Bluttat in Paris: Kurdinnen durch mehrere Kopfschüsse getötet

Der Fall erschüttert Frankreich, die Details der grausigen Tötung von drei Kurdinnen in Paris stellen die Ermittler vor Rätsel. Die PKK-Aktivistinnen wurden durch mehrere Schüsse in den Kopf getötet. Die Suche nach Täter und Hintermännern läuft auf Hochtouren.

Mord an Kurdinnen: Kopfschüsse in der Rue La Fayette Fotos
AFP

Paris - Es ist ein spektakulärer Fall, so grausam wie mysteriös. In der Nacht zum Donnerstag werden in der französischen Hauptstadt die Leichen von drei Frauen gefunden. Sie liegen in einem gesicherten Raum, durch Kopfschüsse getötet. Dann wird klar: Die Toten waren Mitglieder der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans PKK. Nun läuft die Spurensuche der Ermittler auf Hochtouren - ebenso wie das Rätseln über die mögliche politische Dimension des Dreifachmords.

Inzwischen haben sich die französische Anti-Terror-Polizei SDAT sowie die Anti-Terror-Einheit SAT der Kriminalpolizei in die Ermittlungen eingeschaltet. Was bisher klar ist:

  • Die drei Frauen befanden sich am Mittwochnachmittag allein in dem mit einem elektronischen Türschloss gesicherten Informationsbüro der PKK in der Rue La Fayette im zehnten Arrondissement. Ein Mitglied der kurdischen Gemeinschaft versuchte mehrfach vergeblich, die Frauen zu erreichen und fuhr daraufhin zu dem Büro. Die Person gelangte aber zunächst nicht in das Gebäude.

  • Mehrere andere Kurden, die sich ebenfalls Sorgen machten, kamen der Vereinigung der Kurdenverbände zufolge zu dem Gebäude und fanden an der Tür des Büros im ersten Obergeschoss Blutspuren. Als sie die Tür gegen 1 Uhr nachts aufbrachen, entdeckten sie die drei toten Frauen.

  • Ersten Autopsieergebnissen zufolge wurden die drei Frauen am Mittwochabend zwischen 18 und 19 Uhr erschossen.

  • Die Details sind schockierend: Einem der Opfer sei viermal in den Kopf geschossen worden, den anderen beiden Frauen je dreimal, verlautete am Freitag nach der Autopsie der Leichen aus Justizkreisen. Eine der getöteten Frauen habe zudem einen Bauchschuss erlitten. Am Tatort wurde dem Rundfunksender France Info zufolge ein Dutzend Patronenhülsen vom Kaliber 7,65 Millimeter gefunden. Unklar ist offenbar noch, ob die Schüsse aus einer oder aus mehreren Waffen abgefeuert wurden.

Unter Berufung auf "kurdische Quellen" erklärte die Vereinigung der Kurdenverbände in Frankreich, es seien Waffen mit Schalldämpfern verwendet worden. Ermittler sprechen von möglichen Hinrichtungsszenen in dem Hinterzimmer.

Nach der Bluttat werden nun mehrere Spuren verfolgt. Grundsätzlich deuten die Indizien darauf, dass es sich um eine Tat mit politischem Hintergrund handelt: Eines der Opfer, die 55-jährige Sakine Cansiz, war eine Mitbegründerin der PKK und galt als Vertraute Öcalans. Die 32-jährige Fidan Dogan war eine prominente Repräsentantin der Kurden in Frankreich. Über das dritte Opfer, Leyla Söylemez, hieß es laut dem französischen Rundfunksender RFI, dass ihr für die Zukunft eine wichtige Rolle in der Kurdenbewegung zugetraut wurde. Folgende Thesen sind im Umlauf:

  • Als möglich gilt demnach, dass es sich bei dem dreifachen Mord um einen Vergeltungsakt für die Verhandlungen zwischen der türkischen Regierung und dem inhaftierten kurdischen Rebellenchef Abdullah Öcalan handelt. Die türkische Regierung hatte erst vor wenigen Tagen bestätigt, dass es entsprechende Friedensgespräche gebe. Die Mörder könnten damit Öcalan und anderen PKK-Führern verdeutlichen wollen, dass weitere Gespräche mit der türkischen Regierung für sie lebensgefährlich sind.

  • Einer anderen Hypothese zufolge könnten hinter der Tat die sogenannten Grauen Wölfe stecken, Mitglieder der rechtsextremen türkischen Partei der nationalistischen Bewegung MHP. Die Grauen Wölfe hatten in den siebziger und achtziger Jahren das militärische Vorgehen der türkischen Regierung gegen die PKK unterstützt.

  • Ebenso wird nicht ausgeschlossen, dass es sich bei dem Attentat um eine interne Abrechnung handelte. Offenbar gibt es seit längerer Zeit Rivalitäten zwischen unterschiedlichen kurdischen Gruppierungen in Paris.

Die These von einem "Insider-Job" vertritt auch der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan: "Die drei Personen haben die Tür aufgemacht. Zweifellos machen sie das nur bei Leuten, die sie kennen", sagte Erdogan am Freitag der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur. Dieser müsse dann auch der Täter gewesen sein, erklärte der Politiker an Bord eines Flugzeugs auf der Rückreise aus dem Senegal.

Man müsse zwar die weiteren Ermittlungen der Polizei abwarten. Es sei jedoch durchaus möglich, dass die Bluttat die Friedensverhandlungen zwischen der türkischen Regierung und der PKK torpediert. Tatsächlich droht ein Rückschlag für die Gespräche. Dabei hatten diese Gespräche verheißungsvoll angefangen. Am 28. Dezember hatte Erdogan in einem TV-Interview durchblicken lassen, dass seine Regierung nach einer längeren Unterbrechung wieder begonnen habe, mit dem auf der Marmara-Insel Imrali in Isolationshaft festgehaltenen Öcalan zu reden.

Kurz darauf enthüllte ein enger Berater von Erdogan, dass sogar der Chef des türkischen Geheimdienstes MIT, Hakan Fidan, am 23. und 24. Dezember zwei Tage auf Imrali verbracht hatte, um ausführlich mit Öcalan zu reden. Die Hoffnungen auf eine Annäherung waren nach diesen Entwicklungen groß gewesen - bis zu den Morden vom Mittwochabend.

jok/hen/dpa/AFP

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insgesamt 17 Beiträge
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1. was
martin-z. 11.01.2013
ich überhaupt nicht verstehe ist, warum die türkei so macht, als ob eine friedenslösung mit der pkk kurz bevor stände. nur weil man mit dem abgehalfterten öcalan spricht?! in der pkk haben längst neue radikalere kräfte das kommando übernommen, die im leben nicht daran denken, frieden mit der türkei zu schliessen. ergebnis 2012 = 700 tote auf beiden seiten. der konflikt wird erst zur ruhe kommen wenn ein unabhängiges grosskurdistan existiert.
2. optional
20099 11.01.2013
In der EU und auch in Frankreich ist die PKK als terroristische Vereinigung eingestuft! Warum unterhält die dann mitten in Paris ein "Informationsbüro"?
3. Ein
großvisionaer 11.01.2013
unabhängiges Grosskurdistan wird es nie geben. Die Kurden insbesondere die PKK ist zerstritten. Während die ideologischen Führer wohl von einem Kurdistan träumen, sind die Kämpfer vor Ort, mehr auf Ihre eigenen Bedürfnisse aus. (Drogenhandel, Waffenhandel und Erpressung). # Der Öcalan ist nur noch Symbolfigur, aber das sagen habne längst radikale. Ich finde es auch gut das die PKK in Brd verboten ist. Die Türkei gerade unter Erdogan hat sehr viel dafür getan das es den Kurden wesentlich besser geht als vor 10 Jahren.
4. Ein
großvisionaer 11.01.2013
unabhängiges Grosskurdistan wird es nie geben. Die Kurden insbesondere die PKK ist zerstritten. Während die ideologischen Führer wohl von einem Kurdistan träumen, sind die Kämpfer vor Ort, mehr auf Ihre eigenen Bedürfnisse aus. (Drogenhandel, Waffenhandel und Erpressung). Der Öcalan ist nur noch Symbolfigur, aber das sagen habne längst radikale. Ich finde es auch gut das die PKK in Brd verboten ist. Die Türkei gerade unter Erdogan hat sehr viel dafür getan das es den Kurden wesentlich besser geht als vor 10 Jahren.
5. Nachdem
Lemmi42 11.01.2013
bisherigen Verhalten des Erdoganregimes tippe ich auf den türkischen Geheimdienst,die Türkei ist an einen Frieden mit den Kurten so interessiert wie ein anderes Regime im Nahen Osten.
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