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Tote bei Straßenkontrolle: Bundeswehr bestätigt tödliche Schüsse auf Zivilisten in Afghanistan

Von und Shoib Najafizada

Die Kugeln stammten aus deutschen Waffen: Die Bundeswehr hat eingestanden, dass ihre Soldaten auf Zivilisten in Afghanistan geschossen haben - drei Menschen kamen ums Leben. In einem SPIEGEL ONLINE vorliegenden Bundeswehr-Papier heißt es aber, die Soldaten hätten korrekt gehandelt.

Berlin - Die Bundeswehr hat am Freitagabend erstmals offiziell eingestanden, dass deutsche Soldaten am Tag zuvor an einem Checkpoint auf afghanische Zivilisten geschossen haben und dabei eine Frau und zwei Kinder töteten. Es gebe jedoch derzeit "keinen Grund, den deutschen Soldaten einen Vorwurf zu machen", heißt es in einer vertraulichen Stellungnahme für den Bundestag, die SPIEGEL ONLINE vorliegt.

In dem zweiseitigen Papier schilderte die Bundeswehrführung den Vorfall nahe der nordafghanischen Provinzhauptstadt Kunduz detailliert. Demnach stehe nach ersten Ermittlungen fest, dass die "zur Sicherung eingesetzten Kräfte" nahe des Checkpoints "das Feuer auf das erste Fahrzeug" eröffneten und dass die tödlichen Kugeln aller Wahrscheinlichkeit nach aus deutschen Waffen stammten.

Über den Tag hinweg hatte die Bundeswehr nur abstrakt über die tödlichen Schüsse auf ein Auto mit Gästen einer Hochzeitsgesellschaft berichtet. Eine Frau und zwei Kinder waren dabei ums Leben gekommen.

Laut dem Papier hätten sich gegen 21.50 Uhr bei völliger Dunkelheit "zwei zivile Fahrzeuge mit hoher Geschwindigkeit" dem Checkpoint genähert, der gemeinsam mit der afghanischen Armee bei der Ortschaft Khanabad südöstlich von Kunduz errichtet wurde. Daraufhin seien beide Fahrzeuge am Kontrollposten "durch eindeutige Zeichengebung" gestoppt worden.

Auto fuhr "abrupt" los

Wie zuvor bereits die afghanischen Behörden mitgeteilt hatten, setzte sich dann eines der Fahrzeuge "abrupt in Bewegung", so die Bundeswehr. Daraufhin hätten deutsche Soldaten und afghanische Kräfte zuerst Warnschüsse in die Luft abgefeuert.

Als diese nicht zum Anhalten führten, eröffneten deutsche Soldaten, die "auf einem geschützten Dingo" etwa hundert Meter vom Checkpoint entfernt bereitstanden, das Feuer auf das Fahrzeug. Anhand von Spuren am Tatort sei es sehr wahrscheinlich, dass die tödlichen Schüsse auf das Auto "aus deutschen Waffen" abgefeuert wurden.

Durch das Papier bestätigte die Bundeswehr weitgehend die Darstellung der afghanischen Behörden. Der Gouverneur der Provinz Kunduz, Mohammed Omar, hatte SPIEGEL ONLINE zuvor gesagt, der beschossene Minibus sei von einer Hochzeit in der Region Takhar gekommen.

Omar sagte auch, dass der Fahrer des Minibusses Mitarbeitern des Gouverneurs gesagt habe, er habe an dem Abend einen schweren Fehler begangen. "Meinen Leuten schilderte der Fahrer, dass er Angst vor den Soldaten hatte und deshalb so schnell umdrehte", so Omar, "er bereut seinen Fehler zutiefst."

Gefährlicher Verdacht

Für die Bundeswehr ist der Vorfall nahe Kunduz mehr als brisant. Auch wenn die Truppe und auch die Führung der Internationalen Schutztruppe Isaf die Soldaten von jeglicher Schuld freisprachen, könnte sich der Vorfall zu einem Alptraum für die Bundeswehr und die weitere Mission der Soldaten in Nordafghanistan auswachsen.

Zum ersten Mal gerät die Bundeswehr nämlich in den Verdacht, beim Kampf gegen Taliban und ihren Terror auch vor der Zivilbevölkerung keinen Halt zu machen.

Im Bundesverteidigungsministerium und im Hauptquartier in Kabul war man sich der Brisanz bewusst. Nur wenige Stunden nach dem Vorfall teilte ein Sprecher von Verteidigungsminister Franz Josef Jung mit, es habe sich ein tödlicher Vorfall mit Beteiligung deutscher Soldaten ereignet. Thomas Raabe sagte, die Sicherheitskräfte hätten das Feuer eröffnet, nachdem ein Auto trotz eindeutiger Haltezeichen weitergefahren sei.

Die Isaf teilte auf ihrer Internet-Seite mit, sie bedauere den Zwischenfall zutiefst, rechtfertigte aber das Verhalten der Soldaten. Die Toten wären vermeidbar gewesen, so die Web-Seite, wenn sich die Zivilisten korrekt verhalten hätten. Die Truppe betonte auch, dass Isaf-Soldaten ausgebildet seien, um zivile Opfer zu vermeiden. "Jedoch müssen sie auch Maßnahmen ergreifen, um sich selbst zu schützen", so der Pressetext.

Von deutschen Offizieren war zudem zu erfahren, dass es für den Donnerstagabend eine konkrete Warnung gab - vor einem mit Sprengstoff beladenen Fahrzeug. Diese Beschreibung habe auf das später getroffene Auto gepasst. Zudem hätten sich Fahrer und Insassen "verdächtig" verhalten.

"Die Nerven liegen blank"

Ein hochrangiger Beamter aus dem Ministerium ergänzte, nach dem tödlichen Anschlag diese Woche nahe Kunduz herrsche höchste Alarmbereitschaft. "Die Nerven liegen blank", so der Beamte. Kurz nach Bekanntwerden der Vorfalls eröffnete die Staatsanwaltschaft Potsdam ein Ermittlungsverfahren.

Die hektischen Aktivitäten zeigen, wie heikel der Vorgang ist. In der Vergangenheit hatten versehentliche Tötungen von Zivilisten in Afghanistan zu heftigen Protesten und sogar Ausschreitungen geführt. Die meisten zivilen Opfer waren durch Bombenangriffe der Isaf-Schutztruppe umgekommen. Auch an Checkpoints kam es immer wieder zu tödlichen Zwischenfällen. Nun muss die Bundeswehr fürchten, dass ihr relativ guter Ruf im Norden Afghanistans nach dem Vorfall leiden könnte.

Auch in der Hauptstadt Kabul zeigten sich deutsche Vertreter besorgt. "Ob sich die Soldaten korrekt verhalten haben, spielt hier kaum eine Rolle", sagte ein Diplomat, "am Ende bleibt hängen, dass wir auf Zivilisten schießen."

Grundsätzlich gelten an Checkpoints der internationalen Schutztruppe in Afghanistan sehr strenge Regeln - vor allem zum Selbstschutz der Soldaten. Dabei gilt die Regel, eher schneller das Feuer auf verdächtige Fahrzeuge zu eröffnen, als diese an den Kontrollpunkt herankommen zu lassen. Grellrote Schilder in allen Landessprachen weisen auf die Straßensperren hin, die Fahrer werden aufgefordert, langsam zu fahren und den Anweisungen der Soldaten zu folgen.

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