Tod eines KSK-Soldaten Bundeswehr fürchtet Verrat durch afghanische Partner

Wie kam es zum Tod des Elitesoldaten Daniel W. Anfang Mai in Afghanistan? Eine Analyse der Bundeswehr offenbart nun die dramatischen Details des Einsatzes. Die ungeklärte Rolle, die afghanische Partner bei der Operation spielten, gefährdet die gesamte Zusammenarbeit.

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Berlin/Kabul - Die Aufarbeitung eines tödlichen Zwischenfalls bei einer gemeinsamen Operation des Kommandos Spezialkräfte (KSK) und der afghanischen Polizei Anfang Mai könnte dramatische Folgen haben. In der Bundeswehrführung wachsen die Zweifel, ob eine weitere Zusammenarbeit mit den afghanischen Sicherheitskräften möglich ist. Von Offizieren in Afghanistan und in Berlin heißt es nach dem Tod des Elitesoldaten in der Region Baghlan in Nordafghanistan, die Afghanen hätten sich entgegen der Absprachen zweimal aus den zunächst gemeinsam geführten Kämpfen zurückgezogen. Es wird nicht einmal mehr ausgeschlossen, dass die Taliban einen Tipp von den afghanischen Sicherheitskräften bekommen haben. Mitunter ist sogar von einer Falle die Rede.

Was sich am Nachmittag des 4. Mai in der Region Baghlan ereignete, war zunächst Routine. Per Notruf wandte sich eine Sondereinheit der afghanischen Polizei, die von KSK-Soldaten von einer Basis im Ort Kilagai ausgebildet wurde, an die deutschen Partner. Man sei bei einer Patrouille in der Nähe eines Flussübergangs bei der Ortschaft Zaman Khel in Not geraten. Aufständische würden die Polizei beschießen, schrien die Afghanen in ihre Mobiltelefone. Was sie von den Deutschen wollten, war klar. Die Spezialeinheiten vom KSK, ausgebildet im Nahkampf, sollten den Partnern helfen. Umgehend rückte eine kleine Gruppe von 17 KSK-Kämpfern aus, ein durchaus normaler Vorgang im Kampf gegen die Taliban.

Von der vielbeschworenen Partnerschaft, dem Kernstück der Zukunftspläne für die Zusammenarbeit zwischen den internationalen und afghanischen Truppen, war nach Aussagen von Offizieren danach jedoch nur noch wenig zu spüren. Kaum waren die KSK-Kämpfer am Ort des Gefechts angekommen, sollen sich die Afghanen ohne jede Absprache bis zu 700 Meter zurückgezogen haben, dabei feuerten sie wild in die Luft. Die Deutschen standen plötzlich am Rande eines dichten Walds allein im Kampf gegen mehrere versteckte Schützen, so die Beschreibungen der chaotischen Lage. Die unsichtbaren Gegner beschossen sie mit Maschinengewehrfeuer und Panzerfäusten.

Fataler Fehler

Per Funk forderten die deutschen Soldaten Luftunterstützung an. Allein, ohne die Hilfe von Kampfbombern hätten sie den Kampf wohl verloren. Also tauchten am Himmel zunächst zwei deutsche "Tiger"-Helikopter auf, sie feuerten mit Raketen auf die Stellungen der Gegner, später kamen noch Helikopter der US-Luftwaffe hinzu. Als das Feuer auf die deutschen Soldaten trotz der Raketen nicht abebbte, riefen die KSK-Soldaten beim Nato-Kommandostand um Hilfe. Dort entsandte man einen A-10-Kampfbomber. Dieser "Thunderbolt" warf einen regelrechten Bombenteppich über dem Waldstück ab.

Nachdem sich der Staub wieder gelegt hatte, blieb es zunächst ruhig. Die Nato-Piloten in der Luft spulten ihre Routineprotokolle ab. Nach jedem Bombenangriff der internationalen Einheiten müssen sie gemäß den Richtlinien aus Kabul Bilder von der Abwurfstelle schießen und prüfen, ob es zivile Opfer gibt. Da in dem dichten Wald nicht viel zu sehen war, setzten die US-Piloten eine Wärmebildkamera ein. Auf den Bildern der Sensoren war von den zwölf Taliban-Kämpfern jedoch nichts mehr zu sehen. Folglich entschlossen sich die KSK-Soldaten, den Tatort selbst anzusehen.

Diese Suchaktion erwies sich als fataler Fehler. Kaum waren die KSK-Soldaten an der Stelle angekommen, von der sie beschossen worden waren, bemerkten sie den Hinterhalt. Unter einer dicken Plastikplane hatte sich ein bewaffneter Angreifer versteckt. Die Plastikplane muss so dick gewesen sein, dass die Körperwärme des Mannes nicht auf den Sensorbildern des A-10-Bombers auszumachen war. Aus nächster Nähe feuerte er völlig überraschend auf den deutschen KSK-Soldaten Daniel W., der noch vor Ort verstarb. Bei einem seiner Kameraden durchschlug eine Kugel den Helm und verletzte ihn schwer. Nur durch Glück überlebte er.

Gezielter Hinterhalt?

Nach dem Angriff auf die Deutschen entbrannte ein neues Gefecht, die anfliegenden Rettungshubschrauber der US-Armee wurden mehrmals beschossen, am Boden stand auch das Team des KSK wieder im Feuerkampf. Fast eine Stunde dauerte es, bis der gefallene und der verletzte Soldat aus der Gefahrenzone herausgeflogen werden konnten. Auch in dieser Situation war bei der afghanischen Polizei offenbar wenig Solidarität zu spüren. Während die Deutschen kämpften, so ein Kenner der geheimen Einsatzberichte, hätten sich die Afghanen in Sicherheit gebracht und das Gefecht von dort aus beobachtet.

Die Nachlese des tödlichen Angriffs hat bei der Bundeswehr schwere Zweifel ausgelöst. Vor führenden Verteidigungspolitikern räumte kürzlich selbst der Generalinspekteur der Bundeswehr ein, dass man die Zusammenarbeit mit den Afghanen ganz neu überdenken müsse. Auch wenn gerade die von den Deutschen oder von den US-Spezialkräften ausgebildeten Einheiten als verlässlich gelten, hat der Rückzug aus den Kämpfen nicht nur die eingesetzten Soldaten, sondern auch die Ebene der Befehlshaber massiv verunsichert. "Wir mussten erneut lernen, dass wir uns nicht auf die Afghanen verlassen können", so ein Offizier in Nordafghanistan, "dabei sind wir ihnen in der Situation doch zur Hilfe geeilt".

Schwerwiegender noch ist der Verdacht, dass Mitglieder der afghanischen Polizei möglicherweise Hinweise an die Taliban gaben und die Deutschen gezielt in die schwer zu kontrollierende Waldgegend gelockt haben. Ein Taliban-Kämpfer berichtete SPIEGEL ONLINE, dass die Kämpfer "Berichte" bekommen hätten, dass sich die deutschen Soldaten auf den Weg zum Flussübergang gemacht hätten. Daraufhin hätte sich der Kommandeur Scheich Samer mit seinen Männern dorthin aufgemacht. Einer seiner Kämpfer habe sich unter der Plane versteckt und dort gewartet, bis er auf die Deutschen feuern konnte.

Bei der Bundeswehr wird der Verdacht eines gezielten Verrats nicht bestätigt. Er wird allerdings auch nicht ausgeschlossen. Intern ist von einer Überprüfung die Rede, wie man weiter mit den Afghanen kooperieren soll. Bei Notrufen der vermeintlichen Partner von den afghanischen Sicherheitskräften werde man jedoch in Zukunft genau prüfen, ob es sich nicht um einen gezielten Hinterhalt handelt.

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Seite 1
fuchs008 28.05.2013
1. Raus aus der NATO
Um in Zukunft nicht in solche Abenteuer wie den Afganistaneinsatz hineingezogen zu werden, sollte Dt. aus der NATO austreten. Jetzt ist es so, dass z.B. Frankreich oder die Türkei einen Auslandseinsatz vom Zaun brechen können und Dt. muss mitmachen (zumindest finanziell). Die Schweiz ist in keinem Militärbündnis und kommt trotzdem gut zurecht.
peddersen 28.05.2013
2.
...Diskutieren Sie über diesen Artikel! Ähhh, was soll man da diskutieren? Raus - sofort - alle. Wir haben da nichts zu suchen, verstehen nicht im Ansatz, wie die Leute ticken - und verbessern GARNIX. Ohne lösbare oder auch nur im Ansatz definierte Aufgabe kann man nur alles schlechter machen.
gollum 28.05.2013
3. Nato
Zitat von fuchs008Um in Zukunft nicht in solche Abenteuer wie den Afganistaneinsatz hineingezogen zu werden, sollte Dt. aus der NATO austreten. Jetzt ist es so, dass z.B. Frankreich oder die Türkei einen Auslandseinsatz vom Zaun brechen können und Dt. muss mitmachen (zumindest finanziell). Die Schweiz ist in keinem Militärbündnis und kommt trotzdem gut zurecht.
soweit würde ich nicht gehen, aber aus Afghanistan. Jetzt wird natürlich wieder die Frage nach Drohnen aufgeworfen werden. Solange wir uns auf die Afghanen nicht verlassen können brauchen wir Drohnen oder müssen abziehen. Es gibt keine andere Alternative, wies unsere Kanzlerin immer schon sagte.
Torkemada 28.05.2013
4. Verrat
Selbst wenn der Verrat und das "in die Falle locken" so offensichtlich ist wie jetzt gibt es noch Zweifel? Das kann nur politisch auf höchster Ebene so angeordnet sein. Der "Verteidigungs-"Minister am Hindukusch darf das nächste Mal persönlich vorangehen und den Afghanischen "Kameraden" zur Hilfe eilen. Wird er aber nicht er ist dann wohl in Brüssel oder Washington und holt sich seine Weisungen ab, während man sich im warmen Ministerium neue Sprachregelungen für "Verrat" ausdenkt.
dissidenz 28.05.2013
5. Na ja...
Zitat von fuchs008Um in Zukunft nicht in solche Abenteuer wie den Afganistaneinsatz hineingezogen zu werden, sollte Dt. aus der NATO austreten. Jetzt ist es so, dass z.B. Frankreich oder die Türkei einen Auslandseinsatz vom Zaun brechen können und Dt. muss mitmachen (zumindest finanziell). Die Schweiz ist in keinem Militärbündnis und kommt trotzdem gut zurecht.
.... ganz so einfach ist es leider auch nicht. Alle Staaten können nun einmal nicht auf Schweiz machen. Die ducken sich auch nur hinter dem Schild der nützlichen Idioten. Raus aus Afghanistan ja, dann aber komplett. Bitte auch keine humanitären Hilfsleistungen oder von Steuergeldern geförderten Sozialprojekte mehr. Keine Aufnahme irgendwelcher Flüchtlinge und bitte auch keine gefühlsduseligen Presseberichte mehr wie schlecht es doch den armen Frauen da gehen mag. Dann können Sie alle gern stramm ins Mittelalter marschieren.
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