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Traumatisierte US-Soldaten: Kopfschüsse im Camp der Freiheit

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Der Krieg zerstört die Psyche von Soldaten: Manche werden zu Mördern oder Selbstmördern, viele zu seelischen Krüppeln. Das belegen jetzt enthüllte Protokolle des US-Militärs. Am drastischsten zeigt der Amoklauf von John Russell, wie wenig das Problem unter Kontrolle ist.

AFP

Hamburg - Sie werden erschossen, regelrecht hingerichtet. Der Schütze zielt auf die Köpfe seiner Opfer. Und drückt ab. Wieder und wieder. Am Ende sind fünf US-Soldaten tot.

Der Täter ist Unteroffizier John Russell vom 54. Pionier-Bataillon. Ein Kamerad.

Russells Amoklauf am Mittag des 11. Mai 2009 in Camp Liberty nahe dem Bagdader Flughafen ist die bis dahin schlimmste Tat eines US-Soldaten im Irak gegen die eigenen Kameraden. In den jetzt durch WikiLeaks bekannt gewordenen Militärdokumenten wird der tödliche Vorfall unter der Rubrik "Sonstiges - Nicht-Kampf-Ereignis" verzeichnet.

Der Protokollant skizziert in einem Report, wie der Amoklauf in der Basis ablief. Russell sei während eines Behandlungstermins in einem Kriegstraumazentrum "renitent" geworden, heißt es da. Der Soldat habe "auf dem Parkplatz verbal darauf hingewiesen, dass er Selbstmord begehen werde". Die Militärpolizei habe Russell, der zur Sicherheit von einem Kameraden begleitet wurde, daraufhin zu seiner Einheit zurückgeschickt. Ein Fehler. Denn plötzlich, vermerkt das Protokoll, reißt Russell die Waffe seines Bewachers an sich, zwingt den Mann aus dem Fahrzeug und kehrt zum Kriegstraumazentrum in Camp Liberty ("Camp Freiheit") zurück.

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Dort finden wenig später andere Soldaten "einen Major, einen Korvettenkapitän, einen Unteroffizier und zwei Gefreite mit Schusswunden am Kopf im Wartezimmer". Die zwei Offiziere waren den Angaben zufolge Ärzte in der Klinik. Die anderen drei Patienten, die auf einen Termin warteten.

Warum wurde Russell, der bis zu seinem Irak-Einsatz im beschaulichen Bamberg stationiert war, zum Amokläufer? Warum reagierte die Armee nicht entschieden genug auf Alarmsignale? Die jetzt bekannt gewordenen Irak-Protokolle des US-Militärs werfen diese seit Jahren diskutierten Fragen wieder auf. Viele Dokumente beschreiben in dürrer Sprache die innere Verfassung einer Truppe, die mit sich selbst zu kämpfen hat.

Vier Termine bis zum Amoklauf

Einer Studie der US-Denkfabrik Rand Corporation zufolge leidet ein Fünftel aller Irak- und Afghanistan-Veteranen an Symptomen des posttraumatischen Belastungssyndroms (PTSD). Die Zahl der Selbstmorde in der US-Armee ist gestiegen: 2008 brachten sich 143 Soldaten um, 2009 dann 163 - mehr als durch Anschläge im Irak in diesem Jahr starben. Und noch mehr Veteranen versuchen, sich das Leben zu nehmen; fast tausend sind es jeden Monat. Und obwohl im Irak-Konflikt 2009 das Schlimmste überstanden war, verzeichneten die Kriegsprotokolle in diesem Jahr die meisten Zwischenfälle mit Soldaten, die ausrasteten, weil sie den Krieg, den sie führen, nicht mehr aushielten.

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Traumatisierte Soldaten: Krieg im Kopf
Für akute Fälle hat die Armeeführung im Irak vier Kriegstraumazentren eingerichtet, in denen auch Psychiater arbeiten. Russell hatte dort vier Termine, bevor er Amok lief.

Der 44-Jährige war seit 15 Jahren bei der Armee. Er hatte Einsätze in Bosnien und im Kosovo mitgemacht. Er war bereits vorher zweimal im Irak. Er wartete jene Roboter, die Sprengsätze aufspüren. Oft fliegen die Maschinen dabei in die Luft, und Russell setzte aus dem zerfetzten Kriegsschrott immer wieder neue Geräte zusammen. Er tat das auch an Orten, an denen kurz zuvor Bomben hochgegangen waren und Kameraden zerrissen wurden. Aus Russells Bataillon waren vor seinem Amoklauf acht Soldaten getötet worden.

Die Armee hat kein Rezept für den Umgang mit psychischen Leiden

Charles Jacoby, der damalige Vizekommandeur der US-Streitkräfte im Irak, ordnete nach den Schüssen eine Untersuchung an. Das Ergebnis: Die Armee steht Soldaten mit psychischen Problemen oft hilflos gegenüber.

Russells Kameraden waren wegen seines Verhaltens schon lange vor der Schießerei alarmiert. Er hatte häufig davon gesprochen, sich umbringen zu wollen, unter anderem beim Militärseelsorger - wobei dieser ohnehin routinemäßig als eine Art Selbstmord-Aufpasser missbraucht werde, schreiben die Autoren des Berichts. Auch Russells Vorgesetzter ahnte, wie es um seinen Mann stand. Drei Tage vor dem Massaker entfernte er den Schlagbolzen aus Russels Gewehr. Am Morgen der Tat war die Einheit so beunruhigt, dass ihm ein Begleiter zum Klinikbesuch mitgeschickt wurde. Ein Kommandeur hatte vorher angeordnet, dass Russell ständig von mindestens einem Mann beobachtet werden müsse. Tatsächlich gab es aber nicht genug Personal für eine Rund-um-die-Uhr-Kontrolle.

Im Abschlussbericht heißt es so schlicht wie beunruhigend: "Es gibt keine klaren Richtlinien, wie mit Soldaten umzugehen ist, die als selbstmordgefährdet gelten, und wie man sie überwacht." Eine Erkenntnis, die man allerdings schon früher hätte gewinnen können - es gab ähnliche Fälle. Ein Sergeant in Camp Tadschi 25 Kilometer nördlich von Bagdad zum Beispiel wurde von Militärärzten wegen psychischer Probleme behandelt; seine Vorgesetzten waren alarmiert und nahmen ihm das Gewehr ab. Der Mann schoss sich dann mit der Waffe eines Kameraden in den Kopf.

In Embryonalhaltung eingerollt im Spind

Für Schwäche ist im Krieg kein Platz. Wer zu viele Gefühle zeigt, wird zum Gespött, so sehr sich das US-Militär müht, Kriegsneurosen von diesem Stigma zu befreien. Aber es gibt immer wieder Berichte von Soldaten, die andere und sich selbst bedrohen. "Wenn es nicht aufhört, werde ich es beenden", sagte ein Soldat seinem Arzt, der ihn wegen PTSD behandelte. Erst dann ließ dieser dem Traumatisierten die Waffen wegnehmen.

Ein anderer Soldat drohte, sich oder seinem Kommandanten etwas anzutun, nachdem seine Frau angekündigt hatte, ihn zu verlassen. Im Januar 2009 fand ein Soldat einer Panzerdivision seinen Unteroffizier in einem Kleiderspind. Der Mann hatte sich in Uniform in Embryonalhaltung zusammengerollt. Mehrfach versuchte der Untergebene, den Mann anzusprechen. "Mit geschlossenen Augen bedeutete er dem Kameraden, still zu sein. Er nahm den Zeigefinger an die Lippen, sagte 'Pssst' und blieb reglos liegen." Der Soldat nahm dem Unteroffizier die Waffen ab. Sanitäter brachten ihn in die Erste-Hilfe-Station.

Soldaten, die PTSD-Symptome zeigen, werden manchmal sofort in einer medizinischen Evakuierung ausgeflogen. Andere kehren zu ihrer Einheit zurück und müssen bloß einen Kurs in Stressmanagement belegen. Bis das Militär insgesamt zu einem neuen Umgang mit dem Problem findet, wird es dauern.

Immerhin nimmt die Führung es inzwischen so ernst, dass das Verteidigungsministerium alle Soldaten künftig vor dem Einsatz in Seminare schicken will. Sie sollen lernen, sich gegen Traumata zu wappnen. Die Kosten des Vorsorgeprogramms: 117 Millionen Dollar pro Jahr.

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Forum - Sind die Opfer im Irak-Krieg zu rechtfertigen?
insgesamt 1528 Beiträge
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1. Krieg
Dr.Strangelove, 22.10.2010
Krieg und Vernunft passen nicht sonderlich gut zusammen. Es versucht immer eine Seite ihre Interessen mit Gewalt durchzusetzen. Partei ergreifen, ist da nichts weiter als Partei für die Schlächterei ergreifen.
2. nein
Antje Technau, 22.10.2010
Zitat von sysopDie Irak-Protokolle geben dem US-geführten Krieg in dem Land eine neue Perspektive - erstmals ist der Konflikt aus der Perspektive der Soldaten nachzuvollziehen. Im Lichte der neuen Entwicklungen: War dieser Feldzug gerechtfertigt?
nein. Dieser Krieg war damals ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg, der auf einer Lüge basierte. Auf der Lüge, Saddam Hussein hätte Massenvernichtungswaffen, unter anderem Atomwaffen, besessen und er hätte "mit Terroristen" unter einer Decke gesteckt. Wie schon vor dem Krieg jeder halbwegs gebildete und informierte Mensch wusste, hatte Saddam Hussein weder Atomwaffen noch sonstige nennenswerte Massenvernichtungswaffen noch hatte er je mit alQaeda etwas zu tun. Und daran hat auch der Showprozess und die Hinrichtung von Saddam Hussein nichts geändert. Auch, dass es im Irak nun eine "Demokratie" gibt, die den irakischen Frauen ihre Menschenrechte genommen hat und sie durch Scharia-Recht ersetzt hat, rechtfertigt diesen Krieg, seine Toten und die Folteropfer unter den Irakern nicht. Wo kämen wir da hin, wenn man - nur weil es heute mit dem Irak *vielleicht* wieder aufwärts geht, falls den Irakern ihre Bodenschätze nicht von US-Firmen gestohlen werden - diese "Erfolge" als Argument für völkerrechtswidrige Angriffskriege gelten lassen wollte? Da könnte man doch genauso gut die Saudis von ihrem Königshaus "befreien", damit "unser Öl" endlich in die richtigen Hände gerät...//Ironie off
3. Natürlich nicht
derKanoniker 22.10.2010
Zitat von sysopDie Irak-Protokolle geben dem US-geführten Krieg in dem Land eine neue Perspektive - erstmals ist der Konflikt aus der Perspektive der Soldaten nachzuvollziehen. Im Lichte der neuen Entwicklungen: War dieser Feldzug gerechtfertigt?
Natürlich nicht. Und bitte mal daran erinnern: Stoiber und Merkel waren für diesen Krieg.
4. Destabilisierung
ANDIEFUZZICH 22.10.2010
Zitat von sysopDie Irak-Protokolle geben dem US-geführten Krieg in dem Land eine neue Perspektive - erstmals ist der Konflikt aus der Perspektive der Soldaten nachzuvollziehen. Im Lichte der neuen Entwicklungen: War dieser Feldzug gerechtfertigt?
Absolut nicht.
5. .
roflem 22.10.2010
Der Krieg war nur wegen Öl geführt worden. Dafür zu töten war bestimmt nicht gerechtfertigt. Wenn das Öl mal alle ist und Kriege wegen Wasser geführt werden wären sie genauso ungerechtfertigt. Aber wir werden es nie verhindern können.
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