Unbekanntes Transnistrien Einfach mal hingefahren

Leben in der Unwirklichkeit: Der Fotograf Emile Ducke dokumentiert den Alltag in Transnistrien, einem Land, das es eigentlich nicht gibt. Denn der osteuropäische Staat hat zwar Regierung und Militär, ist aber international nicht anerkannt.

Emile Ducke

Ein Interview von


Zur Person
    Emile Ducke, Jahrgang 1994, studiert Fotojournalismus und Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover. Gerade war er für ein Auslandssemester im sibirischen Tomsk, wo er eine orthodoxe Altgläubigen-Siedlung im Wald und einen Klinikzug, der in abgelegenen Regionen Kranke versorgt, mit der Kamera begleitet hat.
  • emileducke.de

SPIEGEL ONLINE: Herr Ducke, was hat Sie nach Transnistrien verschlagen, einem schmalen Streifen Land zwischen Moldawien und der Ukraine?

Ducke: Eine Fernsehreportage über die Republik Moldau, in der Transnistrien kurz erwähnt wurde, weil es völkerrechtlich dazu gehört. Unglaublich, dass ich davon noch nie gehört hatte, obwohl dieses De-facto-Regime in Europa liegt. Da gibt es seit mehr als 20 Jahren einen Staat, der international nicht anerkannt ist und der trotzdem in diesem Status quo mit eigener Regierung, eigener Währung und eigenem Militär existieren kann. Fand ich spannend!

SPIEGEL ONLINE: Und dann sind Sie einfach hingefahren?

Ducke: Genau, gleich ein paar Wochen später. Ich bin in einer Art Hostel abgestiegen, das ein amerikanischer Backpacker, der dort gestrandet ist, für die wenigen westlichen Touristen betreibt. Von ihm habe ich auch viele Tipps bekommen, im Vorfeld hatte ich kaum Informationen gefunden. Interessiert hat mich vor allem, wie die Menschen mit dem eingefrorenen Konflikt mit Moldawien, von dem sich Transnistrien ja abspalten wollte, leben und wo sich dieser manifestiert. Wie geht man mit dem Stillstand um und versucht trotzdem eine transnistrische Identität zu schaffen?

SPIEGEL ONLINE: Und was haben Sie gefunden?

Ducke: Zum Beispiel einen Mathelehrer, der unterm Staatswappen mit Hammer und Sichel sowie allerhand sowjetischer Propagandasprüchen unterrichtet. Ich war bei Militärwettkämpfen und einem Konzert im Veteranenklub. Faszinierend, wie dieses kleine Land sich als politische Größe und Macht darstellt. Gleichzeitig ist aber auch der Sowjetkult noch sehr präsent. In der Hauptstadt Tiraspol etwa steht als Denkmal ein sowjetischer Kampfjet, den ich fotografiert habe. Es gibt aber auch Motive, bei denen der eingefrorene Konflikt auf den ersten Blick nicht sichtbar ist - und die für mich dennoch dafür stehen.

Fotostrecke

10  Bilder
Transnistrien: Tanzen, singen, weitermachen

SPIEGEL ONLINE: Welches denn zum Beispiel?

Ducke: Die Fähre, die Tiraspol mit der Ortschaft Kitskany verbindet. Der Fluss, der Dnjestr, bildet größtenteils die Grenze zwischen Transnistrien und Moldawien. Dennoch liegen einzelne transnistrische Orte am anderen Ufer, so wie eben Kitskany. Die Fähre verbindet also und versinnbildlicht gleichzeitig einen Schwebezustand. Die Arbeit dort war ein Schlüsselmoment für mich. Vielleicht auch, weil ich einige Stunden lang am Fluss gestanden bin und auf das passende Licht gewartet habe. Ich habe nämlich in diesem Fall mit einer Großformatkamera gearbeitet, so in Ziehharmonikaform und mit Tuch überm Kopf.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie eigentlich mit den Menschen in Transnistrien in Kontakt gekommen?

Ducke: Ich habe mich treiben lassen, schließlich hatte ich Zeit. Als Westeuropäer hat man einen Bonus, man gilt als interessant, da kommt man schnell ins Gespräch. Die meisten Kontakte habe ich sehr willkürlich geknüpft, etwa zu Ilin, den ich auf dem Friedhof traf, wo er als Tagelöhner arbeitet, und der mich zu sich nach Hause zum Abendessen einlud. Dort entstand diese absurde Situation, als er - stark alkoholisiert - mit einem Soldatenhelm aus dem Kopf tanzt. Den hatte er ein paar Wochen zuvor, als er ein Grab schaufelte, gefunden. Er stammt wahrscheinlich aus dem Bürgerkrieg der 1990er.

SPIEGEL ONLINE: Damals wollte sich Transnistrien von der Republik Moldau abtrennen, erfolglos. Machen sich die Menschen dort denn Hoffnung, dass sich die Situation noch mal ändert?

Ducke: Durch die Annexion der Krim schien es so, als könnte noch mal Bewegung in den eingefrorenen Konflikt kommen. Schließlich wünschen sich die meisten Transnistrier einen Beitritt in die russische Föderation. Aber der Aufnahmeantrag des Parlaments wurde zurückgewiesen. Am Status quo wird sich also vermutlich vorerst nichts ändern. Viele haben sich aber auch damit abgefunden. So wie die Schulleiterin im moldawischen Dorotcaia, wo seit 13 Jahren morgens moldawische Kinder und nachmittags transnistrische Kinder unterrichtet werden. Inzwischen hätte sie sich mit der Situation arrangiert, sagt sie - es funktioniere ja.

Das Interview führte Kathrin Fromm für das Fotoportal Seen.by.



insgesamt 35 Beiträge
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Partyzant 11.02.2017
1. Respekt
für den Herrn Fotojournalisten in das unbekannte 'Land" zu reisen und er dokumentiert damit auch die russische Politik des Abspaltens von Regionen und anderer Länder ohne Verantwortung dafür zu tragen...wie auch in der Ukraine oder Georgien und noch schlimmer in Tschetschenien...eine Politik die die Bewohner dieser Regionen verarmen lässt und staatenlos werden lässt...viel Glück den Bewohnern der Putin- Sputnikstaaten .
MtSchiara 11.02.2017
2. Länder, die es eigentlich nicht gibt
Es gibt viele Länder, die es eigentlich nicht gibt: - Krim - Ostukraine - Transnistrien - Abchasien - Nordkorea - Afghanistan - ... Rußland ist das größte Land der Erde, und das hat seinen Grund - und zwar darin, daß es kulturell die Finger nicht von seinen Nachbarn lassen kann, denn sonst wäre es nicht so groß geworden. Eine solche Kultur ändert sich leider nicht von heute auf morgen.
TomTheViking 11.02.2017
3. Also Herr Partyzant - Tschetschenien gehört zu Russland
Seit dem die extremen Moslime und Islamisten dort eingedämmt wurden gibt es Frieden und bescheidenen Wohlstand, Grosny ist wieder aufgebaut. Zu Transnistrien, Herr Partyzant - die meisten Menschen dort wollen das Transnistzrien zu Russland gehört. Und wenn Sie von Georgien, der Ukraine und Moldawien sprechen. Das sind eigentlich failed States (wie die Ukraine oder bettelarm. Das betrifft alle drei genannten Länder. Die Bürger der abgespaltenen Staaten wie Transnistrien oder Gebiete wie Südossetien und der größte Teil der Ukraine wären lieber Heute als Morgen mit Russland vereint. Das gibt Ihnen allerdings nicht zu denken warum das so sein könnte.
SanchosPanza 11.02.2017
4. Transnistrien
Unbedingt lesenswert, das hervorragende Buch von Jefim Berschin über den blutigen Bürgerkrieg: "Wildes Feld". Stellvertretend steht Transnistrien für das große Leid vieler Menschen in den nach dem Zerfall der Sowjetunion in den Randregionen ausbrechenden blutigen Konflikten und Bürgerkriegen. Das sieht aus der Perspektive der Betroffenen ganz anders aus als in der Tagesschau.
Hm. 11.02.2017
5. Damals als Schuler.
Hören sie auf mit dem Putin. Wir als 10.-Klässler aus Sibirien waren in Winterferien im Januar 1983 in Kischinau (Hauptstadt von Moldawien). Da haben wir auch eine Tagesbusreise nach Tiraspol gemacht und waren überrascht, wie gespannt die Verhältnisse zwischen Bürger aus Transnistrien und Moldawien waren...
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