Islamistische Terroristen: Die Gefahr der einsamen Wölfe

Von

Ein Mann wie Mohammed Merah ist der Alptraum für Europas Sicherheitsbehörden: Der mutmaßliche Attentäter von Toulouse passt ins Muster des "einsamen Wolfs". So nennen Geheimdienste Einzeltäter, die sich zum Terrornetzwerk al-Qaida bekennen, aber auf eigene Faust handeln.

Tatort in Montauban: Hier feuerte der Attentäter auf drei Soldaten Zur Großansicht
AFP

Tatort in Montauban: Hier feuerte der Attentäter auf drei Soldaten

In Toulouse herrscht Belagerungszustand: Der mutmaßliche Attentäter hat sich schwer bewaffnet seit Stunden in seiner Wohnung verschanzt. Polizisten haben das Gebäude umstellt, Tausende Menschen verfolgen die Szenen im Fernsehen (die Ereignisse im Liveticker hier).

Wer ist dieser Mohammed Merah, der sieben Menschen ermordet haben soll? Noch weiß man nicht viel über ihn, doch die ersten dürren Details lassen die Behörden nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa aufhorchen. Offenbar handelt es sich bei dem Mittzwanziger algerischer Herkunft um exakt den Tätertypen, den die Fahnder auch in Deutschland am meisten fürchten: den Einzeltäter. So sehr Polizei und Geheimdienste in den Jahren nach dem 11. September 2001 bei der Suche nach möglichen Terroristen aufgerüstet haben, so machtlos stehen sie diesem Tätertypen noch immer gegenüber.

Das fatale Beispiel für den Einzeltäter ist der erste erfolgreiche islamistische Anschlag in Deutschland im Frühjahr 2011. Aufgehetzt von einem Internetvideo, das angeblich die Vergewaltigung von muslimischen Frauen durch US-Soldaten zeigte, radikalisierte sich der junge Kosovare Arid Uka damals innerhalb von wenigen Tagen und beschaffte sich auf dem Schwarzmarkt eine Waffe. Wenig später passte er eine Gruppe von US-Soldaten auf dem Frankfurter Flughafen ab, fragte einen der GIs nach einer Zigarette - und zog dann seine Waffe. Er erschoss zwei Amerikaner, nur die Ladehemmung seiner Waffe verhinderte Schlimmeres.

Der BND warnt seit langem vor Einzeltätern

Der Fall Uka zeigt für die Behörden exemplarisch einen Täter, der aus dem "Nichts" kommt. Uka war zwar gläubig, aber keineswegs als radikal oder gar gewaltbereit aufgefallen. Seine Radikalisierung durch das Internetvideo, eine recht billige Fälschung islamistischer Scharfmacher, ging so schnell, dass wohl keine Behörde der Welt rechtzeitig darauf aufmerksam geworden wäre. Im Mai 2011 fasste der damalige Chef des Bundesnachrichtendienstes die Lage kurz und knapp zusammen: "Wir müssen derzeit besonders auf Einzeltäter achten, die nicht aus fest strukturierten Zusammenhängen kommen, sondern mit Bestrafungsaktionen ihren Beitrag zum Dschihad leisten wollen", warnte Ernst Uhrlau.

Der jetzige mutmaßliche Täter in Toulouse weist Parallelen zu Uka auf, unterscheidet sich jedoch in einem entscheidenden Punkt von diesem: Offenbar reiste Merah schon vor Jahren in Trainingscamps für Terroristen in Afghanistan oder Pakistan. Nach afghanischen Angaben wurde der Verdächtige im September 2007 im südafghanischen Kandahar vom Geheimdienst NDS aufgespürt.

Merah sei daraufhin von einem afghanischen Gericht zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Wenig später war der Sohn eines französischen Vaters und einer algerischen Mutter schon wieder frei: Er soll bei einem groß angelegten Angriff auf das Gefängnis in Kandahar im Juni 2008 entkommen sein. Dabei wurden mehrere hundert Gefängnisinsassen befreit, unter ihnen hochrangige Anführer der Taliban. Allerdings hat die Presseabteilung der Provinzregierung Kandahar inzwischen dementiert, dass Mohammed Merah im Juni 2008 aus dem Gefängnis der Stadt geflohen sei. Eine entsprechende Nachricht veröffentlichte die französische Tageszeitung "Le Monde" auf ihrer Internetseite.

Gegenüber der französischen Polizei hat Merah behauptet, zu al-Qaida zu gehören. Von Seiten des Terrornetzwerks gab es bislang keine Bestätigung dafür. In der Vergangenheit hatte al-Qaida mehrfach für die Anschläge islamistischer Terroristen nachträglich die "Patenschaft" übernommen - so etwa im Fall des Amoklaufs eines US-Soldaten, der im November 2009 zwölf Soldaten auf der Militärbasis Fort Hood getötet hatte.

Treffen die Berichte über Merahs Reisen nach Afghanistan und Pakistan zu, würde er zu einem anderen Tätertypen gehören - den sogenannten reisenden Dschihadisten. Allein in Deutschland sind rund 250 Personen bekannt, die seit den neunziger Jahren ins pakistanisch-afghanische Grenzgebiet gereist und dort vermutlich in Lagern von Terrorgruppen oder den Taliban trainiert worden sind.

Geheimdienste können Gefährder nicht wirksam kontrollieren

Auch dieser Tätertyp hat in Europa bereits zugeschlagen. Im Dezember 2010 sprengte sich in der Stockholmer Innenstadt ein Selbstmordattentäter in die Luft. Außer dem Angreifer wurde damals niemand getötet. Der Täter war ein Schwede irakischer Abstammung namens Taimour Abdulwahab. Auch er radikalisierte sich in Europa und ging mit dem Wunsch, ein "Mudschahid" zu werden, in ein Qaida-Ausbildungslager im Irak.

Seitdem stand er in engem Kontakt mit al-Qaida im Irak, gleichwohl handelte er bei seinem Anschlag auf eigene Faust. Ähnlich äußerte sich der französische Innenminister Claude Guéant nun über den Attentäter von Toulouse: "Der Mann hat Verbindungen zu Personen, die sich zum Salafismus und Dschihadismus bekennen."

Beim schwedischen Attentäter Abdulwahab zog sich der Radikalisierungsprozess über Jahre hin. Mehr als drei Jahre vor dem Anschlag von Stockholm soll er in einer Moschee erstmals wegen extremistischer Äußerungen auffällig geworden sein. Auch das ähnelt dem Fall Mohammed Merah. Ebenso die Tatsache, dass in beiden Fällen Familienmitglieder in die Pläne eingeweiht gewesen sein sollen. Der französische Inlandsgeheimdienst DCRI hat den mutmaßlichen Serien-Attentäter von Toulouse jahrelang beobachtet. Dabei sei aber nie ein Anzeichen dafür entdeckt worden, dass der Mann ein Verbrechen planen könnte, sagte Guéant am Mittwoch.

Für die französischen Behörden droht der Fall zum Fiasko zu werden. Offenbar konnte Merah erst in ein Terror-Camp nach Afghanistan reisen und selbst nach seiner Festnahme und einem anschließenden Gefängnisausbruch unbehelligt zurückkehren. Zwar geriet der Mann dadurch ins Visier der Geheimdienste, die Gefahr, die von ihm ausging, wurde jedoch auf fatale Weise verkannt.

Die sieben Menschenleben, die der Attentäter in den vergangenen Tagen auslöschte, führen auf tragische Weise vor Augen, dass die westlichen Geheimdienste die sogenannten Gefährder zwar beobachten, aber nicht kontrollieren können.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 41 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Auf freiem Fuß
hatem1 21.03.2012
Zitat von sysopAFPEin Mann wie Mohammed Merah ist der Alptraum für Europas Sicherheitsbehörden: Der mutmaßliche Attentäter von Toulouse passt ins Muster des "einsamen Wolfs". So nennen Geheimdienste Einzeltäter, die sich zum Terrornetzwerk al-Qaida bekennen, aber auf eigene Faust handeln. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822829,00.html
"Einsamer Wolf" kann ja sein, aber der Mann ist doch vielfach aufgefallen: er war im Visier des Geheimdienstes, war in Frankreich im Gefängnis, saß in Afghanistan im Knast - bis er ausbrach. Wieso lebt der Mann unbehelligt in Frankreich? Wieso ist der auf freiem Fuß? Die Liberalität und Toleranz der westlichen Welt gegenüber Terroristen kostet Menschenleben.
2. Nicht nur al-Qaida...
jdh83 21.03.2012
Zitat von sysopAFPEin Mann wie Mohammed Merah ist der Alptraum für Europas Sicherheitsbehörden: Der mutmaßliche Attentäter von Toulouse passt ins Muster des "einsamen Wolfs". So nennen Geheimdienste Einzeltäter, die sich zum Terrornetzwerk al-Qaida bekennen, aber auf eigene Faust handeln. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822829,00.html
...sondern jeder radikalisierte Einzeltäter wirft ein entsprechendes Problem auf. Bestes Beispiel ist hier doch der norwegische Attentäter Anders Breivik. So schwer da zu akzeptieren sein mag, solange wir nicht den totalen Überwachungsstaat wollen, müssen wir mit dem Risiko das von solchen einsamen Wölfen ausgeht wohl leben.
3. grr
schon,aber 21.03.2012
Zitat von sysopAFPEin Mann wie Mohammed Merah ist der Alptraum für Europas Sicherheitsbehörden: Der mutmaßliche Attentäter von Toulouse passt ins Muster des "einsamen Wolfs". So nennen Geheimdienste Einzeltäter, die sich zum Terrornetzwerk al-Qaida bekennen, aber auf eigene Faust handeln. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822829,00.html
Ich lese immer wieder dieses Zitat vom ERSTEM ISLAMISTISCHEN ANSCHLAG in D, auch in SPON immer wieder, und vergisst ganz bewusst diesen: Geiselnahme von München (http://de.wikipedia.org/wiki/Geiselnahme_von_M%C3%BCnchen)
4. Species
stilicho1 21.03.2012
Zitat von sysopAFPEin Mann wie Mohammed Merah ist der Alptraum für Europas Sicherheitsbehörden: Der mutmaßliche Attentäter von Toulouse passt ins Muster des "einsamen Wolfs". So nennen Geheimdienste Einzeltäter, die sich zum Terrornetzwerk al-Qaida bekennen, aber auf eigene Faust handeln. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822829,00.html
Diese Species von Tätern wird sich gewiss exponential vermehren, da die Gewaltbereitsch der radikal-islamistischen Gruppen ständig wächst und die Netzwerke immer subtiler werden.Der Vulkan im Maghreb und nahen Osten könnte zum Beispiel bei einem militärischen Vorgehen Israels gegen Iran zu einem vernichtenden Ausbruch kommen. Auf jeden Fall würde es die Anschlagrate erheblich erhöhen , wobei es zusehen sein wird , dass die Polizeiapparate kaum eine Chance haben . Auch in der Bundesrepublik wird es dann ein , viele " Toulouse " geben. Eine Vermeidung solcher Taten kann nur von Seiten der gemässigten Moslems erfolgen , da die radikalen Gruppen m.E. noch in der Minderheit sind. Der Islam steht hier zumindest ebenso in der Pflicht , wie die westlichen und östlichen Demokratien.Dazu zählt m.E. auch die unbedingt notwendige Stabilisierung von Staaten wie Libyen , Irak , Syrien ,etc. Die Arabische Liga - zur Zeit mehr Quasselbude _ sollte hier ebenso Einfluss nehmen. Wie heisst es doch : Es gibt nichts Gutes ,ausser man tut es.
5. Allein in
theodorheuss 21.03.2012
Zitat von sysopAFPEin Mann wie Mohammed Merah ist der Alptraum für Europas Sicherheitsbehörden: Der mutmaßliche Attentäter von Toulouse passt ins Muster des "einsamen Wolfs". So nennen Geheimdienste Einzeltäter, die sich zum Terrornetzwerk al-Qaida bekennen, aber auf eigene Faust handeln. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822829,00.html
Deutschland sind 250 Männer bekannt die im Afghanisch / Pakistanischem Grenzgebiet unterwegs waren! Das muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Und diese Typen leben unbehelligt ( wohlversorgt vom Deutschen Steuerzahlen ) mitten unter uns!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Islamistischer Terror
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 41 Kommentare
Fotostrecke
Toulouse: Ausnahmezustand im Wohnviertel

Interaktive Karte
SPIEGEL ONLINE
Interaktive Grafik: al-Qaidas wichtigste Kader