Tote Zivilisten Wütende Afghanen protestieren gegen neue Nato-Panne

Erneut muss die Nato eingestehen, bei einem Einsatz in Afghanistan Zivilisten getötet zu haben: Vier Menschen starben bei Schüssen auf einen Überlandbus in Kandahar. Präsident Karzai ist empört, am Unglücksort kam es zu einer spontanen Demonstration.

Demonstranten in Kandahar: "Sie machen sich nichts aus dem Leben einfacher Menschen"
AP

Demonstranten in Kandahar: "Sie machen sich nichts aus dem Leben einfacher Menschen"


Kandahar/Kabul - Soldaten der Internationalen Afghanistan-Schutztruppe Isaf haben erneut Zivilisten getötet und damit scharfe Kritik der afghanischen Regierung ausgelöst. Die Nato-geführte Schutztruppe äußerte ihr "tiefes Bedauern" darüber, dass Soldaten vier Zivilisten töteten, als sie am Montag in der südafghanischen Provinz Kandahar auf einen Überlandbus schossen. Ein Ermittlerteam untersuche nun, wie es zu den fatalen Schüssen kommen konnte.

Präsident Hamid Karzai verurteilte den Zwischenfall. "Das Feuer auf einen Bus zu eröffnen, verstößt gegen die Zusage der Nato, das Leben von Zivilisten zu schützen und ist in keiner Weise zu rechtfertigen."

Nach Isaf-Angaben ist unter den vier Toten eine Frau. Der Sprecher der Provinzregierung, Salmai Ayoubi, sagte, 18 weitere Zivilisten seien verletzt worden, darunter Kinder und Frauen.

Die Isaf teilte mit, ein "unbekanntes großes Fahrzeug" sei vor Sonnenaufgang mit hohem Tempo auf eine Isaf-Patrouille zugefahren und habe trotz mehrerer Warnsignale nicht angehalten. Daraufhin hätten die Soldaten aus Angst vor einem Anschlag das Feuer eröffnet. Das Innenministerium teilte mit, der Bus sei auf der Schnellstraße von Kabul nach Herat unterwegs in die südwestafghanische Provinz Nimros gewesen.

Bei einer Demonstration wegen des Zwischenfalls skandierten mehr als 200 aufgebrachte Afghanen antiamerikanische Parolen. Die Demonstranten blockierten die Schnellstraße und verbrannten Reifen. Sie forderten die Regierung dazu auf, die Schützen zur Rechenschaft zu ziehen. "Das ist nicht das erste Mal, dass sie (die ausländischen Soldaten) unsere unschuldigen Landsleute töten", sagte ein Demonstrant namens Abdul Ghafur. "Sie machen sich nichts aus dem Leben einfacher Menschen."

Die Protestierenden warfen außerdem der Regierung Karzai vor, die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft zur ziehen. "Wir fordern Gerechtigkeit von der Karzai-Regierung, wir fordern die Bestrafung der Soldaten", sagte ein anderer Demonstrant. Karzai stammt selbst aus Kandahar.

Der Zwischenfall in Kandahar kommt zu einer Zeit, in der sich die Allianz in der Hochburg der radikalislamischen Taliban verstärkt um die Gunst der Bevölkerung bemüht. In Kürze soll dort eine Offensive gegen die Taliban gestartet werden.

Zivile Opfer bei ausländischen Militäroperationen sorgen für wachsenden Unmut bei den Afghanen. Karzais Kritik an der Nato hat deutlich zugenommen. Im vergangenen Jahr kostete der Konflikt nach Uno-Angaben mehr als 2400 Zivilisten das Leben, die meisten davon starben allerdings bei Anschlägen und Angriffen der Taliban.

Mehrere Verletzte bei Taliban-Überfall auf Geheimdienstbüro

Wenige Stunden nach dem Zwischenfall griffen drei Taliban-Kämpfer ein Regierungsgebäude in Kandahar-Stadt an. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE waren die Männer mit Sprengstoffwesten, Schusswaffen und Handgranaten bewaffnet.

Einer der Angreifer habe sich auf dem Dach des Gebäudes in die Luft gesprengt, direkt gegenüber vom Büro des Geheimdienstes NDS, sagte ein Polizeisprecher SPIEGEL ONLINE am Telefon. Ein zweiter sei von Sicherheitskräften erschossen worden, der dritte wurde verletzt festgenommen.

Nach Angaben der Polizei wurden bei der Attacke fünf Personen verletzt, die sich im gegenüberliegenden Gebäude befanden, von wo aus die Angreifer das Feuer auf das NDS-Büro eröffneten. Die afghanische Armee untersucht den Vorfall nun.

ffr/dpa/apn/Mitarbeit: Shoib Najafizada



Forum - Was ist die richtige Strategie für Afghanistan?
insgesamt 5467 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
SaT 08.11.2009
1. abziehen oder ewig weiterkämpfen
Wieso siegen? Da keine Kriegsziele existieren kann man im Grunde weder gewinnen oder verlieren sondern nur abziehen oder ewig weiterkämpfen. Vorschlag: wir erklären uns zum moralischen Sieger und ziehen mehr oder weniger geordnet ab. Dem korrupten Karzeiclan, Warlords und die Drogenbarone unserer Wahl geben wir halt soviel Waffen, dass die das Thema Taliban alleine in den Griff bekommen. Wir überlassen Afghanistan den Afghanen und kümmern uns endlich um unsere eigenen Probleme – davon gibt es genug.
Ökopit 08.11.2009
2. Westlich und Islam ...
Zitat von sysopZweifelhafte Präsidentschaftswahlen, ständig neue Angriffe der Taliban, umstrittene Bombardements - mit welcher Strategie können die westlichen Alliierten in Afghanistan siegen?
... schließt sich naturgegeben aus! Die beste Strategie in Afghanistan wäre ein kompletter (und sofortiger) Rückzug des Westens - nicht nur der Truppen, auch aller zivilen "Möchtegern-Helfer" und natürlich der Krämerseelen! Nur, das geht leider "geostrategisch" nicht, denn wer "die Passhöhen des Hindukusch" beherrscht, kann, wenn er will, ganz Asien beherrschen! Die Engländer haben das im 19. Jahrhundert nicht geschafft, die Sowjetunion ab 1980 auch nicht! Die Ami's und ihre Vasallen (leider gehört Deutschland dazu) versuchen das seit 2001! Ich gönn ihnen den Erfolg nicht!
ewspapst 08.11.2009
3. Nur Siegen?
Zitat von sysopZweifelhafte Präsidentschaftswahlen, ständig neue Angriffe der Taliban, umstrittene Bombardements - mit welcher Strategie können die westlichen Alliierten in Afghanistan siegen?
Hier das Ausgangsthema. Ist der Krieg in Afghanistan noch zu gewinnen? Natürlich ist der Krieg zu gewinnen. Haben Sie sich als Forist hier nicht die vielen Militärexperten, Generalsdoppel, Humanisten und göttergleiche Juristen, ja selbst Philosophen, die alle ein ungemein umfassendes und unbedingt richtiges Wissen mitbringen, angeschaut. Ihr Spezialwissen übertrumpft alle, denn das haben sie uns oft genug gesagt. Und warum sollen wir ihnen nicht glauben? Ihre Erkenntnisse erfüllen uns täglich mit staunen, ob der vielen Darbietungen. Sie alle wissen viel besser als die afghanische Bevölkerung, unter welchen Bedingungen dort gelebt werden soll und muss und bringen uns Unwissende alles haarklein nahe. Es ist doch ganz klar, dass die westliche Intelligenz viel klarer definieren kann, was gut und böse ist und was einem Paschtunen natürlich nicht möglich ist. Wie Wahlen zu werten sind, können doch nur die politisch vorgebildeten Nato - Angehörigen. Die westliche Welt hat über lange Zeit nur nach Recht und Gesetz gehandelt, nur um der Menschlichkeit willen und ist deshalb in der Lage, dieses Wissen und Handeln an die dritte Welt weiterzugeben, die dann ebenso handeln soll, ganz besonders die Afghanen. Haben Sie diesen Worten geglaubt? Natürlich, denn sie werden uns doch täglich ohne Unterbrechung frei Haus geliefert. Dann werden „Sie “ diesen Krieg auch gewinnen, „wir “ Ungläubigen dagegen nicht. Übrigens, warum haben die Russen, die Inder, die Pakistani, die Engländer, wieder die Russen und dann auch die Amerikaner die Kämpfe nicht gewonnen? Die genannten EXPERTEN werden es Ihnen mit vielen Worten und rechtsphilosophischen Erläuterungen sagen.
mark anton, 08.11.2009
4. Ist die Haltung der D Feigheit vor dem Feinde?
oder wie wuerde man es bezeichnen koennen? Auch wenn der Ausgang in Afghanistan wegen der vielseitig unguenstigen und unueberbrueckbaren Problemen negativ ist, haette man als Verbuendeter seine Verpflichtungen nachkommen muessen. Was, wenn D einmal Verbuendete braucht - die Nato koennte dann auch sagen, wir erinnern uns an Kunduz und verhalten uns ebenso.
Stahlengel77, 08.11.2009
5.
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,660064,00.html Na prima. Das US-Militär operiert in dem von der Bundeswehr kontrollierten Bereich zusammen mit afghanischer Miliz. Wir können an fünf Fingern abzählen, was das für unsere Soldaten bedeutet: Weitere Destabilisierung, die Taliban werden mehr Zulauf bekommen und wie das bei den Paschtunen so ist, wird die Blutrache ausgerufen und dann wird nicht mehr unterschieden, welches Nationalitätenzeichen auf einer Uniform prangt. Es steht außer Zweifel, das wir mit vermehrten Anschlägen und Angriffen auf unsere Soldaten rechnen müssen nach der Offensive. Und wenn die von der Bundeswehr besetzte Region durch die US-Militärs so richtig aufgemischt wurde, wird eine Aufstockung des Mandats notwendig sein. Ob es dafür eine Mehrheit im Bundestag gibt, wenn auch endlich offiziell von einem Krieg gesprochen wird, ist fraglich. Am Ende werden unsere Soldaten in Afghanistan alleine gelassen, wenn sie das nicht schon sind. Wenn ich von Soldaten, die aus dem Einsatz kommen, hören muss, das sie sich ihre Ausrüstung immer noch selbst kaufen müssen, das sie unter schwierigsten Bedingungen mit unzureichendem Material ihren Aufgaben nachkommen müssen, das die Bevölkerung ihnen weitgehend feindlich gesonnen ist und sie quasi mitanschauen müssen, wie Warlords unbehelligt ihren Opiumanbau vorantreiben und damit enorme Gewinne erzielen (und dagegen nicht vorgegangen wird), da fragt man sich wirklich: Was haben wir dort überhaupt verloren? Die geplante Pipeline der Amerikaner schützen? Abortmücke am Hintern Chinas spielen? (Es ist längst bekannt, das die Taliban einen guten Teil ihrer Waffen aus China gesponsert bekommen) Noch heute bin ich der Meinung, das Struck, Fischer und Schröder juristisch zur Rechenschaft gezogen gehören, da sie deutsche Soldaten in einen Angriffskrieg der USA geschickt haben. In tausenden von Jahren hat niemand es geschafft, diese Region dauerhaft zu besetzen. Nur Wahnsinnige glauben, man könnte dort einen Krieg gewinnen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.