Trittin bei der Bundeswehr in Mali: Auf ein Bier an der Malaria-Bar

Aus Koulikoro berichtet

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Jürgen Trittin: Unterstützung für den Afrika-Einsatz

Grünen-Fraktionschef Trittin hat das Bundeswehr-Kontingent in Mali besucht. Die Soldaten betreiben hier ein Lazarett und sollen malische Pioniere ausbilden. Die ärgsten Feinde der Deutschen sind aber momentan die Moskitos und die Hitze.

Draußen am Ufer des Niger gönnen sich die Menschen wegen der Nachmittagshitze Ruhe, sie suchen Schatten unter den Bäumen am Fluss. Drinnen in der Kaserne dagegen ist einiges los. Ein Zug malischer Soldaten marschiert über das Gelände der Offiziersschule, in kurzen Hosen, drei Mann in 13 Reihen, nach Größe sortiert, sie singen laut und halten den Gleichschritt. Kurz danach nähert sich ein Zug von Männern in Kampfanzügen, erschöpft vom Manöver im Gelände, die Gewehre am langen Arm, die Rucksäcke baumeln von den Schultern. Hinten auf dem Fußballplatz übt eine dritte Einheit Personenkontrollen.

Hier in Koulikoro, eine Stunde entfernt von der Hauptstadt Bamako, soll die malische Armee wieder neu entstehen. Das erste Bataillon mit rund 670 Soldaten befindet sich gerade in der elfwöchigen Grundausbildung. Es ist eine Art Stunde Null für die Streitkräfte des Landes, und die Bundeswehr soll bei der Neugründung helfen.

Im Norden des Landes hatten aufständische Tuareg und Islamisten die regulären Truppen des Wüstenstaates voriges Jahr gedemütigt und vertrieben. Erst eine massive Intervention französischer Elitetruppen im Januar rettete Mali vor der kompletten Übernahme durch die Rebellen, die bereits in zwei Marschsäulen Richtung Hauptstadt Bamako unterwegs waren.

Crashkurs für die malischen Streitkräfte

Die französischen Befreier stellten rasch fest, dass mit den Soldaten des Gastlandes nicht viel Staat zu machen war. In hohem Tempo hat nun die EU eine Ausbildungsmission geschaffen, die seit Anfang April die neu aufgestellten malischen Einheiten trainiert. Gut achtzig Soldaten der Bundeswehr sind daran beteiligt. Sie betreiben das Lazarett und sollen die Pioniere der malischen Kampfbataillone ausbilden.

Die deutschen Pionierausbilder sind diese Woche gekommen, sie steigen erst in die Schulungen ein, wenn die malischen Soldaten die Grundlagen des Kämpfens gelernt haben. Das Lazarett dagegen gehörte zu den ersten Einrichtungen der "EU Training Mission" EUTM. Die deutschen Ärzte und Sanitäter betreiben eine Art Kreiskrankenhaus in Zelten - Unfallchirurgie, Intensivbetreuung und OP-Saal inklusive.

Die Blitzintervention der Franzosen hat die deutschen Soldaten beeindruckt. Paris hatte binnen Tagen Tausende von Soldaten von mehreren Standorten in Westafrika nach Mali geschickt und die Rebellen völlig überrascht. Doch der militärische Sieg nützt wenig, wenn die Malier ihr Land nicht selbst zu sichern lernen. Vier Bataillone, jedes ein paar hundert Mann stark, sollen jeweils elf Wochen lang ausgebildet werden, das macht zusammen ein Jahr Ausbildung.

Reicht das, um eine neue Armee zu schaffen? Immerhin reichten die Crashkurse, "um kleine Kampfgemeinschaften zu bilden und einen Korpsgeist zu schaffen", sagt der deutsche Presseoffizier Daniel Gärtner.

Auch Oberstleutnant Nouhoum Mamadou Traore ist optimistisch. "In einem Jahr können wir zurecht kommen", sagt er. Der 43-Jährige ist Kommandeur der Offiziersschule, die die Ausbildungsmission beherbergt. Er hat in Deutschland die Generalstabsausbildung durchlaufen, kann ausgezeichnet Deutsch und ist ein denkbar guter Gastgeber für die internationale Truppe.

An den Unterkünften der Soldaten hängen die Fahnen der verschiedenen Herkunftsländer - kein Problem für die malische Souveränität, hat Traore signalisiert. Beim Patriot-Einsatz in der Türkei hatten die Gastgeber es den deutschen Gästen verwehrt, die Flaggen und Ortsschilder aus der Heimat in der Kaserne zu zeigen.

Und täglich Prophylaxe gegen Malaria

Der grüne Fraktionsvorsitzende Jürgen Trittin und seine Kollegin Katja Keul sind für ein paar Stunden nach Koulikoro gekommen, um sich über die deutsche Auslandsmission zu informieren. Die Grünen besuchen das Lazarett, sie inspizieren die Unterkünfte der Truppe und plaudern im Schatten der Bäume an der "Malariabar".

So nennen die Deutschen ihren Erholungsraum im Freien, hier dürfen sie abends bis zu zwei Dosen Bier trinken. Die Soldaten nehmen täglich Prophylaxemittel gegen Malaria - hier am Ufer des Niger sind die Moskitos der größte Feind.

Trittin unterstützt den Einsatz, und noch mehr: Er ist sich sicher, dass das Bundeswehrmandat für den Afrika-Einsatz verlängert werden muss: "Es wird nicht bei vier Bataillonen im Training bleiben, um eine völlige Neugründung der Armee hinzukriegen", sagt er. "Es ist schon heute klar, dass es ein weiteres Mandat geben muss."

Trittin hatte nicht nur mit den deutschen Soldaten, sondern auch mit den Chefs der französischen Missionen geredet. In Bamako traf er den Kommandeur der EU-Mission, aber auch den Befehlshaber der Kampftruppen aus der Operation Serval. Beide waren klar in ihrer Botschaft: Auch nach der Grundausbildung im Koulikoro können die malischen Truppen nicht aus eigener Kraft den Norden des Landes sichern.

Da die Franzosen ihre Truppen jedoch drastisch reduzieren wollen, denken sie schon über eine Zwischenlösung nach. Möglich wäre es etwa, die Bataillone nach der Ausbildung in den Einsatz zu begleiten. Modell könnte das Partnering in Afghanistan sein, wo lokale und internationale Soldaten gemeinsam kämpften. Eine europäische Eskorte könnte nebenbei darauf achten, dass die Malier bei der Rückkehr in den Norden keine Massaker an den ehemaligen Rebellen anrichten.

Droht eine neue, gefährliche Aufgabe für die Deutschen? Trittin gibt Entwarnung: Das wollen die Franzosen wohl allein machen. Auch französische Offiziere signalisieren, dass sie eine solche Mission eher als Abschluss ihres nationalen Kampfeinsatzes sähen denn als Teil der Ausbildung.

Diese Ausbildungsmission trägt der Grüne Trittin in Mali voll und ganz mit. In Bamako redet er auch mit dem malischen Verteidigungsminister darüber. Der bedankt sich artig, äußert freilich noch ganz andere Wünsche. Ausbildung sei gut und schön, Hubschrauber und Kampfflugzeuge dagegen würden den Streitkräften noch mehr helfen. Da ist für Trittin dann aber die Grenze der Hilfsbereitschaft überschritten.

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insgesamt 13 Beiträge
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1.
antilobby 19.04.2013
Versucht er, pazifistische Ideale unter Berufssoldaten zu bringen?
2.
marvink1987 19.04.2013
Somalische Streitkräfte? In Mali?
3. Na, da...
wutentbrannt 19.04.2013
Zitat von sysopDPAGrünen-Fraktionschef Trittin hat das Bundeswehr-Kontingent in Mali besucht. Die Soldaten betreiben hier ein Lazarett und sollen malische Pioniere ausbilden. Die ärgsten Feinde der Deutschen sind aber momentan die Moskitos und die Hitze http://www.spiegel.de/politik/ausland/trittin-in-mali-besuch-der-bundeswehr-in-koulikoro-a-895470.html
... werden sich die Soldaten aber gefreut haben. Schließlich sind die Grünen die zweitärgsten Feinde der Bundeswehr. Es hätte also schlimmer kommen können. Z. B. im Falle eines Gysi-Besuchs.
4. Egal
Layer_8 19.04.2013
Zitat von marvink1987Somalische Streitkräfte? In Mali?
hauptsache Afrika
5. Wenn es nicht
blue.sky 19.04.2013
pure Realität wäre - ein Kalauer könnte kaum besser sein. Master Trittin als Volkstribun - besser kann man die Hilflosigkeit der homogenen Grünen kaum manifestieren. Claudia ist zum "Händchen halten mit den Genossen" gut genug und Tritty macht einen auf Volksnähe. Die Etablierten scheinen angesichts der aussichtslosen Situation in Europa völlig die Fassung zu verlieren. Man kann nur hoffen, dass alles glimpflich abläuft. Potenzial zum Überkochen hat die Situation allemal. Die Hoffnung stirbt zuletzt....
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Bevölkerung: 15,370 Mio. Einwohner

Fläche: 1.240.194 km²

Hauptstadt: Bamako

Staatsoberhaupt:
Ibrahim Boubacar Keita

Regierungschef: Moussa Mara

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