Totenschändung in Afghanistan "Wer nicht mitmachte, war ein Weichei"

Erstmals hat sich ein mutmaßlich beteiligter Soldat zu den in Afghanistan entstandenen Totenkopf-Fotos geäußert. Die geschändeten Schädel stammten nicht von einem Friedhof, sondern aus einer Kiesgrube bei Kabul, behauptet der anonyme Zeuge in einem Interview.


Berlin - Man müsse sich das Gelände "wie eine große Kiesgrube" vorstellen, sagte der Bundeswehrsoldat der "Bild"-Zeitung. Dort hätten Einheimische Lehm für Ziegel abgegraben - "dabei kamen diese ganzen Knochen raus". Es habe sich nicht um einen Friedhof oder eine Kultstätte gehandelt, behauptet der Mann, der auf der Patrouille dabei gewesen sein soll, auf der die am Mittwoch veröffentlichten Fotos im Jahr 2003 entstanden sein sollen.

Totenschändung in Afghanistan: Am Donnerstag tauchten neue Fotos auf
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Totenschändung in Afghanistan: Am Donnerstag tauchten neue Fotos auf

Der Patrouillenführer habe angewiesen, dass an der Grube gehalten werde. Es habe zwar keinen Gruppenzwang gegeben, sagte der Soldat. "Aber es war schon so: Wenn man das nicht mitmacht, heißt es: Du Weichei, was stellst du dich so an." Der Soldat beschrieb auch, wie die Fotos entstanden seien. "Es wurde dieser eine Schädel genommen. Zuerst hat man ihn hochgehalten und ein Foto gemacht. Dann wurde er aufs Fahrzeug montiert - bis zu dem Punkt, wo der eine sein Glied rausgeholt hat."

Auch Afghanen, die in der Grube Lehm für ihre Häuser geholt hätten, hätten "regelmäßig das Zeug umeinandergeworfen". Da die Einheimischen das nicht "als besonders schlimm" empfunden hätten, habe sich die Patrouille "auch nicht weiter etwas dabei gedacht". Auch ein anwesender Sprachmittler habe sich nicht für die Aufnahmen interessiert.

"Dumm gelaufen"

Als Grund für den empörenden Vorfall vermutet der Zeuge, dass durch den Einsatz in Afghanistan auch "die Hemmschwelle" heruntergesetzt gewesen sei. Es zerre an den Nerven, wenn sowohl Leute der eigenen Armee als auch der alliierten Truppen regelmäßig verletzt werden oder sterben. Zu seinen eigenen Empfindungen betonte er: "Dumm gelaufen, Blödsinn gemacht. Sollte man nicht tun. Ich hätte es besser damals auch nicht getan. Oder wäre besser nicht mit dabei gewesen." Er fügte hinzu: "Ein schlechtes Gewissen, denke ich, hatten sie alle."

Die Fotos seien bei den niedrigeren Dienstgraden durchaus bekannt gewesen. "Die fanden das teilweise lustig." Es sei jedoch definitiv nicht in Ordnung gewesen, sagte der Soldat.

Die "Leipziger Volkszeitung" berichtete indes dass das Gelände, auf dem die Fotos entstanden, mehrfach Ort von geschmackloser Foto-Shootings gewesen sein soll. Es habe in den vergangenen drei Jahren "offenbar mehrfach" Foto-Aktionen deutscher Soldaten mit Gebeinen gegeben. Die Zeitung beruft sich auf Bundeswehrkreise. Auch Soldaten anderer Nationen hätten sich in demonstrativer Pose gezeigt. Es habe sich bei den Foto-Aktionen "um eine Art Insider-Tipp unter einigen Soldaten" gehandelt, der auch an Soldaten anderer Nationen weitergereicht worden sei.

Die "Bild"-Zeitung hatte am Mittwoch Fotos veröffentlicht, auf denen deutsche Angehörige der Isaf-Schutztruppe mit einem Totenschädel in teils obszönen Gesten vor einer Kamera posierten. Die mutmaßliche Totenschändung war bei allen Parteien auf Abscheu gestoßen. Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) kündigte strafrechtliche und disziplinarische Konsequenzen an. Gestern tauchten auch beim Fernsehsender RTL weitere Aufnahmen auf. Diese sollen vom März 2004 stammen.

Bundeswehr-Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhahn spricht auch angesichts der neuen Fotos mit Totenschädeln weiterhin von Einzelfällen. "Es sind Einzelne, die eben fehlgeleitet sind und nicht verstanden haben, um was es geht", sagte Schneiderhahn gegenüber RTL. Er glaube nicht, dass diese Taten in ein ganzes Einsatzkontingent hineingewirkt haben. Der Sender zeigte Fotos, auf denen unter anderem ein Unteroffizier einen Schädel küsst, der auf dem Bizeps seines Oberarms liegt. Auf einem weiteren Bild war eine aus fünf Totenköpfen aufgeschichtete Pyramide zu sehen. Nach RTL-Angaben wurden die Fotos im März 2004 aufgenommen.

Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Reinhold Robbe (SPD), hat mit Enttäuschung auf die Vorfälle in Afghanistan reagiert. Alle Soldaten würden intensiv auf ihre Einsätze vorbereitet, sagte Robbe am Donnerstag im ZDF-"heute journal". Deswegen wüssten eigentlich auch alle, dass das Grundgesetz auch in den Einsatzgebieten der Bundeswehr gelte. Die Taten hätten nichts mit der "vernünftigen Arbeit" von 99,9 Prozent der deutschen Soldaten in aller Welt zu tun. Es müsse geklärt werden, was versäumt und wie der Stoff im Unterricht vermittelt worden sei.

phw/AFP/ddp/Reuters

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