Tote bei Unruhen in Thailand Armee richtet Scharfschuss-Zone in Bangkok ein

Bangkok gleicht einem Schlachtfeld. Bei Kämpfen zwischen Soldaten und Demonstranten gab es viele Tote und mehr als 150 Verletzte. Sicherheitskräfte kesseln die Regierungsgegner in der thailändischen Hauptstadt ein. Die Armee rief eine Sperrzone aus, in der scharf geschossen wird.

REUTERS

Bangkok - Regierungsgegner und Soldaten liefern sich in der thailändischen Hauptstadt Bangkok eine verbissene Schlacht. Tote und Verletzte werden dabei bewusst in Kauf genommen: Die Armee erklärte ein bestimmtes Gebiet im Zentrum der Hauptstadt zur Sperrzone, in der scharf geschossen wird. Mit Schildern in Thai und Englisch wurden Demonstranten und Anwohner vor dem Gebrauch von Schusswaffen gewarnt.

Bei den Straßenkämpfen starben mehrere Menschen. Die Nachrichtenagentur Reuters meldete unter Berufung auf Rettungskräfte, seit Donnerstag seien 22 Menschen getötet worden. Bei den Opfern handle es sich um Zivilisten, Ausländer seien nicht unter den Toten.

Die Nachrichtenagentur DAPD meldete, dass laut Regierung seit Donnerstag 156 Menschen verletzt wurden. Zwei Soldaten seien unter den Verletzten. Laut der US-Nachrichtenagentur AP wurden auch zwei thailändische und ein kanadischer Journalist angeschossen.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, auch ein Sanitäter sei angeschossen worden und vermutlich seinen Verletzungen erlegen. Der Helfer habe einem verwundeten Demonstranten helfen wollen, sagte demnach ein Augenzeuge. Wer die Schüsse auf den Sanitäter abgab, war zunächst unklar.

Seit Beginn der Proteste im März sind bisher mehr als 40 Menschen gestorben. Das Zentrum Bangkoks gleicht inzwischen mancherorts einer Bürgerkriegszone. Tränengas-Schwaden zogen durch die Straßen, Gewehrsalven und Explosionen waren zu hören, brennende Straßenblockaden wurden errichtet.

Tausende Soldaten versuchten in der Nacht zum Samstag, die Straßen um das besetzte Geschäftsviertel Ratchaprasong zu blockieren, und das Lager der Regierungsgegner abzuschotten. Aus den Reihen der Demonstranten flogen Steine und Benzinbomben in Richtung Polizei und Armee.

Regierung: "Wir wollen eine Konfrontation vermeiden"

Die Rothemden forderten "einen Waffenstillstand". "Wir wollen nur Demokratie", rief einer ihrer Anführer von der selbstgebauten Bühne. Die Sicherheitskräfte sagen, unter den Demonstranten seien Militante, die eine blutige Konfrontation heraufbeschwören wollen. An Straßensperren würden Soldaten mit Granaten und anderen Waffen beschossen. Die Fronten sind völlig unklar. Immer wieder versuchen Gruppen von Rothemden, die Soldaten zu umgehen. Die Truppen schießen dann, um eine Ausweitung der Proteste zu verhindern.

Die Sicherheitskräfte hatten am Donnerstagabend begonnen, ein seit zwei Monaten von Regierungsgegnern besetztes Viertel abzuriegeln. Die Lage spitzte sich zu, als der zur Opposition übergelaufene Generalmajor Khattiya Sawasdipol angeschossen und lebensgefährlich verletzt wurde. Der radikale Demonstrantenanführer, genannt Seh Daeng, schwebte nach dem Kopfschuss am späten Donnerstagabend in Lebensgefahr. Laut der Nachrichtenagentur AP wurde er von einem Scharfschützen verwundet, während er ausländischen Journalisten ein Interview gab.

Die Regierung betonte, dass die Sicherheitskräfte nur die Stellung halten und Blutvergießen verhindern wollten und keine Räumung des Geländes planten. "Wir wollen unsere Stellungen halten und eine Konfrontation vermeiden", sagte Finanzminister Korn Chatikavanij der BBC. Polizei und Armee schössen nur mit scharfer Munition, wenn ihr Leben in Gefahr sei, beteuerte ein Regierungssprecher.

In dem Areal sind nach Schätzungen der Polizei bis zu 5000 Menschen verbarrikadiert. Sie haben Steine und selbstgemachte Benzinbomben gehortet, um anrückende Einheiten abzuwehren. Die Demonstranten sprachen von 15.000 Besetzern.

Lebensmittel werden knapp

Die Besetzer stellten sich auf einen Ansturm ein, wollen trotz der eskalierenden Gewalt nicht aufgeben. "Wir werden weiter kämpfen", sagte ein Anführer der sogenannten Rothemden. Er räumte ein, dass die Vorräte an Lebensmitteln, Wasser und Benzin nach der Abriegelung des von ihnen besetzten Geschäftsviertels zur Neige gingen. Sie würden aber noch Tage ausreichen und er hoffe, dass es ihren Anhängern doch gelänge, Nachschub zu liefern. Am frühen Morgen begannen Dutzende Taxis, eine Zufahrt zu dem Viertel von einer Schnellstraße zu blockieren, berichtete die Zeitung "Nation". Sie rechneten mit einem Armeevorstoß aus dieser Richtung und wollten die Rothemden schützen.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon appellierte, Demonstranten und Sicherheitskräfte müssten "alles in ihrer Macht stehende tun, um weitere Gewalt und den Verlust weiterer Menschenleben" abzuwenden. Die US-Botschaft in Bangkok bot den Angehörigen ihrer Mitarbeiter an, sie aus der Stadt zu evakuieren. Außerdem wurden alle US-Bürger vor Reisen nach Bangkok gewarnt, wie eine Botschaftssprecherin sagte.

Vermittlung gescheitert

Die Eskalation begann, nachdem die Demonstranten nach einem schon sicher geglaubten Kompromiss zur Lösung der Krise ihren Protest doch nicht aufgaben. Regierungschef Abhisit Vejjajiva zog sein Angebot von vorgezogenen Wahlen im November zurück und ordnete einen neuen Einsatz der Armee an. Bei dem Versuch vom 10. April, die Demonstranten gewaltsam zu vertreiben, waren 25 Menschen ums Leben gekommen und 800 verletzt worden.

Die Regierungsgegner werfen Ministerpräsident Abhisit vor, allein im Dienste der Eliten zu stehen, und fordern seinen Rücktritt und Neuwahlen. Sie sind Anhänger des 2006 gestürzten Ministerpräsident Thaksin Shinawatra.

Angesichts der schweren Auseinandersetzungen rät das Auswärtige Amt von Reisen nach Bangkok "dringend" ab. Die Ratschläge des Amts:

  • Die thailändische Regierung hat den Ausnahmezustand für die Hauptstadt Bangkok und die umliegenden Provinzen auf weitere Regionen im Norden und Nordosten des Landes ausgeweitet. Von nicht unbedingt erforderlichen Reisen in diese Provinzen rät das Auswärtige Amt ab.
  • Die Nutzung des Bangkoker Flughafens insbesondere als Transitflughafen für Flüge innerhalb Thailands oder ins Ausland ist laut dem Auswärtigen Amt derzeit nicht beeinträchtigt.

Mehrere Reisebüros - unter ihnen Dertour, TUI und Meiers Weltreisen - boten für Reisen nach Nordthailand oder Reisen mit einem Aufenthalt in Bangkok kostenlose Umbuchungen oder Stornierungen an. Der Veranstalter Thomas Cook sagte gleich bis Ende Mai alle Reisen in die thailändische Hauptstadt ab.

lis/mmq/apn/dpa/Reuters



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insgesamt 1447 Beiträge
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oberhesse 07.04.2010
1. Tragisch
Oberschicht gegen Unterschicht, Thaksin-treue Landbevölkerung gegen die besitzende Klasse der Städte. Und ein politisch gelähmtes Land weil der einzige, der bei allen Seiten Respekt und Anerkennung genießt, der greise König alt, krank und schwach ist und offensichtlich nicht mehr fähig, einzugreifen. Eine allseits akzeptierte Nachfolge ist nicht in Sicht, der Thronfolger wird in der Bevölkerungsmehrheit ob seines Lebenswandels abgelehnt, hinzu kommen Gerüchte über Aids und/oder Drogenabhängigkeit; Die Tochter, allseits beliebt und akzeptiert darf aus rechtlichen Gründen die Thronfolge nicht antreten. Nicht zu vergessen, dass es nach herrschender Volksmeinung keinen Rama X geben kann - die Dynastie endet bei IX. Daher wird Thailand wohl auf Dauer ein Unruheherd bleiben, es sei denn es wandelt sich in eine "parlamentarische Diktatur" - sprich es gibt ein Parlament, eine Regierung eine Opposition, das letzte Wort hat jedoch das Militär. Was also bleibt letztlich für Thailand? Möglicherweise die Erkenntnis, dass es ebensowenig wie andere Staaten für eine Demokratie westlicher Prägung geeignet ist.
Asiat 07.04.2010
2. Nicht so dramatisch!
Wer an Thailand interessiert ist und nicht vor Ort ist, sollte immer mal in www.nationnmultimedia.com und auch www.bangkokpost.com reinsehen. Bei der Nation ist Tulsathit Taptim ein sehr genauer Beobachter. Bei der Bangkok Post kann kommentiert werden.
Johann43, 07.04.2010
3. Einseitig!
Zitat von AsiatWer an Thailand interessiert ist und nicht vor Ort ist, sollte immer mal in www.nationnmultimedia.com und auch www.bangkokpost.com reinsehen. Bei der Nation ist Tulsathit Taptim ein sehr genauer Beobachter. Bei der Bangkok Post kann kommentiert werden.
Einen schlechteren Tipp kann man wohl nicht geben, denn eine neutrale Berichterstattung ist von diesen Medien sicher nicht zu bekommen, da sie ganz klar, um es vorsichtig auszudrücken, regierungsfreundlich sind. Das wäre ebenso, wenn man den Sender der "Roten" oder "ASTV" angeben würde. Wirklich neutrale Quellen in Thailand gibt es zur Zeit nur sehr wenige, vielleicht der ein oder andere Blogger. Gruß Johann Schumacher
mcleinn 07.04.2010
4. Falsche Spur
>Was also bleibt letztlich für Thailand? Möglicherweise die >Erkenntnis, dass es ebensowenig wie andere Staaten für eine >Demokratie westlicher Prägung geeignet ist. Westlich oder östliche (gelenkte?) Demokratie - das führt auf die falsche Spur. Thailand litt in den letzten Jahren nicht an "westlicher" Demokratie, sondern vor allem an Demokratie*defiziten*, ob nun Korruption unter Thaksin oder zweifelhafte Legitimation der letzten nach-Putsch-Regierung. Die Erkenntnis kann nur im Dialog und friedlichem Interessensausgleich zwischen den verschiedenen Bevölkerungsschichten liegen, ohne Vorbedingungen und Machtspiele. Ein Prozess, wie in viele Länder in der Vergangenheit durchmachen mussten, unabhängig von ihrer Lage auf dem Globus. Hoffen wir, dass sich auch in Thailand der Pragmatismus durchsetzt.
24moskito 07.04.2010
5. kein Ende absehbar
Zitat von AsiatWer an Thailand interessiert ist und nicht vor Ort ist, sollte immer mal in www.nationnmultimedia.com und auch www.bangkokpost.com reinsehen. Bei der Nation ist Tulsathit Taptim ein sehr genauer Beobachter. Bei der Bangkok Post kann kommentiert werden.
wobei man nicht vergessen sollte zu erwähnen das die NATION der deutschen BLÖD Zeitung schon sehr ähnlich kommt. Es wird oft vergessen das Thailand keine Demokratie ist, der derzeitige Premier wurde auch nicht vom Volk gewählt, sondern von der Militärregierung die durch einen Putsch an die Macht kam während der vom Volk gewählte ehemalige Premier Thaksin im Ausland war. Leider hat Mr. Thaksin es wohl etwas übertrieben, d.h. sich zu offensichtlich die Taschen gefüllt und ist in kurzer Zeit zu einem der reichsten Männer der Welt aufgestiegen. Bei einem Strafverfahren in Abwesenheit wurde er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und ist sozusagen auf der Flucht im Ausland. Vor einem Monat wurde zudem noch ein grosser Teil seines Milliardenvermögens beschlagnahmt. Wie auch immer, Thailand wird auf absehbare Zeit nicht zur Ruhe kommen und im Prinzip ist es auch völlig wurst wer an der Regierung ist, die "anderen" werden immer wieder auf die Strasse gehen
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