Tote in Tibet Entsetzen über Eskalation - Bush attackiert China

Tote und Verletzte beim Aufstand gegen die Besatzer: Brutal wie seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr spitzt sich der Tibet-Konflikt zu. Die EU warnt China vor dem Einsatz von Gewalt, US-Präsident Bush reagiert alarmiert - das kommunistische Regime hat im Olympia-Jahr plötzlich ein Problem.

Von , Peking


Washington/Berlin/Peking - Das Entsetzen in der westlichen Welt über die Eskalation in Tibet ist groß. Die EU rief die chinesische Führung nur Stunden nach den Kämpfen in der Hauptstadt Lhasa zu Besonnenheit auf: "Wir haben appelliert, das Gespräch mit den Repräsentanten der Tibeter zu suchen, um zu einer Beilegung der aktuellen Streitigkeiten zu kommen", sagte der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) nach Ende des EU-Gipfels. Die Lage gehöre genau aufgeklärt.

US-Präsident George W. Bush forderte die chinesische Führung zum Dialog mit dem religiösen Oberhaupt der Tibeter auf, dem Dalai Lama. Der Vizesprecher des Weißen Hauses, Tony Fratto, sagte, man erwarte Respekt für die Kultur der Tibeter und die Unterschiedlichkeit der Volksgruppen in der chinesischen Gesellschaft. Die USA bedauerten die Spannungen zwischen ethnischen Gruppen und der Staatsführung.

Auch die Vereinten Nationen schalteten sich ein: Louise Arbour, Uno-Hochkommissarin für Menschenrechte, äußerte sich besorgt über die Gewalt in Tibet und forderte China auf, den Tibetern das Recht auf friedliche Demonstrationen und freie Meinungsäußerung zu gewähren. Arbour verlangte von China, "jeden überzogenen Einsatz von Gewalt" zu unterlassen.

Bei den Auseinandersetzungen zwischen chinesischen Sicherheitskräften und Tibetern kamen heute in der Hauptstadt Lhasa mindestens zwei Menschen ums Leben. Die chinesischen Einsatzkräfte hätten auf die Menschen geschossen und Tränengas eingesetzt, berichtete der US-finanzierte Sender Free Asia (RFA). Es waren die heftigsten Auseinandersetzungen in Lhasa seit 1989. Damals hatte der Parteichef der Autonomen Region Chinas, Hu Jintao, die bewaffnete Volkspolizei auf Demonstranten schießen lassen. Heute ist Hu der chinesische Staats- und Parteichef - er wird nun von seiner Vergangenheit eingeholt.

Auslöser der aktuellen Proteste war der 49. Jahrestag eines Aufstandes gegen die chinesische Armee - 1959 war der Dalai Lama aus seinem Sommerpalast als Soldat verkleidet über die Grenze nach Indien geflohen. Offenbar waren bei der ersten kleinen Kundgebung am Montag mehrere Mönche festgenommen worden. Daraufhin gingen Hunderte Geistliche auf die Straße. Die Mönche beklagten sich, so weit bekannt, über die sogenannte "Patriotische Erziehung", die Pflichtteil ihrer Ausbildung ist. Dabei müssen sie sich offensichtlich vom Dalai Lama distanzieren, der von den Tibetern trotz aller Propaganda nach wie vor hoch verehrt wird.

Der Dalai Lama rief heute die chinesische Führung auf, die brutale Gewalt gegen die tibetischen Demonstranten einzustellen. "Diese Proteste machen deutlich, wie tief die Abneigung gegen die jetzige Regierung verwurzelt ist", sagte er und appellierte an die chinesische Führung, auf Dialog zu setzen.

China wiederum warf dem Dalai Lama heute vor, verantwortlich für die Eskalation in Tibet zu sein. Er sei "Mastermind" des Konflikts. Die Regierung der autonomen Region Tibet habe erklärt, dass es genügend Belege dafür gebe, dass die "jüngste Sabotage in Lhasa von der Clique des Dalai Lama organisiert und geplant worden sei", schrieb die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua. Es sei zu Plünderungen und Gewaltausbrüchen gekommen, die die Bevölkerung in Gefahr gebracht hätten. Der Dalai Lama wies die Vorwürfe der chinesischen Führung zurück.

China bekämpft den Dalai Lama

Das kommunistische Regime versucht immer wieder, den Dalai Lama als "unverbesserlichen Separatisten und Verräter" hinzustellen. Tibeter, die ein Foto von ihm besitzen, riskieren Strafen. Gleichwohl verwahren viele Lamas sein Bild im Geheimen oder tragen es bei sich.

Der Dalai Lama hat vor wenigen Jahren seine Forderung nach Unabhängigkeit Tibets aufgegeben, das 1951 von chinesischen Truppen besetzt wurde. Stattdessen verlangt er größere kulturelle Autonomie - nicht nur in den Grenzen der heutigen Autonomen Region Tibets, sondern auch in traditionell tibetischen Regionen der Nachbarprovinzen. Dies wiederum legt ihm die Kommunistische Partei als Versuch aus, die Einheit und Souveränität Chinas zu untergraben.

Die neuen Spannungen zeigen, dass es der chinesischen Regierung in den vergangenen Jahren nicht gelungen ist, die politische Lage auf Dauer zu stabilisieren - trotz großen Drucks auf widerspenstige Geistliche und starken Kontrollen in den Klöstern.

Pekings Sorge um die Olympischen Spiele

Die Eskalation in Tibet bringt die chinesische Regierung in eine heikle Situation. Sollten die Mönche weiter marschieren und mehr Blut fließen, dürften die Stimmen nach einem Boykott der Olympischen Spiele im Sommer in Peking lauter werden.

Schon bald soll die Olympische Fackel durch Tibet getragen werden - bis hinauf auf den Mount Everest. Die Welt wird also wieder besonders aufmerksam auf die Heimat des Dalai Lamas schauen. Es ist zu erwarten, dass Polizei und Armee bis dahin die Repressionen gegen die Klöster verschärfen werden.

Der Dalai Lama hatte jüngst befürwortet, die Olympischen Spiele zu nutzen, um gewaltlos auf die Lage der Tibeter aufmerksam zu machen. Er fürchtet die Sinisierung seiner Heimat - tatsächlich sind führende Repräsentanten der Autonomen Region inzwischen Han-Chinesen, unter anderem der Parteichef. Auch die meisten Geschäfte in Lhasa werden von ihnen kontrolliert. Die Hauptstadt selbst hat längst den Charakter einer chinesischen Garnisonsstadt angenommen.

Die Nachrichtenlage ist unsicher, weil ausländische Journalisten nur mit Genehmigung der örtlichen Behörden nach Tibet einreisen dürfen. Chinas Medien berichteten bislang nicht über das Geschehen. Fernsehnachrichten der BBC über Tibet, die allerdings nur in den internationalen Hotels und in einigen Haushalten empfangen werden können, schalteten die Zensoren ab. Tibeter, die von Ausländern angerufen wurden, hatten Angst, über die Lage zu berichten.

Mit Material von dpa und Reuters



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