Treffen von Islamisten und Neonazis Holocaust-Leugner schwören auf Italien

In Italien soll am Samstag eine internationale Neonazi-Konferenz stattfinden: Jüdische Organisationen fordern ein Verbot des Treffens der Holocaust-Leugner.

Von Alva Gehrmann


Extreme Wende: Vize-Ministerpräsident Fini wandelte sich vom Faschisten zum regierungsfähigen Rechtskonservativen
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Extreme Wende: Vize-Ministerpräsident Fini wandelte sich vom Faschisten zum regierungsfähigen Rechtskonservativen

Berlin - In Verona schworen sich, so schrieb es einst William Shakespeare, Romeo und Julia ewige Liebe. Tausende von Touristen strömen alljährlich zu den Opernfestspielen in der antiken Arena, besuchen die Kunstschätze und bevölkern die Plätze der norditalienischen Stadt. Doch die Gruppe, die an diesem Samstag in Verona erwartet wird, hat für die Schönheiten der Stadt kaum einen Blick übrig.

Am 12. Oktober soll, auf Betreiben der rechtsradikalen "Nuovo Ordine Europeo", in der Stadt eine internationale Neonazi-Konferenz stattfinden. Das Treffen ruft bei jüdischen Organisationen Bestürzung hervor: Einige der Gäste sind namhafte Holocaust-Leugner - darunter der Franzose Vincent Reynouard und der in Schweden lebende Marokkaner Ahmad Rami.

Berlusconi-Regierung schwieg lange

Das Simon Wiesenthal Center hatte Italiens konservativen Ministerpräsident Silvio Berlusconi bereits im September über das Treffen informiert und ein Verbot verlangt. Durch die Veranstaltung würden "der Antisemitismus und der Terror gefördert und angestiftet", sagt Rabbi Abraham Cooper vom Wiesenthal Center.

Doch Berlusconis Regierung ließ sich Zeit. Erst am 7. Oktober, also unmittelbar vor der geplanten Neonazi-Konferenz, äußerte sich Vize-Ministerpräsident Gianfranco Fini, selbst einst Anführer einer neofaschistischen Organisation gegenüber der Öffentlichkeit: "Sollte vom Innenminister bestätigt werden, dass es sich dabei um eine Konferenz von Holocaust-Leugner handelt, ist dies ein Treffen, das niemals in Italien gehalten wird."

Noch aber ist offen, ob die italienischen Behörden überhaupt eingreifen können. Dem Innenminister wären die Hände gebunden, wenn die Neonazis das Treffen zu einer privaten Veranstaltung erklärten. Was einzelne Personen in ihren Wohnungen machen, darauf könne er keinen Einfluss nehmen, so Fini. Bislang allerdings gehen die Gegner der Holocaust-Leugner davon aus, dass sich die Gruppe in einem Hotel in Verona versammeln wird.

Nur eine kleine Meldung in der italienischen Presse

Das Thema selbst stieß in Italien bislang auf wenig Interesse. Überregionalen Zeitungen des Landes, wie etwa "L'Unita" und "Stampa", war es lediglich kleine Meldungen wert. In der "Unita", einst kommunistisches Parteiblatt, nun von einem Ex-Fiat-Manager auf linksalternativen Kurs getrimmt, äußerten sich auch Befürworter der Konferenz. Die "Forza Nuova", eine bekannte faschistische Organisation und Abspaltung der "Movimento Sociale Italiano" (MSI), hielt Fini sogar vor, die italienische Regierung lasse sich wegen der Intervention des Wiesenthal-Centrums von "ausländischen Gruppen" beeinflussen.

Dass sich die Neonazis ausgerechnet Italien als Tagungsland ausgesucht haben, ist kaum verwunderlich. Italien pflegt - im Gegensatz zur Bundesrepublik - einen vergleichsweise liberalen Umgang mit rechtsextremistischen Organisationen. In Deutschland müssten die Revisionisten mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen, würden sie ihre Thesen vertreten - die Leugnung des Holocaust kann hier zu Lande mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden.

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In Italien hingegen findet mit Billigung der Behörden statt, was in Deutschland undenkbar wäre: Alljährlich begehen Neofaschisten den Todestag ihres "Duce" Benito Mussolini, der am Ende des Zweiten Weltkrieges von italienischen Partisanen erschossen wurde. Auch Weinflaschen mit Etiketten des Duce und Adolf Hitlers werden im Handel vertrieben.

Italien galt den Organisatoren folglich als geeigneter Ort. Zumal sie im vergangenen Jahr gute Erfahrungen machen konnten. Kurzerhand hatten sie ihr Revisionisten-Treffen nach Italien verlagert, nachdem eine im Libanon geplante Konferenz kurzfristig verboten worden war. Damals hatte die libanesische Regierung das Treffen in Beirut nach der Intervention arabischer Intellektueller unterbunden.

Brisanz gewinnt das diesjährige Treffen vor allem nach den Terroranschlägen vom 11. September vergangenen Jahres. Die Konferenz in Verona sei ein Beispiel dafür, wie sich Neofaschisten und Islamisten verbinden, so das Wiesenthal-Center. Vor allem einer der bekanntesten Gäste, der marokkanische Holocaust-Leugner Rami, verbreitet auf seiner Homepage krude Verschwörungstheorien. Wegen seiner antisemitischen Äußerungen wurde der Marokkaner bereits in Schweden verurteilt. Dennoch propagiert er auf seiner Internetseite weiterhin den Holocaust "als gigantischen Bluff".

Finis Wandlung

Viele Italiener bezweifeln, dass Fini wirklich an einem Verbot gelegen ist. Anfang der neunziger Jahre wandelte der smarte Politiker unter seiner Führung die neofaschistischen Organisation "Movimento Sociale Italiano" um. Bis auf eine kleine Splittergruppe wurde aus MSI die rechtsnationale Partei "Alleanza Nazionale".

Eifrig ist Fini seitdem bemüht, sein Erscheinungsbild zu glätten. Während er 1994 Mussolini noch als den "größten italienischen Staatsmann des 20. Jahrhunderts" bezeichnete, äußert er sich heute moderat. Vor knapp einem Monat dann folgte sein bislang größter Coup: Stellvertretend für seine Partei bat er die Juden um Vergebung für die Verbrechen während der Mussolini-Ära.



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