Obama und die Opfer des Drohnenkriegs "Fehler, manchmal tödliche Fehler"

Bei einem Anti-Terror-Einsatz im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet kam eine US-Geisel ums Leben. Die Tragödie wirft ein Schlaglicht auf die Widersprüchlichkeiten von Obamas Drohnenkrieg - und auf seine vielen zivilen Opfer.

US-Präsident Obama: "Nebel des Krieges"
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US-Präsident Obama: "Nebel des Krieges"

Von , Washington


Wer in einem Dilemma steckt, der muss zwischen ähnlich schwierigen Wegen wählen. Es gibt keine Garantie, dass die eine Variante besser ist als die andere. Oft sind beide gleichermaßen schlecht.

Barack Obama steckt in einem solchen Dilemma.

Entweder führt er einen Drohnenkrieg gegen al-Qaida und Co. und nimmt damit in Kauf, dass immer wieder unschuldige Zivilisten sterben und der Anti-Amerikanismus in den betroffenen Regionen immer wieder aufs Neue befeuert wird. Oder er verzichtet auf Drohneneinsätze und riskiert Anschläge, etwa in Europa und den USA.

Erneut schmerzhaft bewusst geworden ist den Amerikanern dieses Dilemma am Donnerstag, als Obama eingestehen musste, dass bei einer Anti-Terror-Operation im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet zwei westliche Geisel umgekommen sind: der US-Bürger Warren Weinstein und der Italiener Giovanni Lo Porto, beide Entwicklungshelfer, der eine seit 2011, der andere seit 2012 in der Gewalt der Terroristen. Lo Porto arbeitete für die Welthungerhilfe.

Es ist, soweit man weiß, das erste Mal, dass ein US-Zivilist Opfer von Obamas Drohnenkrieg geworden ist. Den Berechnungen des Fachblogs "The Long War Journal" zufolge sind neben 2755 getöteten Terroristen bisher insgesamt 156 Zivilisten in Pakistan durch US-Drohneneinsätze gestorben. Ist das die korrekte Zahl? Ist das zu konservativ gerechnet? Unklar, denn offizielle Informationen gibt es nicht.

Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt

Wie viele Anschläge hat Obama verhindern können? Wie viele Menschenleben hat er retten können? Hat er zu diesem Zwecke das Recht, den Tod Unbeteiligter in Kauf zu nehmen? Das sind Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt.

Obama spricht am Donnerstag von "tiefer Trauer" und einem "Fehler", für den er im Namen der Regierung die Verantwortung übernehme. "Hunderte Stunden" habe man den Ort des Angriffs zuvor überwacht und keinen Hinweis auf die Geiseln gefunden. Dass es sich bei der Aktion im Januar um einen von der CIA geführten Drohnenschlag handelt, das sagt der US-Präsident nicht explizit. Aber wohl genau darum geht es hier.

Obama artikuliert sein Dilemma so: Seit den Anschlägen von 9/11 seien durch Amerikas Vorgehen terroristische Attacken verhindert und unschuldige Leben gerettet worden, "sowohl hier in Amerika als auch rund um die Welt". Einerseits. Dann, andererseits, spricht Obama über den "Nebel des Krieges", in dem "Fehler, manchmal tödliche Fehler" geschehen könnten.

So hat man einen US-Präsidenten selten reden gehört. Obama gibt sich demütig. Seine Schlussfolgerung: Es soll eine Untersuchung geben, er werde alles tun, um den Tod Unschuldiger zu vermeiden - "nicht nur unschuldiger Amerikaner, sondern allen unschuldigen Lebens".

Das zielt auf die Kritiker des von ihm insbesondere in seinen ersten Amtsjahren entfesselten Drohnenkriegs. Deren zentrales Gegenargument: Durch das Leid, das die unvermittelten Angriffe über die Zivilbevölkerung in Pakistan, im Jemen oder Somalia bringen, schaffen die USA für jeden getöteten Terror-Funktionär doch immer wieder nur neue Feinde.

Neue Phase des Drohnenkriegs

Obama hat die Drohnenangriffe in den letzten Jahren deutlich reduziert: Gab es zum Beispiel in Pakistan laut "The Long War Journal" im Jahr 2010 noch 117 Schläge, so waren es im vergangenen Jahr 24 und sind es in diesem Jahr bisher fünf. Im Mai 2013 leitete der US-Präsident eine "neue Phase" im Kampf gegen den Terror ein: Der Drohnenkrieg soll außerhalb von Kriegsgebieten nur noch eingeschränkt geführt werden. Obama formulierte damals erstmals öffentlich Richtlinien:

  • ein Angriff soll nur unternommen werden, wenn die Zielperson nicht festgesetzt werden kann;

  • außerhalb Afghanistans dürfen allein al-Qaida-Mitglieder oder ihre Verbündeten getötet werden;

  • zivile Opfer müssen nahezu ausgeschlossen werden können;

  • Drohnenattacken dürfen nicht der Bestrafung dienen, eine "anhaltende und akute Bedrohung" muss gegeben sein;

  • kein Präsident soll jemals bewaffnete Drohnen über US-Gebiet einsetzen.

Bei dem Drohnenangriff auf den al-Qaida-Stützpunkt im Januar, bei dem die Geiseln Weinstein und Lo Porto starben, wurde der Qaida-Anführer Ahmed Farouq getötet; bei einem späteren Schlag kam zudem Qaida-Sprecher Adam Gadahn ums Leben.

Farouq und Gadahn, die dem Weißen Haus zufolge nicht speziell ins Visier genommen wurden, waren US-Staatsbürger. Seit Jahren wird in den USA debattiert, ob der Präsident Amerikaner ohne Gerichtsverfahren töten lassen darf, Obama selbst hat dazu ebenfalls in seiner Grundsatzrede im Mai 2013 Stellung bezogen: Wenn ein US-Bürger im Ausland Krieg gegen Amerika führe und man ihn nicht festnehmen könne, "dann darf seine Staatsbürgerschaft nicht als Schutzschild dienen".

Obamas Regeln sollten Leitplanken sein für ein neues Feld der Kriegsführung, mehr Sicherheit und Transparenz bieten. Doch zum Wesensmerkmal des Drohnenkriegs gehören eben ganz unvermeidlich die Tragödien um zivile Opfer. Es war Barack Obama am Donnerstag anzusehen, wie sehr er mit dieser furchtbaren Verantwortung ringt.



insgesamt 51 Beiträge
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Seite 1
jasenoster 23.04.2015
1. Er er er
Sind wir mal ehrlich. Was heisst da er? Wir reden vom USA Militär. Obama=Willig ausführende HampelMannFigur. (leider) da ist nix dem Zufall überlassen und Mr. Obama nicht deren Erfinder! Also was soll das. Die Welt wird regiert von Mächten wie dem Öl, Pharma und Finanzmacht. So ist das und Obama ist nur ne Marionette in dem ganzen Spiel.... Leider
nic 23.04.2015
2.
"Entweder führt er einen Drohnenkrieg gegen al-Qaida und Co. und nimmt damit in Kauf, dass immer wieder unschuldige Zivilisten sterben und der Anti-Amerikanismus in den betroffenen Regionen immer wieder aufs Neue befeuert wird. Oder er verzichtet auf Drohneneinsätze und riskiert Anschläge, etwa in Europa und den USA." Man könnte natürlich auch nach den Ursachen des Terrorismus forschen. Da würde man aber eventuell wirtschaftliche Interessen der USA einschränken müssen. Dann schon lieber Drohnen und Kollateralschäden.
rotertraktor 23.04.2015
3.
Es wäre schön, wenn den fast schon alltäglichen afghanischen und pakistanischen unschuldigen "Kollateralschäden" auch nur einen Hauch der Aufmerksamkeit und Betroffenheit zuteil würde, die ein US-Opfer bei Politik und Medien zu generieren vermag.
irrenderstreiter 23.04.2015
4.
"Entweder führt er einen Drohnenkrieg gegen al-Qaida und Co. und nimmt damit in Kauf, dass immer wieder unschuldige Zivilisten sterben und der Anti-Amerikanismus in den betroffenen Regionen immer wieder aufs Neue befeuert wird. Oder er verzichtet auf Drohneneinsätze und riskiert Anschläge, etwa in Europa und den USA." - kann man so sehen, muss man aber nicht.
joG 23.04.2015
5. was aber will man tun....
....wenn gegen uns Anschläge geplant und organisiert werden aus fremdem Land? Warten bis ein grosser Anschlag wieder funktioniert? Ich frage mich wie man das sehen wird, wenn ein oder zwei tausend Deutsche Terroristen zum Opfergefallen sind.
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