Transatlantischer Vergleich Dicke Amis, flotte Europäer?

Hüben fortschrittliche Europäer, drüben konservative Amerikaner: Diese vermeintliche Gewissheit ist nicht erst seit Barack Obamas Wahlsieg zweifelhaft. EU und USA sind sich näher, als beiderseits des Atlantiks angenommen wird - wie der Historiker Peter Baldwin in einem wissenschaftlichen Essay belegt.


Los Angeles - So schnell werden Verhältnisse auf den Kopf gestellt: Während Europa weitgehend von Konservativen regiert wird (wie in Frankreich, Deutschland, Italien, Schweden, Dänemark; in Großbritannien wartet David Cameron ungeduldig auf seinen Auftritt), entdeckt Amerika "sozialistische" Politikentwürfe neu: Durch die Hintertür wird der Bankensektor verstaatlicht, die Industrie kommt in den Genuss großzügiger Subventionen, es gibt plötzlich Geld für die Sozial- und Gesundheitspolitik, die Regierung investiert in grüne Ideen und setzt ein Limit für Managergehälter fest. Ist Obama dabei, Europa auf den ureigenen Politikfeldern zu schlagen?

"Jetzt sind wir alle Sozialisten", tönte "Newsweek" bereits im Februar und schob gleich die Prophezeiung nach, dass man "mit wachsenden Transferleistungen im nächsten Jahrzehnt noch mehr wie die Franzosen" sein werde. Ein Kalter Krieger wie General Jack D. Ripper (aus Stanley Kubricks Atomkrieg-Satire "Dr. Seltsam"), der schon eine Behandlung von Trinkwasser mit Fluor als schändlichen Vorstoß des Kommunismus sah, würde sich im Grabe herumdrehen.

Wie anders sah es noch vor wenigen Monaten aus. Da hatte Bush junior mit seiner Politik - im Alleingang in den Krieg zu ziehen, sich internationalen Abkommen nicht zu unterwerfen, die ökologische Krise kleinzureden - die orthodoxe Meinung beiderseits des Atlantiks bestätigt, dass zwischen Amerika und Europa ein Graben klafft, der immer größer wird. Und tatsächlich ist es auch schwer, aus solchen festen Bahnen wieder herauszusteuern. Es galt jedenfalls lange als Binsenwahrheit des politischen Diskurses, dass zwischen Amerika und Europa Welten liegen.

Amerika wird "europäisch"

Mit dieser These, dass der Atlantik nicht nur Kontinente trennt, geht die Begründung einher, dass es tatsächlich fundamentale Unterschiede zwischen Amerikanern und Europäern gibt. Als Gegensätze werden in der Regel benannt:

  • Amerika glaubt an den freien Markt, Europa hat den Kapitalismus zwar akzeptiert, versucht aber seine Exzesse abzumildern.
  • Sozialpolitik findet in Amerika einfach nicht statt - oder fällt im Vergleich zu Europa mickrig aus.
  • Weil Amerika kein gescheites Gesundheitssystem für alle hat, leben die Menschen schlechter und sterben früher.
  • Weil der Markt die Regeln diktiert, kümmert sich Amerika kaum um die Umwelt.
  • Die sozialen Gegensätze in den USA sind schärfer, weshalb Kriminalität dort auch ein größeres Problem darstellt.
  • Europäische Gesellschaften sind säkular; in Amerika dagegen glauben mehr Menschen an Gott - und sie räumen der Kirche im öffentlichen Leben mehr Raum ein.

Die Gesellschaften an den gegenüberliegenden Ufern des Atlantiks sind also offenbar entlang mehrerer Bruchlinien getrennt: Wettbewerb versus Kooperation; Individualismus versus Solidarität; Autonomie versus Zusammenhalt. Das klingt alles sehr bekannt - aber ist es deshalb auch wahr? Mit der Regierung Obama rückt das Land wieder nach links, und es scheint, als wäre der Atlantik schmaler geworden oder - wie US-Konservative schäumen - die Amerikaner "zu europäisch". Letzteres Argument benutzen Obamas Kritiker von der Rechten überhaupt gerne als Waffe im politischen Kampf. Aber waren die Gegensätze zwischen Europa und den USA überhaupt jemals so groß, wie behauptet wird?

Ein Weg, diese Frage zu beantworten, ist der Blick auf das offizielle Zahlenmaterial. Natürlich lassen sich nicht alle Unterschiede an Hand von Zahlen ablesen. Doch die Statistik gibt uns einen ersten Überblick über das Terrain - und bietet die Möglichkeit, zuverlässige Vergleiche anzustellen. Nehmen wir also vier Bereiche unter die Lupe: die Wirtschaft, die Sozialpolitik, die Umwelt und den Bereich, der sich am schwierigsten in Zahlen abbilden lässt - die Fragen der Religion und kulturellen Werte.

Die Materiallage lässt auf jeden Fall zwei Schlüsse zu, so viel kann man schon vorweg sagen: Zum einen ist Europa kein homogener Kontinent. Die Bandbreite der Unterschiede selbst innerhalb der Nationen Westeuropas (auf die wir uns bei diesem Vergleich konzentrieren werden) ist viel größer, als allgemein angenommen wird. Und zweitens liegen die Vereinigten Staaten - von wenigen Ausnahmen abgesehen - genau in diesem Spektrum. Entweder besitzt Europa also keine einheitliche eigene Identität, oder aber die USA sind genauso europäisch wie die Europäer. Tatsächlich sind Europa und die USA Teil einer gemeinsamen Kultur, die wir als "den Westen" oder die "Atlantische Gemeinschaft" bezeichnen.

Mehr Armut in Europa?

Alle Welt weiß, dass die wirtschaftlichen Gegensätze innerhalb der amerikanischen Gesellschaft größer sind als in Europa, mit einer deutlicheren Schichtenbildung zwischen Arm und Reich. Und das stimmt im Großen und Ganzen auch. Die Verteilung des Einkommens ist in den USA tatsächlich ungerechter als in Europa. Ein Beispiel aus dem Jahr 1998: Da erzielte das reichste Prozent der amerikanischen Bevölkerung 14 Prozent des nationalen Einkommens, während die Großverdiener in Schweden nur auf sechs Prozent kamen.

Bei der Konzentration von Vermögen ergibt sich allerdings schon ein anderes Bild. Im Jahr 2000 besaß das eine Prozent der Superreichen in den USA 21 Prozent des Gesamtvermögens. Europa meldete im gleichen Zeitraum noch krassere Zahlen: In der Schweiz nennt das eine Prozent der wohlhabenden Elite 35 Prozent des Vermögens sein Eigen; in Schweden, das immerhin als Hort des Egalitarismus gilt, liegt der Anteil wie bei den Amerikanern bei 21 Prozent. Wenn man jetzt noch berücksichtigt, dass der schwedische Gesetzgeber den massiven Transfer von Vermögen ins Ausland erlaubt, dann dürfte es den reichen Schweden wohl doppelt so gut gehen wie ihren amerikanischen Artverwandten.

Wie sieht es bei der Armut aus - ist das nicht ebenfalls ein Ausdruck dieses Missverhältnisses bei Einkommen und Vermögen? Wenn die Ungleichheit größer ist, muss die relative Armut schon per Definition größer sein. Aber die absolute Armutsquote zeigt uns wieder ein anderes Bild: Wenn man als Maßstab für Armut ein Leben nimmt, das mit der Hälfte des Durchschnittseinkommens in den ursprünglichen sechs EG-Staaten haushalten muss, dann erkennen wir, dass viele europäische Nationen im Jahr 2000 einen höheren Prozentsatz an armen Menschen aufwiesen als die USA.

Und zwar nicht nur bei den Mittelmeeranrainern, sondern auch in England, Irland, Frankreich, Belgien und in den Niederlanden. Das amerikanische Arbeitslosengeld, in den europäischen Medien gerne verspottet, ist in Wirklichkeit höher als in vielen EU-Ländern: Griechenland, Großbritannien, Italien und Island geben pro Kopf weniger für Arbeitslosigkeit aus als die USA.


Übersetzung: Olaf Kanter



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.