Trauerfeier für Nelson Mandela "Wenn die Großen gehen, weint auch der Himmel"

Südafrika hat Abschied genommen von seinem Nationalhelden Nelson Mandela. Die Trauerfeier ließ noch einmal die Euphorie jener Tage nach dem Ende des Apartheid-Regimes aufkommen. Doch bei der Mammutveranstaltung waren auch Misstöne nicht zu überhören.

Aus Johannesburg berichtet


"Wenn die Großen gehen, weint auch der Himmel", sagte Brigalia Bam, eine treue Weggefährtin von Nelson Mandela. Es regnete durchgehend an diesem Tag, an dem Südafrika Abschied nahm von seinem Nationalhelden: von sechs Uhr morgens bis zur Abenddämmerung.

Die Blumenberge vor Mandelas Villa im Johannesburger Stadtteil Houghton versanken bereits in Pfützen, als die Trauerfeiern im WM-Stadion vor Soweto begannen. "Der Regen ist ein großer Segen für uns Afrikaner", sagte Sisiwe Maeko. Die 27-jährige Stadtangestellte stand da schon seit drei Stunden an der Ecke 14th Avenue und 4th Street, um zu trauern und gleichzeitig zu feiern.

Frauen in traditioneller Tracht tanzten Toyi-Toyi, den Stampftanz des Widerstands. Schwarze Kinder sangen die Nationalhymne. Ein weißer Vater kam mit seinen drei Söhnen; sie legten blaue Agapantus-Blüten nieder und beteten für ihren Ex-Präsidenten. Die Stimmung: eine merkwürdige Mischung aus Traurigkeit und Frohsinn.

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Trauerfeier für Mandela: Abschied von Madiba
"Heute zählen die Hautfarbe und das Geschlecht nicht mehr. Wir sind alle Südafrikaner", schwärmt Sisiwe. "Ich habe noch nie in meinem Leben so viele multiethnische Begegnungen erlebt."

Für die älteren Bürger ist es wie ein Déjà-vu. Die Euphorie jener Apriltage des Jahres 1994 hat noch einmal das Land erfasst. Damals ging das Unrechtsregime der Apartheid unter, die Demokratie wurde geboren, und der Freiheitskämpfer Nelson Mandela wurde zum ersten schwarzen Präsidenten in der Geschichte ihres Landes gewählt.

Jüngere Leute wie Sisiwe ahnen an diesem Tag, wie es damals war, als die Welt mit angehaltenem Atem die friedliche Wende am Kap verfolgte - und alle Südafrikaner, schwarze, weiße und farbige, stolz waren: Sie hatten der Welt ein Vorbild der Versöhnung geschenkt.

Das wurde auch in jeder Rede bei der opulenten Trauerfeier in der Fußballarena betont. Und es war, als würde der Geist des Mannes, der all dies möglich gemacht hatte, über dem Stadion schweben: Nelson Rohihlahla Mandela. Im Tod hat er sein zerrissenes Land noch einmal geeint. Es präsentierte sich als jene Regenbogennation, von der er immer geträumt hatte.

Pfiffe für Jacob Zuma

Dennoch waren die Misstöne bei dieser Mammutveranstaltung nicht zu überhören: Die Ankunft des amtierenden Präsidenten Jacob Zuma wurde von gellenden Pfiffen begleitet. Viele Südafrikaner sind unzufrieden mit der Art und Weise, wie die Kaprepublik von Mandelas Erben regiert wird.

Die Korruption im Land hat riesige Ausmaße angenommen, die Machtelite bereichert sich hemmungslos. Sie scheint vergessen zu haben, wofür sie einst gekämpft hat.

Nur ein Regietrick der Organisatoren verhinderte, dass Zuma zum Beginn seiner Rede noch einmal ausgebuht wurde. Man ließ erst einen Lobsänger auftreten und spielte dann sofort Musik. Anschließend fing der Präsident übergangslos mit seinen langweiligen Ausführungen an. Viele Besucher unterhielten sich, während er sprach, oder verließen scharenweise das Stadion.

Die Kneipe "K.O. nine" in Alexandra ist zu diesem Zeitpunkt schon leer. Alexandra ist eines der ältesten Townships im Norden Johannesburgs; gleich um die Ecke hatte Mandela als junger Anwalt gewohnt. Das Wasser läuft in Sturzbächen über die Lehmpfade, die Straßen versinken im Schlamm, an den Ecken türmen sich Müllberge. Und unten am Jukskei-River, der im Dauerregen zu einem reißenden Fluss angeschwollen ist, werden wie eh und je die Blechhütten an der Uferkante weggeschwemmt.

Hier hat sich in den beinahe zwanzig Jahren seit der Wende wenig verändert. Alexandra ist ein schwarzer Slum geblieben, geplagt von Armut, Krankheit und Kriminalität.

Weit über die Hälfte der jungen Männer sind arbeitslos und haben keine Zukunftsperspektive. Kein einziger ist in die Kneipe gekommen, um die Trauerfeier im Fernsehen zu verfolgen. Sie wollen einfach nicht mehr hören, wenn Präsident Jacob Zuma prahlt, was man im neuen Südafrika erreicht habe. In Alexandra fühlt sich das Leben für sie wie im alten Südafrika an.

"Wir haben nichts zu tun. Wir gehen nur auf und ab", klagt Collins, ein 32-jähriger Mann, der seinen Job verloren hat und keinen neuen mehr findet. Der Abschied von Mandela erinnert ihn an die leeren Versprechungen der Präsidenten, die nach ihm an die Macht kamen.

"Hamba kahle, Madiba", sagt Collins. Er ist sich sicher, dass ein Hoffnungsträger wie Nelson Mandela nie wieder kommen wird.

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