste, was sie tat"

Die Bilanz ist erschütternd: Mehrere Tote, Dutzende Verletzte - in Bahrain gehen die Sicherheitskräfte immer härter gegen Demonstranten vor. Das Lager der Protestierer in der Hauptstadt Manama wurde zerstört, inzwischen patrouillieren Panzer. Das öffentliche Leben kam weitestgehend zum Erliegen.


Berlin/Manama - Am vierten Tag der Proteste gegen die Regierung ist die Polizei in Bahrain mit äußerster Härte gegen die Demonstranten in der Hauptstadt Manama vorgegangen. Die Sicherheitskräfte lösten am frühen Morgen das Lager der Regierungsgegner auf dem zentralen Lula-Platz auf. Polizisten feuerten Tränengas in die Menge und schlugen auf die Menschen ein. Bei den Auseinandersetzungen wurden nach Angaben von Ärzten vier Menschen getötet,dutzende Protestierer wurden verletzt, darunter einige schwer.

Ohne Warnung habe die Polizei das Lager im Zentrum der Hauptstadt gestürmt, berichteten Augenzeugen. "Frauen und Kinder wurden angegriffen", sagt einer von ihnen, Mahmud Mansuri. "Sie wussten, was sie taten." Der Einsatz der Polizei habe begonnen, nachdem Medienvertreter den Platz verlassen hatten. Ein Fotograf der Nachrichtenagentur AP berichtete, dass Polizisten eine Gruppe von Kindern umzingelt und in ihre Fahrzeuge gebracht hätten.

Nach der Erstürmung des Platzes waren auf den Straßen Panzer zu sehen und bewaffnete Sicherheitskräfte patrouillierten durch die Wohnviertel. Rund um den Lula-Platz wurden Polizeifahrzeuge stationiert und die Straßen mit Stacheldraht gesperrt. Polizisten räumten die Zelte der Demonstranten und zertraten die Transparente. Der Innenminister von Bahrain nannte das Protestlager illegal und forderte die Menschen auf, in ihren Häusern zu bleiben.

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Proteste in Bahrain: Tote und Verletzte
In Manama kam das öffentliche Leben am Donnerstag weitgehend zum Erliegen. Arbeiter wurden nicht in die Stadt gelassen, Banken und andere Geschäfte blieben geschlossen. Am Morgen kam es weiterhin zu vereinzelten Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. Junge Männer rissen Bürgersteige auf und warfen Steine auf die Polizisten.

Dutzende Verletzte mit Platzwunden, Knochenbrüchen und Atembeschwerden nach dem Beschuss mit Tränengas suchten am Donnerstag das Salmanija-Krankenhaus auf. Vor der Klinik riefen Demonstranten: "Das Regime muss gehen."

Zehntausende vor allem schiitische Demonstranten hatten zuvor am Mittwoch in dem Golfstaat den dritten Tag in Folge gegen ihre Regierung protestiert. Während in den ersten Tagen der Proteste lediglich eine demokratische Öffnung des politischen Systems gefordert wurde, wurden am Mittwoch auch Rufe nach einem Rücktritt des sunnitischen Regimes von Ministerpräsident Scheich Chalifa bin Salman Al Chalifa laut.

Die schiitische Bevölkerungsmehrheit beklagt, dass sie in dem Inselstaat vor Saudi-Arabien von der regierenden sunnitischen Minderheit vom Wohnungsmarkt, dem Gesundheitswesen und staatlichen Arbeitsplätzen ausgeschlossen wird. Politische Beobachter befürchten ein Übergreifen der Proteste auf den weltgrößten Ölexporteur Saudi-Arabien, sollten sich die Demonstrationen in Bahrain ausweiten. Das gewaltsame Vorgehen der Regierung in Bahrain gegen die Demonstranten wurde im Westen, vor allem auch in den USA, scharf kritisiert.

Bahrain liegt zwar zwischen den ölreichen Staaten Saudi-Arabien und Katar, hat aber selbst kaum Öl. Es ist vor allem ein regionales Finanzzentrum und Freizeitoase für reiche Saudiaraber, die in Bahrain westliche Bars, Hotels und die Strände genießen.

flo/dpad/Reuters

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Inuk 17.02.2011
1. Langer Atem
Zitat von sysopDie Bilanz ist erschütternd: Mehrere Tote, Dutzende Verletzte - in Bahrain gehen die Sicherheitskräfte immer härter gegen Demonstranten vor. Das Lager der Protestierer in der Hauptstadt Manama wurde zerstört, inzwischen patrouillieren Panzer. Das öffentliche Leben kam weitestgehend zum Erliegen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,746088,00.html
Ich wünsche den Demonstranten in den arabischen Ländern einen langen Atem. Es gehört viel Mut dazu, trotz schießender Polizisten oder Soldaten auf die Straße zu gehen. Es wird Zeit, dass weltweit die Herrschenden und ihre Familien durch Demokratien ersetzt werden. Als die DDR "fiel" brauchten die Montagsdemonstranten 6 Wochen bis Honecker aus "gesundheitlichen Gründen" zurück trat. Zum Glück verliefen die Proteste friedlich und die Armee und Polizei hat sich neutral verhalten.
fatherted98 17.02.2011
2. die Nächste...
...Demokratisierung ohne Demokraten bahnt sich an. Man darf gespannt sein.
Chinaflyer 17.02.2011
3. Was sagt Westerwelle?
Wo bleibt eigentlich die Grundsatzrede unseres Aussenministers zu den Freiheitskämpfen in Arabien? Es scheint, er hat sich Merkels Abwarte-Taktik abgeschaut oder wurde von ihr zum Schweigen verdonnert. Wer weiss. Sicher ist, dass unsere Politiker nicht den Freiheitskampf und Demokratiebewegungen unterstützen. Für Westerwelle u.a. scheint zu gelten: Realpolitik frisst Demokratieverständnis. Dieser Mangel an Gespür für die Gefühle des Wahlvolkes werden sich rächen.
ratxi 17.02.2011
4. Es beginnt scheinbar eine Zeit,...
Zitat von sysopDie Bilanz ist erschütternd: Mehrere Tote, Dutzende Verletzte - in Bahrain gehen die Sicherheitskräfte immer härter gegen Demonstranten vor. Das Lager der Protestierer in der Hauptstadt Manama wurde zerstört, inzwischen patrouillieren Panzer. Das öffentliche Leben kam weitestgehend zum Erliegen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,746088,00.html
...in der sich immer weniger Menschen von irgendeinem Regime unterdrücken lassen möchten. Kaum 8 Wochen her, begann es mit der Selbstverbrennung eines Menschen...
derlabbecker 17.02.2011
5. na, da freuen sich doch...
... die Spekulanten. Bahrein ist so schön nah an den Saudis und mittendrin bei den Erdöl-Staaten, auch wenn sie selber keines haben. Mal gespannt wieviele Stunden es dauert bis der Spritpreis hier wieder um 10 cent pro Liter raufgeht, es könnte ja sein dass das Fass Öl morgen mehr kostet....
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