Tote Iran-Demonstrantin: Neda, die Ikone des Protests

Von Ulrike Putz, Beirut

Sie sinkt von einer Kugel getroffen zu Boden, wenige Minuten später ist sie tot: Ein im Internet kursierendes Video soll zeigen, wie eine iranische Demonstrantin Opfer eines Scharfschützen wird. Über Nacht ist die junge Frau namens Neda zum Symbol des Aufstands geworden.

Beirut - Es sind wackelige, verstörende Bilder: Eine junge Frau sinkt rückwärts auf den Asphalt einer Straße, die dunkle Blutlache unter ihrem Körper wird größer und größer. Männer knien neben der Frau, drücken auf ihren Brustkorb, schreien. Die Handy-Kamera, mit der das Video aufgenommen zu sein scheint, zoomt auf das Gesicht der Frau. Ihre Augäpfel rollen zur Seite, dann strömt Blut aus Mund und Nase. "Hab keine Angst Neda! Bleib bei mir, Neda, bleib bei mir!" schreit ein Mann, ein anderer ruft, "Such jemanden, der sie im Auto mitnimmt!" - dann reißt das Bild ab.

Eine Szene, die um die Welt geht: Die junge Frau hat der Brutalität des Regimes ein Gesicht gegeben Zur Großansicht
AFP

Eine Szene, die um die Welt geht: Die junge Frau hat der Brutalität des Regimes ein Gesicht gegeben

Ob der am Samstag ins Internet gestellte, nur knapp 40 Sekunden lange, Film tatsächlich wie behauptet den Tod einer jungen iranischen Demonstrantin zeigt, ist nicht festzustellen. Wie bei fasst allem Video- und Foto-Material, das in diesen Tagen aus Iran ins Netz gestellt wird, kann die Authentizität des Films nicht überprüft werden.

"Bleib bei mir, Neda!"

Doch auch wenn vielleicht nie klar sein wird, ob die Bilder tatsächlich den Tod eines Mädchens namens Neda zeigen, so ist sie trotzdem schon jetzt zur Ikone, zur Märtyrerin der Opposition in Iran geworden: Neda hat der Brutalität des Regimes ein blutüberströmtes Gesicht, einen Namen gegeben. "Ich bin Neda" ist über Nacht zum Slogan der Protestbewegung geworden.

Der Film tauchte am Samstag zuerst über die sozialen Netzwerke Facebook und Twitter im Internet auf. Sofort wurde er massiv weiterverbreitet. User-Gruppen machten es sich zur Aufgabe, YouTubes Versuche, den immens brutalen Film zu blockieren, auszuhebeln. Sie posteten den Clip immer und immer wieder, YouTubes Netzpolizei kam nicht mehr hinterher.

Die ersten Postings waren mit einem Kommentar versehen. Ein angeblicher Augenzeuge schildert darin, was sich zugetragen haben soll. Er gibt Details an, vermutlich, um seine Glaubwürdigkeit zu unterstreichen: Der Vorfall habe sich um 19.05 Uhr Ortszeit am Karekar-Boulevard, Ecke Khosravi-Straße und Salehi-Straße in Teheran ereignet.

Eine junge Frau, die zusammen mit ihrem Vater die Proteste beobachtet habe, sei von der Kugel eines Scharfschützen der Revolutionsgarde ins Herz getroffen worden. "Ich bin Arzt, also bin ich gerannt, um zu versuchen, sie zu retten", schreibt der Mann. Doch die Kugel sei im Burstkorb der jungen Frau explodiert, sie sei in weniger als zwei Minuten tot gewesen.

Die Jeanne d'Arc Irans

"Der Film wurde von meinem Freund aufgenommen, der neben mir stand", schreibt der Autor. "Bitte, lasst es die Welt wissen." Persischsprachige Internet-Nutzer stellten schnell eine Übersetzung dazu. Die Schreie "Bleib bei mir, Neda!" sollen von dem Vater der jungen Frau stammen.

Bereits Sonntagmorgen war "Neda" in der Rangfolge der weltweit meist kommentierten Themen auf Twitter auf Platz fünf gerutscht - Neda ist zur Jeanne d'Arc Irans geworden. "Es brauchte nur eine Kugel, um Neda zu töten. Es braucht nur eine Neda, um die iranische Tyrannei zu stoppen", schreiben Twitterer aus Teheran.

"Neda starb mit offenen Augen. Schande über die, die ihre Augen geschlossen halten", lauten andere Einträge. "Sie haben Neda getötet, aber nicht ihre Stimme." Im Laufe des Tages änderten Tausende User ihre Profil-Bilder im Gedenken an die junge Frau. "Ich bin Neda" oder "Für immer Neda" steht nun dort, wo bislang ihre Fotos zu sehen waren. Andere Badges zeigen ein gebrochenes Herz in der Protestfarbe Grün.

In Blogs - beispielsweise dem der "New York Times" - wird spekuliert, der Film könnte den Lauf der Geschichte ändern. Parallelen zu Bildern der islamischen Revolution werden gezogen: Der Film könnte genauso zu einem Symbol werden, wie die damals aufgenommenen - und inzwischen historischen -Bilder, die zeigen, wie Truppen des Schahs auf unbewaffnete Demonstranten schießen.

Republik Iran
Land
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Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt, beim Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.
Politik
dpa
Seit der Islamischen Revolution von 1979 haben der Revolutionsführer, aktuell Ajatollah Ali Chamenei, und der Wächterrat die größte Macht im Staat. Der Wächterrat kontrolliert die Kandidaten für Wahlen. Der Regierungschef ist der gewählte Präsident - seit 2005 Mahmud Ahmadinedschad.
Leute
Corbis
Iran hat rund 72 Millionen Einwohner. Auf dem Uno-Index menschlicher Entwicklung (HDI) für 179 Staaten belegt Iran Platz 84 (Deutschland ist auf Platz 22). Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 70 Jahren (zum Vergleich: Die Lebenserwartung in Deutschland liegt bei 79 Jahren).
Wirtschaft
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Die Wirtschaftsleistung pro Kopf betrug 2008 laut einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) rund 5200 Dollar. Begünstigt vom hohen Ölpreis wuchs die Wirtschaft zuletzt um etwa sechs Prozent. Neben der Arbeitslosenquote, die laut inoffiziellen Schätzungen bei etwa 30 Prozent liegt, ist die Inflation eines der größten wirtschaftlichen Probleme. 2008 soll sie bei fast 30 Prozent gelegen haben, für 2009 rechnet der IWF mit 25 Prozent. Im Jahr 2005 machten Teherans Ausgaben für das Militär laut Uno-Statistiken 5,8 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus (Deutschland: 1,4 Prozent).
Menschenrechte
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Nach China ist Iran das Land, in dem die meisten Todesurteile vollstreckt werden. Laut Amnesty International wurden 2009 mindestens 388 Menschen hingerichtet, das waren 42 Hinrichtungen mehr als im Vorjahr. Der Uno zufolge saßen 2007 pro 100.000 Einwohner 214 Menschen im Gefängnis (in Deutschland sind es 95). Korruption ist in Iran weit verbreitet. Auf dem weltweiten Index von Transparency International nimmt Iran 2009 bei 180 beobachteten Staaten den 168. Rang ein (Deutschland: 14).

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