Trauer in der Bundeswehr Totenwache im Camp Kunduz

Sie drucken Porträtfotos der drei Gefallenen aus, bereiten eine Trauerfeier vor: Die Soldaten im Bundeswehr-Camp von Kunduz versuchen, mit dem schlimmsten Anschlag seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes fertig zu werden. Eine Untersuchung soll nun klären, was schiefgelaufen ist.

Aus Kunduz berichtet


Es ist ein denkbar düsterer Dienstbeginn für das 22. Kontingent der Bundeswehr in Afghanistan. Die meisten Soldaten sind erst seit ein paar Tagen im Land. Und auch wenn es für manche der zweite, dritte oder gar vierte Einsatz in Afghanistan ist, sind sie noch gar nicht richtig angekommen. Auch Oberst Reinhardt Zudrop, der Kommandeur in Kunduz, ist noch keine zwei Wochen im Amt. Kaum auf dem Dienstposten, muss er mit dem schlimmsten Angriff auf die Bundeswehr seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes fertigwerden, bei dem drei Soldaten fallen und fünf verletzt werden, vier davon schwer.

An diesem Samstag geht es auch um Sprachregelungen, um Abstimmung mit dem Einsatzführungskommando in Potsdam, das alle Auslandseinsätze der Bundeswehr koordiniert, und mit dem Regionalkommando in Masar-i-Scharif. Es sollen keine falschen Angaben, aber auch keine zu detaillierten Informationen über das weitere taktische Vorgehen an die Öffentlichkeit geraten.

Und dann ist da das Bemühen um Normalität in einer Situation, die nicht normal ist. Bislang sind 39 Bundeswehrsoldaten seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes ums Leben gekommen, 39 tragische Fälle, doch bei bald neun Jahren Afghanistan-Einsatz sind das relativ wenige Todesopfer. Die Soldaten stürzen sich in die Arbeit, machen an diesem Samstag weiter, versuchen, das Geschehen zu verarbeiten.

Seit der Mittagszeit gibt es eine Totenwache, eine Trauerfeier wird für Ostersonntag vorbereitet. Es werden Porträtfotos der Gefallenen besorgt und ausgedruckt. Der damit beauftragte Soldat diskutiert mit einigen anderen darüber, auf welche Seite eigentlich der Trauerflor gehört. Die meisten sagen links, es wird gegoogelt, die meisten Bilder im Internet zeigen den schwarzen Balken aber rechts. Am Ende entscheidet jemand, den Balken wegzulassen, man könne ihn ja nachträglich noch hinzufügen.

Solche banalen Gespräche helfen, die Sache zu verarbeiten.

Der Bundeswehrsender "Radio Andernach" ändert kurzfristig sein Programm, ein Militärgeistlicher spricht über den Tod und darüber, dass die Menschen keinen Einfluss hätten auf den Lauf der Dinge, keine fröhliche Predigt zu Ostern. Die Programmmacher in Deutschland bemühen sich außerdem um die richtige Musik, nicht zu fröhlich, aber auch nicht zu traurig, man will die Soldaten nicht noch weiter runterziehen. "Radio Andernach" läuft schließlich überall in den Bundeswehrcamps in Afghanistan, in den Büros, auf den Stuben, in der Kantine. Hier senden auch Angehörige aus Deutschland Grüße an die Soldaten vor Ort, gerade jetzt, zu Ostern. Eifrig wird die aufgezeichnete Sendung überprüft, ob irgendwo Grüße an die Gefallenen auf Band sind, die sollen natürlich nicht gesendet werden.

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Afghanistan: Gefechte in Kunduz
Der deutsche Isaf-Chef, Brigadegeneral Frank Leidenberger, spricht den Soldaten über den Sender Mut zu. "Wir alle wissen, dass dieser Einsatz nicht ungefährlich ist", sagt er. Nun sei das "bittere Realität" geworden. Aber man sei sich klar darüber, dass man morgen wieder rausgehen müsse. Die Soldaten wüssten, zumindest theoretisch, um die Gefahren des Einsatzes. Er drücke allen die Daumen, dass sie das Glück haben, das man im Einsatz brauche.

Hätten die Kampfjets die Taliban-Stellungen bombardieren sollen?

Während die meisten Soldaten am Freitagabend früh ins Bett gegangen sind, hat die Operationszentrale bis in die Nacht hinein gearbeitet. Wie genau kam es zu dem Angriff, was ist schiefgelaufen, hätte man anders handeln müssen? Die Taliban, heißt es, wären durch Gräben gekrochen und hätten sich in zwei Gebäudekomplexen verschanzt, die von Lehmmauern umgeben sind - und damit mit Gewehrkugeln kaum zu durchdringen. Am Nachmittag waren amerikanische Kampfjets angefordert worden, die im Tiefflug über das Kampfgebiet fliegen sollten. Der tosende Lärm sollte die Rebellen einschüchtern, aber offensichtlich ließen diese sich davon nicht beeindrucken.

Hätten die Kampfjets Bomben abwerfen sollen auf die Taliban-Stellungen? Oder hätte es dann auch zivile Opfer gegeben? Wer wollte eine solche Entscheidung treffen angesichts der Debatte, die in Deutschland derzeit über die verheerende Bombardierung zweier entführter Benzintanklastzüge Anfang September 2009 geführt wird, bei der mehr als 140 Menschen ums Leben kamen und wegen der sich der damalige Kommandeur in Kunduz, Oberst Georg Klein, vor der deutschen Justiz verantworten muss?

Noch am Freitagabend hatte man entschieden, zur Unterstützung und Ablösung der kämpfenden Soldaten drei Schützenpanzer vom Typ "Marder" an die Front zu schicken. Auf dem Weg dorthin kommt es zu einem folgenschweren Zwischenfall: Zwei Autos nähern sich, und als die Insassen sich nicht identifizieren und weiter auf den deutschen Konvoi zuhalten, feuern die Deutschen auf die Wagen. Später stellt sich heraus: Das waren afghanische Soldaten, fünf von ihnen kommen nach Bundeswehrangaben ums Leben. Der Provinzgouverneur von Kunduz, Mohammed Omar, sprach dagegen von sechs getöteten afghanischen Soldaten.

In der Kapelle im Camp Kunduz brennen Dutzende Kerzen. Bis in die Nacht hinein und seit dem frühen Samstagmorgen gehen der Militärpfarrer und der Truppenpsychologe durch das Camp, sie suchen das Gespräch mit den Soldaten, bieten ihnen an, über alles zu reden. Viele nehmen das Angebot an.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
Spinatwachtel 03.04.2010
1. Krieg
da kann man untersuchen, es wird die Wahrheit nicht wirklich zu finden sein. Es ist Krieg.Da geht es drunter und drüber. Vielleicht wird man in zwanzig Jahren eine bessere Einsicht in die Abläufe von heute haben. Jetzt gibt es nur eines: Raus aus Afghanistan, solange das noch möglich ist. Aber vielleicht ist es für diesen Schritt schon zu spät.
Lexington67 03.04.2010
2. Was schiefgelaufen ist?
Zitat von sysopSie drucken Porträtfotos der drei Gefallenen aus, bereiten eine Trauerfeier vor: Die Soldaten im Bundeswehr-Camp von Kunduz versuchen, mit dem schlimmsten Anschlag seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes fertig zu werden. Eine Untersuchung soll nun klären, was schief gelaufen ist. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,687165,00.html
Ganz einfach, die Bundesrepublik Deutschland beteiligt sich an Völkerrechtswidrigen Kriegen. Und im Krieg sterben Menschen, so einfach ist das. Sollten noch Zweifel daran bestanden haben, so sind sie spätestens jetzt ausgeräumt. In Afghanistan ist Krieg und die Deutschen sind mittendrin, und dort wird alles mögliche verteidigt, aber nicht das Recht und die Freiheit des Deutschen Volkes.
achim68 03.04.2010
3. ...
Zitat von sysopSie drucken Porträtfotos der drei Gefallenen aus, bereiten eine Trauerfeier vor: Die Soldaten im Bundeswehr-Camp von Kunduz versuchen, mit dem schlimmsten Anschlag seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes fertig zu werden. Eine Untersuchung soll nun klären, was schief gelaufen ist. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,687165,00.html
Im Krieg gerät man in Schlachten und auch in Hinterhalte. In solchen fallen Soldaten und und manchmal sterben auch Zivilisten. Eine Regierung die ihre Soldaten in die Schlacht schickt sollte dabei immer beachten: Sowohl den Soldaten als auch der Bevölkerung zuhause klar zu sagen was Sache ist. "Kriseneinsatz", "bewaffneter Konflikt" u.ä. haben das selbe inhaltliche Niveau wie die "strategische Frontbegradigung" früherer Zeiten, nämlich das einer Lüge, schlicht und einfach. Über Moral, Sinn oder Zweck des Einsatzes ist hier schon so viel geschrieben worden... dass eigentlich alles gesagt ist. Die Positionen sind sowieso unvereinbar.
jazznote 03.04.2010
4. Langfristiger Ausstieg
Dieser Anschlag und der versehentliche Angriff deutscher Truppen auf afghanische Sicherheitskräfte scheint die Probleme der Bundeswehr in Afghanistan zu verdeutlichen. Die Bundeswehr ist schwer in der Lage in echten Krisensituationen des Einsatzes wie massivem Feindbeschuss, was in einem bewaffneten Konflikt im Prinzip nicht ungewöhnlich sein muss, umzugehen. Die Zusammenarbeit mit den afghanischen Sicherheitskräften funktioniert nach acht Jahren Afghanistaneinsatz nicht richtig. Die Bundeswehr verfügt in Afghanistan anscheinend nicht über die Mittel den Gegner aus gut ausgebauten Verteidigungsstellungen oder Häusern mittels eigener schwerer Waffen zu bekämpfen. Die Bundeswehr scheint sich auch nicht auf die Unterstützung der Verbündeten mit schweren Waffen verlassen zu können, ob das nun an der neuen Afghanistanstrategie liegt, oder dem von der Bundeswehr angeordneten verheerenden Luftangriff der Amerikaner auf zwei Tanklaster vor über einem halben Jahr, sei dahingestellt. Dies beweist weiterhin die Notwendigkeit eines geordneten vollständigen Rückzuges der deutschen ISAF-Truppen aus Afghanistan in den nächsten Jahren, aber spätestens bis Mitte des Jahrzehnts.
Miss Ann Trophy 03.04.2010
5. ...
Zitat von sysopSie drucken Porträtfotos der drei Gefallenen aus, bereiten eine Trauerfeier vor: Die Soldaten im Bundeswehr-Camp von Kunduz versuchen, mit dem schlimmsten Anschlag seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes fertig zu werden. Eine Untersuchung soll nun klären, was schief gelaufen ist. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,687165,00.html
Schiefgelaufen ist, daß der Westen den Irak und Afganistan überfallen hat und die Gegend in das Chaos gestützt haben in dem sie heute steckt. Aber solange bestimmte Leute an diesem Leid verdienen, werden noch manche sterben müssen, aber das gehört nunmal zur westlichen Wertegemeinschaft...
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