Totenschändung Afghanistan reagiert schockiert auf Skandal-Fotos

Die afghanische Regierung fürchtet gewaltsame Proteste nach der Totenschändung durch deutsche Gebirgsjäger: "Radikale Kräfte suchen geradezu nach solchen Situationen", sagt Wirtschaftsminister Amin Farhang zu SPIEGEL ONLINE. Er hoffe, dass Deutschlands Ruf im Land keinen Schaden nehme.

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Berlin - Der afghanische Wirtschaftsminister Amin Farhang erfuhr von den Bildern deutscher Soldaten mit einem Totenschädel in der Hand, als er auf dem Weg zu einer Dienstreise in die USA war. "Ich war von Abscheu und Ekel ergriffen, als ich die Fotos sah", sagte Farhang zu SPIEGEL ONLINE, "das ganze Land ist schockiert, von diesen Fotos zu hören. Moralisch ist diese Tat zutiefst zu verurteilen." Noch auf dem Weg zum Flughafen in der Hauptstadt Kabul hörte Farhang dann auch die ersten Meldungen im Radio über den Bundeswehr-Skandal.

Neben dem Schock über die mutmaßliche Toten-Schändung durch Bundeswehrsoldaten bemühte sich Farhang im Gespräch um eine ausgeglichene Sicht der Dinge. Er habe volles Vertrauen in die Untersuchungen der Bundeswehr und darin, dass die Verantwortlichen für die Tat bestraft würden. "Man darf den Vorwurf in keinem Fall auf die ganze Bundeswehr ausdehnen", sagte Farhang, "das sind einzelne Soldaten einer Truppe, die uns fünf Jahre immer geholfen hat und einen exzellenten Ruf im Land genießt". Dieser dürfe durch die Fotos nicht angekratzt werden.

Für die kommenden Tage befürchtet der Minister jedoch, die Bilder könnten heftige Reaktionen im Land auslösen. "Radikale Kräfte suchen geradezu nach solchen Situationen, um die Afghanen gegen die westlichen Truppen oder speziell gegen die Deutschen aufzuhetzen", sagte Farhang. Viele Afghanen hätten die Nachricht über die Verfehlungen der Soldaten vermutlich nur vom Hörensagen erfahren - die Bilder selbst sind bisher noch nicht in Afghanistan aufgetaucht. "Ich hoffe, dass die Afghanen ihre Sympathie für die Deutschen nicht verlieren werden, doch garantieren kann man das natürlich nicht", sagte der Minister, der viele Jahre in Deutschland gelebt hat.

Aus Erfahrung weiß die Regierung von Präsident Hamid Karsai, dass Bilder wie jene der deutschen Soldaten in Afghanistan unberechenbare Folgen haben können. Nur zu gut erinnern sich die afghanischen Sicherheitskräfte an die Ausschreitungen nach dem Streit um den Konvertiten Abdul Rahman. Nach Rahmans Wechsel zum Christentum wurde er zum Tode verurteilt, was internationale Proteste auslöste - dann brachte ihn die Uno in Sicherheit, was wiederum zu Demonstrantionen von Hunderten Menschen in Kabul führte. Radikale Islamisten hatten sie aufgestachelt.

Kenner des Landes erinnern sich außerdem noch gut an einen anderen Pressebericht, der im Mai 2005 gewaltige Unruhen auslöste. Damals hatte das US-Magazin "Newsweek" über vermeintliche Verunglimpfungen des Korans durch US-Soldaten geschrieben. Es dauerte eine Weile, bis die Nachricht nach Kabul durchsickerte. Dann aber gingen randalierende Gruppen auf die Straße, 15 Menschen starben bei den Protesten.

Ähnlich heftig waren die Reaktionen im vergangenen Mai, als ein Lastwagen der US-Armee in ein Zivilfahrzeug in Kabul raste. Der tödliche Unfall löste die schwersten anti-westlichen Unruhen seit dem Sturz der Taliban aus. Ein von Unruhestiftern aufgehetzter Mob zog einen Tag lang plündernd durch Kabul, griff auch Büros westlicher Hilfsorganisationen an und versetzte die internationale Helfer-Gemeinde in der sonst recht ruhigen Hauptstadt in Angst und Schrecken. Mindestens 20 Afghanen starben bei den Protesten.

Die Schutztruppe Isaf beobachtet schon deshalb genau, ob die Sicherheitslage nach der mutmaßlichen Totenschändung eskalieren könnte. "Es gibt Menschen, die sich nicht scheuen, mit Propaganda aufzuhetzen und Sachen aus dem Kontext zu reißen", warnte Isaf-Sprecher Luke Knittig. Die Truppe werde alles versuchen, um Spannungen zu verhindern.

Minister Farhang bleibt ebenfalls nur die Hoffnung: "Man muss jetzt abwarten, was passiert", sagte er zu SPIEGEL ONLINE, "für Afghanistan wären weitere Ausschreitungen sicherlich nicht gut".



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