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Totenschändung in Afghanistan: Tauschhandel mit makaberen Andenken

Die Totenschändung durch Soldaten der Bundeswehr in Afghanistan ist kein Einzelfall: Offenbar war ein Leichenfeld in der Nähe von Kabul mehrfach Ort von geschmacklosen Foto-Shootings. Soldaten mehrerer Nationen sollen daran beteiligt gewesen sein.

Berlin/Köln - Die "Leipziger Volkszeitung" berichtet, es habe in den vergangenen drei Jahren "offenbar mehrfach" Foto-Aktionen deutscher Soldaten mit Gebeinen gegeben. Die Zeitung beruft sich auf Bundeswehrkreise. Auch Soldaten anderer Nationen hätten sich in demonstrativer Pose gezeigt. Es habe sich bei den Foto-Aktionen "um eine Art Insider-Tipp unter einigen Soldaten" gehandelt, der auch an Soldaten anderer Nationen weitergereicht worden sei.

Neue Totenschädel-Fotos aus Afghanistan: Makabres Ritual im Wüstensand?
DDP

Neue Totenschädel-Fotos aus Afghanistan: Makabres Ritual im Wüstensand?

Ein Knochenfeld in der Nähe von Kabul - möglicherweise ein russisches Massengrab - soll Posier- und Fotostation für Soldaten der internationalen Schutztruppe Isaf gewesen sein. Das Verteidigungsministerium konnte den Bericht zunächst nicht bestätigen. Kenner der Szene gingen inzwischen von einem regen Handel mit derlei geschmacklosen Andenken aus, berichtete die "Leipziger Volkszeitung". In Szene-Kreisen sei von Beträgen um die 20.000 Euro als Honorar die Rede, die derlei optische Belege einbrächten. Aus dem Bericht ging allerdings nicht hervor, für welche Art "optische Belege" diese Summen gezahlt worden sein sollen.

Dem Fernsehsender RTL wurden neue Bilder zugespielt, die deutsche Soldaten in Posen mit einem Totenschädel zeigen. Auf einem der mit einer Digitalkamera aufgenommenen Bilder küsst ein Unteroffizier einen Schädel, der auf dem Bizeps seines linken Oberarms liegt. Hinter ihm schaut ein weiterer Soldat zu. Auf einem anderen Foto posiert ein Soldat vor einem Jeep der Isaf, auf dessen Fronthaube ebenfalls ein Totenschädel liegt.

Unmittelbar nach Erhalt sei das Bildmaterial zunächst dem Bundesverteidigungsministerium mit der Bitte um Prüfung und Stellungnahme vorgelegt worden. Die Authentizität der Fotos sei nach Sichtung nicht angezweifelt worden.

Bundeswehr-Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhahn
sprach auch angesichts der neu aufgetauchten Fotos weiter von Einzelfällen. "Es sind Einzelne, die eben fehlgeleitet sind und nicht verstanden haben, um was es geht", sagte er heute in der Fernsehsendung "RTL aktuell". Er glaube nicht, dass diese Taten in ein ganzes Einsatzkontingent hineingewirkt haben. "Es ist nicht zu fassen, dass es solche Menschen gibt und es ist außerordentlich entsetzlich, dass es solche Menschen in
unseren Reihen gibt", meinte Schneiderhahn. Diese Menschen würden gegen Moral und Anstand verstoßen und die untadelige Arbeit anderer gefährden.

Kein Zweifel an Authentizität

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums wird untersucht, ob es weitere Tatverdächtige gibt. Zudem soll im Rahmen der Ermittlungen geprüft werden, inwieweit Vorgesetzte Kenntnis von den Vorfällen hatten, sagte ein Ministeriumssprecher. In Bundeswehrkreisen wird nicht ausgeschlossen, dass es auch ein Versagen der direkten militärische Führung gab.

Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) versicherte derweil, die Täter sollten ihrer "gerechten Strafe" zugeführt werden. Für die aktiven Soldaten gelte: "Wer sich so verhält, der hat in der Bundeswehr keinen Platz." Der verteidigungspolitische Sprecher der Unions-Fraktion, Bernd Siebert (CDU), fügte hinzu, auch für andere an dem Vorfall Beteiligte, die aus dem aktiven Dienst ausgeschieden sind, solle es "keinen Spielraum und keinen Freiraum geben".

Der Bundestag hatte sich geschockt und empört über die bisher schon bekannt gewordenen Skandal-Fotos gezeigt. Die afghanische Regierung äußerte sich bestürzt über die Skandalfotos mit Bundeswehrsoldaten. Das Verhalten widerspreche islamischen Werten und der afghanischen Tradition, erklärte das Außenministerium in einer Stellungnahme. Die deutschen Behörden wurden aufgefordert, die Verantwortlichen zu bestrafen und sicherzustellen, dass sich so ein Vorfall nicht wiederholt. Der afghanische Handelsminister Armin Farhang schloss nicht aus, dass wie bei den Mohammed-Karikaturen die Empörung in seinem Land hochschlagen könnte.

Die Ermittlungen zu der Totenschändung durch deutsche Isaf- Soldaten werden künftig von der Staatsanwaltschaft München II geführt. Die Potsdamer Staatsanwaltschaft werde das Verfahren umgehend dorthin abgeben, da ein Beschuldigter aus dem Zuständigkeitsbereich der Münchner Staatsanwaltschaft identifiziert worden sei, sagte ein Sprecher. Insgesamt soll jetzt gegen sieben statt bisher sechs mögliche Beteiligte ermittelt werden.

kai/jaf/ddp/dpa/AP/Reuters

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