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Tripolis: Bewaffnete entführen Libyens Regierungschef Ali Seidan

Milizen haben den libyschen Regierungschef Ali Seidan aus einem Hotel in Tripolis entführt. Sie bezeichnen ihre Tat als Vergeltung für die Verschleppung eines Qaida-Kommandeurs. Die Kampftruppen unterstehen formell dem Innenministerium - aber handeln oft auf eigene Faust.

Tripolis - In der libyschen Hauptstadt Tripolis haben bewaffnete Männer den Premierminister des Landes, Ali Seidan, aus einem Hotel entführt. Die Regierung schrieb in einer kurzen Mitteilung auf ihrer Internetseite, Seidan sei an einen unbekannten Ort gebracht worden. Bei den Entführern handelt es sich offenbar um frühere Rebellen, die vor zwei Jahren am Aufstand gegen Diktator Muammar al-Gaddafi beteiligt waren.

Ein Wachmann im Hotel Corinthia beschrieb den Vorfall als "Arrest". Schüsse seien nicht abgefeuert worden. Der Sender al-Arabija zeigte Bilder, auf denen Seidan von einer Gruppe Männer in Zivilkleidung umringt wurde.

Die Entführung ist die jüngste Eskalation im Machtkampf der Milizen in Tripolis. Die Kampfverbände sind aus der Rebellenkoalition hervorgegangen, die 2011 Diktator Muammar al-Gaddafi stürzte. Nach dem Tod des Despoten zerbrach die Allianz jedoch schnell. Dutzende bewaffnete Gruppen streiten in Libyen seither um Macht und Geld. Manche von ihnen kämpfen für einen islamistischen Staat, anderen verfolgen keine politischen Ziele.

Rache für Verschleppung eines Qaida-Kommandeurs

Die Regierung hat versucht, einen Teil der Milizen in staatliche Strukturen einzugliedern, und sie dem Innenministerium unterstellt. Trotzdem handeln die meisten von ihnen auf eigene Faust. Die Regierung beschuldigt zwei dieser dem Kabinett unterstellten Milizen, hinter der Entführung von Seidan zu stehen - die Gruppen nennen sich "Kommandoraum der Revolutionäre Libyens" beziehungsweise "Kampfbrigade gegen das Verbrechen".

Der libysche Ministerrat kam zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. Auch das Parlament werde sich mit der Lage befassen, hieß es. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, Ruhe zu bewahren.

Auf ihrer Facebook-Seite bekannte sich der "Kommandoraum der Revolutionäre Libyens" am Donnerstagmorgen zu der Tat. Die Gruppe teilte mit, sie habe Seidan festgenommen, weil dieser gegen Bestimmungen des Strafgesetzbuches verstoßen habe. Außerdem sei seine Regierung korrupt. Ein Sprecher der Miliz sagte gegenüber al-Arabija: "Die Festnahme erfolgt nach dem Statment von John Kerry, in dem dieser sagte, dass die libysche Regierung vorab von der geplanten Festnahme von Abu Anas al-Libi informiert war."

Der Qaida-Kommandeur Libi war am vergangenen Samstag von einem US-Spezialkommando in Tripolis gefangenund außer Landes gebracht worden war. Seidan hatte Angehörige der Familie am Mittwoch empfangen und ihnen versichert, seine Regierung werde alles unternehmen, was in ihrer Macht stehe, "um seine Rechte zu garantieren".

Der Justizminister stellte klar, dass kein Haftbefehl gegen Seidan vorliege. "Das ist keine Verhaftung, sondern eine Entführung", sagte der Politiker bei CNN.

Angriffe auf die Regierung häufen sich

Der "Kommandoraum" hatte sich auch am Montag zu Wort gemeldet. In einer Mitteilung kündigte die Gruppe an, sämtliche Ausländer aus Libyen "auf nicht offizielle Weise" aus dem Land vertreiben zu wollen - als Reaktion auf die Verschleppung von Libi.

Das Hotel Corinthia, aus dem Seidan entführt wurde, gehört zu den Top-Adressen der libyschen Hauptstadt. Mehrfach waren ausländische Staats- und Regierungschefs wie Nicolas Sarkozy in dem Haus zu Gast. Im Juli gab es einen versuchten Mörserangriff auf das Gebäude.

Seidan steht seit Ende 2012 an der Spitze der libyschen Regierung. Zwei Jahre nach dem Sturz des langjährigen Machthabers Gaddafi ist das Land noch immer tief gespalten, die Lage in vielen Landesteilen unsicher. Die Regierung bemüht sich, den Einfluss rivalisierender Stammesmilizen und radikaler Islamisten einzudämmen.

Immer wieder gibt es Angriffe auf die Führung in Libyen. Im April hatten Dutzende Bewaffnete das Außenministerium in Tripolis umstellt und die Mitarbeiter am Zutritt gehindert. Die Aufständischen blockierten das Gebäude mit mindestens 20 Transportern, die mit Flugabwehrgeschützen beladen waren.

Zuvor hatten Bewaffnete versucht, das Innenministerium sowie die staatliche Nachrichtenagentur zu stürmen. Premierminister Seidan sagte damals: "Die Attacken werden uns nicht zermürben, wir werden nicht aufgeben."

syd/kgp/Reuters

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insgesamt 46 Beiträge
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1. Tja
warumeigentlich 10.10.2013
Als westlicher Bürger war und bin ich verwundert über die Verantwortungslose Destabilisierung der Nordafrikanischen Länder. Das gilt auch für Syrien. Warten wir nur noch ein bisschen ab und wir werden uns solche Gaddafis 2.0 sehnsüchtig wünschen.
2. Al-Kaida
franklin1157 10.10.2013
Wenn diese Aktion die Folge der Festnahme des Al-Kaida Mannes Anas-al-Libi war, dann werden es wohl diese Verbrecher gewesen sein. Wieso drückt man sich in dem Artikel so vorsichtig aus? Ansonsten wäre einer Darstellung der aktuellen Lage in diesem Land interessant, aus der sich mögliche andere Motive ableiten ließen.
3.
ewspapst 10.10.2013
Zitat von sysopREUTERSSie waren bewaffnet und drangen in sein Hotel ein: In Tripolis haben Unbekannte den libyschen Regierungschef Ali Zeidan verschleppt. Sicherheitskreise spekulieren über frühere Milizen als Täter. http://www.spiegel.de/politik/ausland/tripolis-bewaffnete-entfuehren-libyschen-premier-a-927053.html
Immer wieder gibt es Angriffe auf die Führung in Libyen. Nach dem Sturz und Tod Gaddafis im Jahr 2011 haben Milizen an Macht gewonnen. Ihre Entwaffnung ist eine der größten Herausforderungen der Regierung in dem nordafrikanischen Land.Konnten wir hier lesen. Meine Frage dazu: Es war doch für die Wiligen ganz leicht, diese Leute zu bewaffnen, um mit ihnen an Gaddafis Öl zu kommen. Nun können sie ihnen doch die gelieferten Waffen wieder abnehmen, denn sie kennen diese Gangster doch alle. Wenn man ihnen auch noch den Geldhahn zudreht, wäre dort doch sofort Schluss.
4. Obamas Schuld?
heldenstadt 10.10.2013
Und wieder einen Staat planlos ins Chaos gestürzt. Dasselbe würde höchstwahrscheinlichmit dem säkularen Syrien passieren, wenn Assad von den sauberen Demokraten aus Saudi-Arabien und Obamas Schergen geputscht würde. Das Hauptproblem besteht in der ununterbrochenen Finanzierung und Bewaffnung sogenannter "Rebellen" seitens Saudi-Arabiens, Qatars, etc. Deutschland könnte z.B. den Botschafter dieser Länder einbestellen, um ein klares Signal zu senden. Oder aufhören, Waffen an diese Regime zu liefern. Libyen selbst bräuchte - wie der gesamte afrikanische Kontinent - ein systematisches Aufbauprogramm wie den Marshall-Plan. Dann hätten die Leute eine Existenzgrundlage, die Islamisten keinen Nährboden mehr, und die normale Bevölkerung keinen Grund, über's Mittelmeer nach Europa zu flüchten bzw. schon vorher elendig dahin zu siechen.
5. Ein Job der Falken?
cosy-ch 10.10.2013
Nachdem sich die USA erlaubt hatte, gegen sämtlichen völkerrechtlichen und humanitären Regeln zu verstossen (Entführung von Isi) ist jetzt womöglich der Regierungsschef dran. Zitat SPON: " Ministerpräsident Ali Seidan pocht darauf, dass die USA den Qaida-Kommandeur umgehend ausliefern. Eine Spezialeinheit der US-Armee hatte den 49-Jährigen am Samstag in seiner Heimatstadt Tripolis gefangengenommen."
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Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt und Regierungschef:
Fayez Sarraj (Präsident des Präsidialrates)

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