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Rätselhafter Todesfall in Argentinien: Fingerabdruck am Geländer

Von Ariel Magnus, Buenos Aires

Ermittler am Tatort: Alberto Nisman wurde am 19. Januar tot in seiner Wohnung in Buenos Aires aufgefunden Zur Großansicht
AFP

Ermittler am Tatort: Alberto Nisman wurde am 19. Januar tot in seiner Wohnung in Buenos Aires aufgefunden

War es Mord? Erschossen lag der argentinische Staatsanwalt Alberto Nisman in seiner Wohnung - kurz bevor er Hintergründe eines Anschlags auf ein jüdisches Zentrum preisgeben wollte. Der Fall treibt die Menschen auf die Straße, sie wittern eine Verschwörung der Regierung.

Schon lange gab es in Argentinien keinen so friedlichen Dezember mehr: Ohne Demos, ohne Plünderungen. Dann kam der Januar - und der Tod des Staatsanwalts Nisman stürzte das Land in die turbulentesten Sommerferien, die man sich nur vorstellen kann.

Alberto Nisman war seit einem Jahrzehnt mit der Aufklärung des größten Terrorattentats in der Geschichte des Landes betraut: Er sollte herausfinden, wer für den Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA im Jahr 1994 verantwortlich war, bei dem fast hundert Menschen ums Leben gekommen sind.

Wenige Tage vor seinem Tod hatte Nisman schwerwiegende Vorwürfe gegen die Präsidentin Cristina Kirchner und ihren Außenminister Héctor Timerman erhoben. Nisman zufolge hätten die beiden einen Geheimpakt mit Iran geschlossen, um die Hintergründe des Anschlags zu vertuschen: Argentinien bekäme Öl und Geld, dafür würden die mutmaßlichen Drahtzieher des Attentats, heute hochrangige Geheimdienst- und Regierungsmitarbeiter in Iran, unbehelligt bleiben.

Der Staatsanwalt legte eine knapp 300 Seiten starke Anklageschrift vor und versorgte die Medien mit Abhörprotokollen, die seine Vorwürfe untermauern sollten.

Diese Vorwürfe schlugen ein wie eine Bombe - deren Zündschnur allerdings bereits im vermeintlich friedlichen Dezember gelegt worden war, als die Führung des berüchtigten Sekretariats für Innere Sicherheit (SI) ihren Rücktritt einreichte. Im Zuge dieses Führungswechsels musste auch der Geheimdienstmann Antonio Stiusso gehen. Dieser Agent mit dem Decknamen "Jaime", ein Abhör- und Überwachungsspezialist, war jahrzehntelang Chef der argentinischen Spionageabwehr gewesen. Bekannt wurde er in den Neunzigerjahren, als ein Politiker sein Foto im Fernsehen zeigte. Der Politiker lebt seither außer Landes. Bekannt war auch der Eifer, mit dem er den Staatsanwalt im Fall des AMIA-Attentats mit geheimen Informationen versorgte.

Stiusso wurde von Anfang an als Hintermann der plötzlichen Anklage gegen die Regierung vermutet, obwohl Nisman dies sofort zurückgewiesen hatte. Der Staatsanwalt berief sich vielmehr darauf, eine alte Spur verfolgt zu haben, die er früher als Verschwörungstheorie abgetan hatte. Zwischenzeitlich war aber eine Vereinbarung der argentinischen Regierung mit den Iranern bekannt geworden - gegen die Nisman und auch die Öffentlichkeit heftig protestierten.

Zweifel am Suizid

Dieser umstrittene Pakt wurde von der Regierung 2013 als der einzige Weg dargestellt, wieder Bewegung in den Fall AMIA zu bringen, nachdem die von Interpol ausgestellten Haftbefehle gegen die iranischen Hauptverdächtigen ohne Konsequenzen geblieben waren. Jetzt verpflichtete sich Iran, Verhöre im eigenen oder einem Drittland zuzulassen, auch wenn darauf keine Festnahme folgen könnte. Ohne Verhöre würde man niemals die Wahrheit erfahren, argumentierte Cristina Kirchner im Fernsehen, und das Parlament bestätigte ihre Meinung. Man könne den Prozess auch in Abwesenheit der Verdächtigen führen, meinte dagegen Nisman. Die Vereinbarung sei nur eine Strategie Irans, die Interpol-Haftbefehle außer Kraft zu setzen.

Dasselbe Ziel verfolgten die von Nisman jetzt enthüllten angeblichen Geheimverhandlungen: Das Attentat sollte einer lokalen faschistischen Zelle untergeschoben werden, damit die Geschäfte mit Iran reibungslos aufgenommen werden könnten. Als Beweis dafür dienen mehrere abgehörte Telefongespräche zwischen einem Funktionär, einem regierungsnahen pro-iranischen Aktivisten und einem oppositionellen Linken mit entsprechenden Repräsentanten Irans. Nisman, der um sein Leben fürchtete, wollte über seine Anzeige ausführlich am Montag vor dem Parlament berichten und Fragen beantworten. Dazu kam es bekanntermaßen nicht mehr. Keine 24 Stunden vor seinem Auftritt im Parlament wurde seine Leiche in einer Blutlache im Badezimmer seiner Luxuswohnung aufgefunden.

Zunächst deutete alles auf einen Suizid hin: Der Körper blockierte die Tür, die von innen verschlossen war, ebenso wie der Eingang der Wohnung. Es gab eine Pistole und eine Patronenhülse. Bei der Obduktion wurde die entsprechende Kugel im Kopf Nismans gefunden, eine Wunde in der rechten Schläfe - und kein Zeichen von Anwesenheit einer weiteren Person.

Bald traten jedoch Zweifel auf. Die Pistole gehörte nicht Nisman, sondern war ihm von einem Angestellten "zur Sicherheit" in seiner Wohnung übergeben worden. Es handelt sich dabei um eine kleinkalibrige Waffe, auf Spanisch "Katzen-Töter" genannt, die kaum zum Suizid taugt, geschweige denn für den Schutz einer Persönlichkeit, die zehn Polizisten als Leibwächter hatte und dazu in einem bewachten Gebäude im sichersten Luxusviertel der Stadt wohnte. Der Tote hinterließ keinen Abschiedsbrief, wohl aber eine Einkaufsliste für Dinge, die das Dienstmädchen am Montag besorgen sollte. Der Schuss fiel ohne Zeugen, niemand hatte etwas gehört. An der rechten Hand des Toten waren keine Schmauchspuren festzustellen. Eine Hintertür war doch nicht abgeschlossen - und man fand in einem Durchgang zur Nachbarwohnung einen frischen Fußabdruck und einen Fingerabdruck am Geländer.

Also Mord? Oder doch ein - wohl induzierter - Suizid?

Schwere Turbulenzen

Für die Regierung scheint festzustehen, dass Nisman von Ex-Geheimdienstlern benutzt wurde, um die Präsidentin zu verleumden - diese hätten ihn dann getötet. Nur so könne man sich seine überstürzte Rückkehr aus dem Urlaub erklären, um ein, wie das Umfeld Kirchners nahelegt, wahrscheinlich nicht von ihm selbst geschriebenes Dokument bei einem Richter einzureichen, der für den Fall eigentlich gar nicht zuständig gewesen sei.

Proteste in Buenos Aires nach dem Tod von Nisman: Wurde der Ermittler ermordet? Zur Großansicht
REUTERS

Proteste in Buenos Aires nach dem Tod von Nisman: Wurde der Ermittler ermordet?

Die Opposition hingegen vermutet ein Komplott der Regierung gegen Nisman, der sich womöglich kurz vor seiner Entlassung sah, nachdem vor kurzem eine neue (und höchst umstrittene) Generalstaatsanwältin eingesetzt worden war. Möglicherweise meinte er, sich mit seiner Anklage beeilen zu müssen, bevor er von dem Fall abgezogen wird. Sein Tod sei ein Beleg dafür, dass er auf der richtigen Spur war.

Um diese Vermutungen zu entkräften, hat die Regierung sofort die Identität ihrer Agenten freigegeben (damit sie in einem eventuellen Prozess aussagen können). Die Justiz ihrerseits hat die vollständige Anzeige Nismans im Internet veröffentlicht. So hat sich herausgestellt, dass die Quellen der Anklage keine offiziellen Agenten sind. Und dass die abgehörten Telefonate - jedenfalls auf den ersten Blick - keinen Geheimpakt auf Regierungsniveau beweisen.

Alberto Nisman war 2004 von dem verstorbenen Ex-Präsidenten und Gatten der aktuellen Präsidentin, Néstor Kirchner, für die explizit erwünschte Aufklärung des Falles AMIA eingesetzt worden. Unter dessen Regierung waren auch die Interpol-Haftbefehle gegen die mutmaßlichen iranischen Drahtzieher beantragt worden. Es heißt, der ehemalige Präsident habe ebenfalls ein Abkommen mit den Iranern erwogen - und verworfen. Seiner Nachfolgerin und Witwe Cristina, die bereits als Abgeordnete mit dem Fall zu tun hatte, bringt der Iran-Deal nur Ärger - und keinerlei Aufklärung.

Die Iraner haben das Abkommen nie umgesetzt, weil sie sich davon wohl keinen Gewinn versprachen - was annehmen lässt, dass die Verhöre der Verdächtigen möglicherweise doch die Frage hätten beantworten können, wer den Anschlag auf AMIA verübt und befohlen hat. Die schleppende oder auch absichtlich verschleppte Aufklärung hat nun noch ein Leben mehr gekostet - und die argentinische Regierung in schwere Turbulenzen gebracht. Dabei hat der Sommer gerade erst angefangen.

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Fotostrecke
Alberto Nisman: "Es könnte sein, dass ich wegen dieser Geschichte sterbe"

Fläche: 2.780.403 km²

Bevölkerung: 43,132 Mio.

Hauptstadt: Buenos Aires

Staats- und Regierungschef:
Mauricio Macri

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Zum Autor
  • Maximiliano Luna/Télam
    Ariel Magnus, geboren 1975 in Buenos Aires, ist ein argentinisch-deutscher Schriftsteller. Sein Roman "Ein Chinese auf dem Fahrrad", eine wilde Entführungsgeschichte im chinesischen Viertel von Buenos Aires, ist mit dem lateinamerikanischen Literaturpreis "La otra Orilla" ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt worden. Die deutsche Ausgabe liegt bei Kiepenheuer & Witsch vor. Magnus lebt in Buenos Aires.


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